Niklas Luhmann
Einführung in die Systemtheorie
Carl Auer 2004

Schlüsselbegriffe: Operationen - der Beobachter - Jetzt erscheint der Beobachter. Nun wird alles anders. Damit wird die ganze Theorieanlage verändert, und zwar weg von der etwas einfachen ontologischen Sprache, die ich bisher benutzt habe, denn ich habe ja gesagt, dass es Operationen gibt, dass man auf sie achten muss. Jetzt jedoch stellen wir die Frage, wer das denn sagt. - relativiert man die Ontologie. Tatsächlich muss man den Gedanken an einen Beobachter immer mitführen, wenn man sagen will, was der Fall ist, muss also immer einen Beobachter beobachten, einen Beobachter benennen, eine Systemreferenz bezeichnen, wenn man Aussagen über die Welt macht. - Wenn man den Beobachter einführt, gibt es nichts, was unabhängig vom Beobachter gesagt werden kann. „Alles, was gesagt wird, wird durch einen Beobachter gesagt", sagt Maturana. - ein Riss durch die ganze Systemtheorie geht, je nachdem, ob man auf der Ebene der Beobachtung erster Ordnung, wie wir jetzt sagen müssen, bleibt und Sachverhalte, Objekte beschreibt - Bereich der Beobachtung zweiter Ordnung - Ich habe Gründe für die Annahme, dass in der modernen Gesellschaft die Beobachtung der Beobachter, das Verlagern von Realitätsbewusstsein auf die Beschreibung von Beschreibungen, auf das Wahrnehmen dessen, was andere sagen oder was andere nicht sagen, die avancierte Art, Welt wahrzunehmen, geworden ist, und zwar in allen wichtigen Funktionsbereichen, in der Wissenschaft ebenso wie in der Ökonomie, in der Kunst ebenso wie in der Politik. - Unterscheidung zwischen Beobachten und dem Beobachter: Beobachten wird als eine Operation gesehen und der Beobachter als ein System, das sich bildet, wenn solche Operationen nicht nur Einzelereignisse sind, sondern sich zu Sequenzen verketten, die sich von der Umwelt unterscheiden lassen. - Der Beobachter ist nicht ohne weiteres ein psychisches System, er ist nicht ohne weiteres Bewusstsein. Er ist ganz formal definiert: Unterscheiden und Bezeichnen. Das kann auch eine Kommunikation. Man redet über etwas Bestimmtes und greift das, worüber man redet, als Thema heraus -





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Beobachten - Beobachter

...jetzt kommt ein Einschnitt. Bisher habe ich immer nur von Operationen gesprochen, ausgehend von der Grundannahme, die auch jetzt erhalten bleibt, dass man, wenn man Systeme in der Art, wie sie sich selber erzeugen, verstehen will, von der Operation und nicht von letztlich unauflösbaren Elementen ausgehen muss.

Jetzt erscheint der Beobachter. Nun wird alles anders. Damit wird die ganze Theorieanlage verändert, und zwar weg von der etwas einfachen ontologischen Sprache, die ich bisher benutzt habe, denn ich habe ja gesagt, dass es Operationen gibt, dass man auf sie achten muss. Jetzt jedoch stellen wir die Frage, wer das denn sagt. Ich kann natürlich sagen: "Ich aber sage euch, ich bin der Beobachter, ich bin der Redner, und dies ist meine Art und Weise, mich auszudrücken; wenn ihr begreifen wollt, was ihr sagt, müsst ihr zunächst einmal sehen, dass ich es sage, was immer das für andere bedeuten mag." Wenn man den Beobachter einführt, den Sprecher oder den, dem etwas zuzurechnen ist, relativiert man die Ontologie. Tatsächlich muss man den Gedanken an einen Beobachter immer mitführen, wenn man sagen will, was der Fall ist, muss also immer einen Beobachter beobachten, einen Beobachter benennen, eine Systemreferenz bezeichnen, wenn man Aussagen über die Welt macht.

Wenn man diese Theorieschwelle einmal nimmt, geht das überhaupt nicht mehr pur. Es gibt dann keine beobachtungslose Welt, sondern der, der sagt, dass es das gibt, der sagt es dann eben. Man muss dann wissen, dass es hier eine Theorie, ein System, eine Wissenschaft, eine Kommunikationsweise, ein Bewusstsein oder was immer gibt, das behauptet, die Welt sei so und so beschaffen.

Im Vergleich zur Tradition, wenn ich mich für einen Moment auf das philosophische Terrain begeben darf, ist die Ontologie nicht mehr eine Realitätsannahme, die geteilt wird und von der man unterstellen darf, dass alle, wenn sie nur genügend nachdenken, dieselben Sachverhalte sehen, sondern die Ontologie wird selbst zu einem Beobachtungsschema, nämlich zu einem Beobachtungsschema anhand der Differenz: Es ist oder es ist nicht der Fall, also anhand der Differenz von Sein und Nichtsein.

