Niklas Luhmann
Einführung in die Systemtheorie
Carl Auer 2004

Schlüsselbegriffe: Selbstorganisation - Autopoiesis - These operativer Geschlossenheit - Struktur - Gedächtnis


pg 100
Frage der Selbstorganisation und der Autopoiesis.

Es steckt eine Absicht dahinter, auch dies von der These operativer Geschlossenheit her zu sehen. Ich glaube nach vielen Erfahrungen aus Diskussionen über Selbstorganisation und über Autopoiesis, dass die These der operativen Geschlossenheit der Ausgangspunkt ist, von dem aus man diese beiden Begriffe erklären sollte, und nicht umgekehrt. Und dies, obwohl die Theoriegeschichte in der wissenschaftlichen Genese dieser Diskussion umgekehrt gelaufen ist; man hat die operative Geschlossenheit auf dem Umweg über die Autopoiesis entdeckt und nicht umgekehrt.

Zunächst einmal zu diesen beiden Begriffen. Es handelt sich um zwei verschiedene Begriffe, die ich bewusst auseinander halte. Beide bauen auf dem Theorem operativer Geschlossenheit auf, das heißt, beide haben nicht nur einen differenzialistischen, sondern auch einen prinzipiell operativen Systembegriff als Grundlage. Das heißt immer wieder, dass dem System nur eigene Operationen zur Verfügung stehen. Es gibt im System nichts anderes als eigene Operationen, und zwar für zwei verschiedene Dinge, nämlich zum einen für die Bildung eigener Strukturen: Die Strukturen eines operational geschlossenen Systems müssen durch die eigenen Operationen aufgebaut werden. Anders ausgedrückt, es gibt keinen Strukturimport. Das heißt "Selbstorganisation".

Und zum anderen: Das System hat nur eigene Operationen zur Verfügung, um den historischen Zustand zu determinieren, wenn man so will, die Gegenwart, von der alles Weitere ausgehen muss. Gegenwart ist, was das System betrifft, durch die eigenen Operationen bestimmt. Was ich jetzt gerade gesagt habe, ist der Punkt, von dem ich ausgehen muss, wenn ich mir überlege, was ich weiterhin sagen kann. Was ich jetzt gerade denke, was im Moment in meinem Bewusstsein passiert, was ich wahrnehme, ist das, was Ausgangspunkt für die Verständlichkeit weiterer Wahrnehmungen ist. Ich weiß, dass ich in diesem Raum hier an dieser Stelle bin, und wenn ich erratische Sprünge machen würde, müsste ich mir überlegen, ob ich irgendwelche Drogen genommen habe und deswegen die normale Kontinuität der Wahrnehmung zur Unterstützung der Interpretation überraschender Ereignissen nicht mehr realisieren kann. Wir haben es mit zwei Sachverhalten zu tun: erstens mit "Selbstorganisation" im Sinne einer Erzeugung einer Struktur durch eigenen Operationen und zweitens mit "Autopoiesis" im Sinne einer Determiniation des Zustandes, von dem aus weitere Operationen möglich sind, durch die Operationen desselben Systems.

Ich möchte erst einmal etwas über Selbstorganisation sagen. Vielleicht ist es am besten, sich zunächst klar zu machen, dass Strukturen bei einer operationalistischen, operativen Theorie nur in dem Moment wirksam sind, in dem das System operiert. Hier sehen Sie wieder eine Distanz zu klassischen Vorstellungen, denn dies widerspricht der Vorstellung, dass Strukturen das Beständige sind und Prozesse oder Operationen das Vergehende.

Die Strukturen sind in dieser Theorie nur in der Gegenwart relevant. Sie können nur benutzt werden, wenn man so sagen darf, wenn das System operiert, und alles, was irgendwann einmal geschehen ist oder irgendwann einmal geschehen wird, ist entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft, aber nicht aktuell. Alle zeitübergreifenden Strukturbeschreibungen, also alles, was man sieht, wenn man sieht, dass wir diese Vorlesung immer zur selben Stunde im selben Raum mit vielleicht nicht immer denselben Anwesenden, aber jedenfalls immer mit demselben Vortragenden durchführen, ist eine Struktur, die wiederum einen Beobachter erfordert, für den dasselbe gilt, der dies auch nur beobachtet, wenn er es beobachtet, das heißt, wenn er in Tätigkeit, in Operation ist. Gleichgültig, ob man das System in Operation bedenkt oder die Operation auf die Beobachtung anderer Operationen bezieht, alles ist relativiert auf ein Thema der Gleichzeitigkeit, der Gegenwart, der Aktualität. Das System muss in Operation sein, um Strukturen benutzen zu können.

Dann sieht man auch, dass die Beschreibung - wenn man nun wissen will, was eine Struktur ist, was eine psychologische Struktur ist, wie man Personen charakterisieren, wie man sie beschreiben, wie man ihre Gewohnheiten schildern würde oder, wenn man an soziale Systeme denkt, wie man eine Universität beschreibt - wiederum die Beschreibung eines Beobachters ist. Man identifiziert die Strukturen, tut dies jedoch nur dann, wenn ein System, das dies tut, dies tut. Das impliziert eine vollständige Relativierung des deskriptiven Kennzeichnens von Strukturen auf ein operierendes System.

Und das bedeutet, dass man dementsprechend auch die Vergangenheitsprojektionen, also die Rückgriffe auf Vergangenheit und ebenso die Vorgriffe auf Zukunft auf diese Theorie einstellen muss. Die Struktur ist jeweils nur aktuell wirksam; und was an vergangenen Daten im Moment benutzt wird, hängt damit zusammen, was an Zukunftsprojektionen aktualisiert wird. Es gibt in der Gegenwart und nur in der Gegenwart die Kopplung von etwas, was man üblicherweise Gedächtnis nennt, und etwas, was man normalerweise Erwartung oder Projektion nennt - oder auch Zwecke; wenn man an Handlungen denkt.

Das Gedächtnis ist keine gespeicherte Vergangenheit. Das Vergangene ist vergangen und kann nie wieder aktuell werden. Das Gedächtnis ist eher eine Art von Konsistenzprüfung, wobei es typisch nicht notwendig ist, sich zu erinnern, wann man etwas Bestimmtes gelernt oder nicht gelernt hat. Wenn ich jetzt deutsch spreche, brauche ich nicht zu wissen, wann ich diese Sprache gelernt habe und wie es überhaupt dazu gekommen ist oder wann ich bestimmte Worte wie „Autopoiesis" zum ersten Mal benutzt habe oder zum ersten Mal gelesen habe. Entscheidend für das, was man in der Zukunft im Kontext von Erwartungen, von Antizipationen, von Zielsetzungen und dergleichen erreichen will, ist die aktuelle Abrufbarkeit, die aktuelle Prüfung der Verwendungsbreite.

Niklas Luhmann

Systemtheorie

Kognition - Gedächtnis




HOME | SAL | TEXTE | BOE