Man könnte die ontologische Tradition als die Entdeckung dieser Unterscheidung beschreiben. Ob man dies als Philosoph akzeptiert oder nicht, wir haben es jetzt immer mit einer Weltbeschreibung zu tun, die die Sachverhaltsdarstellung inklusive Zwecken, Handlungsbereitschaften und dergleichen durch die Referenz auf einen Beobachter filtert. Man hat immer die Frage, wer das sagt und wer das tut und von welchem System aus die Welt so und nicht anders gesehen wird.

Sie werden sich erinnern, dass ich schon während der bisherigen Vorlesung Schwierigkeiten hatte, den Beobachter außen vor zulassen. Zum Beispiel habe ich bei der Behandlung des Bereichs der Kausalität schon sagen müssen, weil ich mir anders nicht zu helfen wusste, dass die Kausalität ein Beobachtungsschema ist. Der eine hält diese Konstellation von Ursache und Wirkung für wichtig, der andere hat andere Zuschnitte des Relevanten, andere Zeithorizonte, andere Tendenzen, Kausalität statt etwas anderes zu sehen. Wir sind auch bisher ohne die Relativierung auf einen Beobachter oder ohne die Weisung, den Beobachter zu beobachten, wenn man wissen will, was der Fall ist, nicht zurechtgekommen. Mit dem Abschnitt über „Beobachten" will ich diese Position nur radikalisieren. Wenn man den Beobachter einführt, gibt es nichts, was unabhängig vom Beobachter gesagt werden kann. „Alles, was gesagt wird, wird durch einen Beobachter gesagt", sagt Maturana.

Im Moment ist nur wichtig, dass Sie sehen, dass ein Riss durch die ganze Systemtheorie geht, je nachdem, ob man auf der Ebene der Beobachtung erster Ordnung, wie wir jetzt sagen müssen, bleibt und Sachverhalte, Objekte beschreibt - „Es gibt" Operationen, „Es gibt" Sozialisation, „Es gibt" Bewusstsein, „Es gibt" Leben und so weiter - und dies dann so setzt, als ob es selbstverständlich wäre, als ob es keine Möglichkeiten anderer Unterscheidungen, anderer Thematisierungen gäbe - die Welt wird so dargestellt, als ob sie kompakt so da wäre, wie sie beschrieben wird -, oder ob man sich auf die Variation einlässt, dass alles im Hinblick auf eine Referenz, auf einen Beobachter, ein beobachtendes System oder eine beobachtende Operation gleichsam modalisiert wird. Ich habe Gründe für die Annahme, dass in der modernen Gesellschaft die Beobachtung der Beobachter, das Verlagern von Realitätsbewusstsein auf die Beschreibung von Beschreibungen, auf das Wahrnehmen dessen, was andere sagen oder was andere nicht sagen, die avancierte Art, Welt wahrzunehmen, geworden ist, und zwar in allen wichtigen Funktionsbereichen, in der Wissenschaft ebenso wie in der Ökonomie, in der Kunst ebenso wie in der Politik. Man informiert sich über Sachverhalte nur durch Blick auf das, was andere darüber sagen. Man selbst kann auch ein anderer sein, man braucht nicht dasselbe für wahr zu halten, aber wenn man sich dazu kritisch einstellen wollte, müsste man sich selbst beobachten und sich überlegen, welche Gründe man hat, diese Meinung nicht zu teilen, diese Mode zu überspringen, diese Politik für schlecht zu halten, obwohl andere sie für gut halten.

In dem Konzept des Beobachters wird, ich sage das im Moment noch sehr vage, eine bestimmte Modernität und im Vergleich zur Tradition ein Realitätsverlust formuliert. Wir brauchen nicht mehr zu wissen, wie die Welt ist, wenn wir wissen, wie sie beobachtet wird, und wenn wir uns im Bereich der Beobachtung zweiter Ordnung orientieren können. Wenn jemand kommt und behauptet, er wüsste es, und uns zu belehren versucht, können wir immer fragen, und diese Tendenz haben wir sicherlich, wer er denn ist und wo er denn herkommt: „Da kann ja einer von der Post kommen." Jemand sagt, was er meint, und wir sollen das als Tatsache akzeptieren? Wir machen uns lieber unseren eigenen Vers auf die Sachen und richten uns nach legitimierenden Systemen wie Wissenschaft, Ökonomie, Politik oder Massenmedien, von denen wir nicht unabhängig sind, die aber ihrerseits auch wiederum nur Beobachtungen beobachten.

6. BEOBACHTEN

Siebte Vorlesung

Wir haben in der letzten Stunde schon angedeutet, dass jetzt der Beobachter zur Sprache kommt. Über den Beobachter kann nur wiederum ein Beobachter sprechen, sodass wir bereits mitten in einem Zirkel sind, der uns in die Gefahr bringt, alles, was bisher gesagt worden ist, noch einmal mit dem Index sagen zu müssen, wer das denn beobachtet oder wer das denn sagt. Es gibt eine eigentümliche Radikalität des Konzeptes, die in der Literatur nie ausreichend erläutert wird. Es gibt Formulierungen, die darauf hindeuten, aber Sie hätten wahrscheinlich große Mühe, unter dem Stichwort „observer" eine ausreichende Information darüber zu finden, was da vor sich geht.

Zunächst einmal denke ich, dass man mit einer Unterscheidung zwischen Beobachten und dem Beobachter anfangen sollte. Beobachten wird als eine Operation gesehen und der Beobachter als ein System, das sich bildet, wenn solche Operationen nicht nur Einzelereignisse sind, sondern sich zu Sequenzen verketten, die sich von der Umwelt unterscheiden lassen.

Wir verwenden damit Begriffe, die bereits vorgekommen sind, und das ist nicht ganz ohne Bedeutung. Um den Beobachter zu beschreiben, benutzen wir eine Terminologie, an die wir uns, so hoffe ich, bereits gewöhnt haben. Wir beschreiben eine Operation, die nur ereignishaft, in einem bestimmten Moment, vorkommt, und wir verwenden einen Terminus für das, was entsteht, wenn diese Operation sich verkettet und zu einer Differenz zwischen System und Umwelt führt. Wir befinden uns mit den Begriffen Operation und System auf einer vertrauten Ebene. Der Beobachter kommt nicht irgendwie oberhalb der Realität vor, er fliegt nicht über den Dingen und betrachtet nicht von oben, was vor sich geht. Er ist auch, auf diesen Vergleich komme ich zurück, kein Subjekt außerhalb der Welt der Objekte, sondern er ist mittendrin, „mittenmang" könnte man sagen, wenn man sich im norddeutschen Raum zurechtfindet.

Es geht um Operationen, und dies in einem zweifachen Sinne. Einerseits beobachtet der Beobachter Operationen, aber um das tun zu können, muss er selber operieren können. Wenn er nicht beobachtet, dann beobachtet er eben nicht. Und wenn er es tut, dann muss er es tun. Insofern ist er innerhalb der Welt, die er in der einen oder anderen Weise zu beobachten oder zu beschreiben versucht.

Einerseits beobachtet der Beobachter Operationen, andererseits ist er selber eine Operation. Anders denn als Operation kann er gar nicht vorkommen. Er ist ein Gebilde, das sich aus der Verkettung von Operationen bildet.

Mit dieser Unterscheidung von Operation und Beobachtung entwickelt sich eine Unterscheidung, die möglicherweise noch jenseits der Systemtheorie liegt, die noch abstrakter ist und vielleicht Aussichten hat, einmal die grundlegende Theorie einer interdisziplinären Wissenschaft zu werden. In diesem Rahmen wäre die Unterscheidung von System und Umwelt eine Art zu beobachten, neben der es andere gibt, zum Beispiel die Unterscheidung von Zeichen und Bezeichnetem, von Form und Medium oder was immer an Anwartschaften im Moment sichtbar ist. Von daher gesehen, ist die Unterscheidung von Operation und Beobachtung radikaler als die Systemtheorie. Andererseits fängt die Systemtheorie diese Unterscheidung wieder ein, wenn sie einen operativen Ansatz akzeptiert, wenn sie also das Konzept der operativen Geschlossenheit der Autopoiesis in sich aufnimmt und beschreibt, wie es kommt, dass eine Beobachtung durch das System produziert wird, das durch sie produziert wird. Und in dieser zirkulären Vernetzung liegt eine der Eigentümlichkeiten der heutigen Diskussion, die mit klassischen philosophischen Begriffen nur schwer kombiniert werden kann und die ein Indikator für die eigentümliche Radikalität und Unabhängigkeit der Perspektive ist. Es muss uns klar sein, dass wir hier auf ein Terrain kommen, das bisher üblicherweise in der Philosophie behandelt wurde, auch wenn die Begriffe und ihre Anregungen nicht aus der Interpretation klassischer philosophischer Texte entstanden sind.

Was ist nun die Spezifik der Operation Beobachtung? Ich möchte vorschlagen, diese Frage in der Terminologie von Spencer Brown zu behandeln und zu sagen: Beobachten ist das Handhaben einer Unterscheidung zur Bezeichnung der einen und nicht der anderen Seite.

Dies gilt, obwohl bei der Bezeichnung die Unterscheidung vorausgesetzt ist, das heißt, obwohl mitgeführt wird, dass man eine andere Seite hat, die man im Moment nicht bezeichnet, eine andere Seite, die im Moment operativ keine Bedeutung hat, auf der man sich nicht befindet, auf der man nicht anfängt, von der aus man nicht ausgeht, auf der man keine Wiederholungen ansetzen kann. Man kann diese Seite eventuell durch ein Kreuzen („crossing") der Grenze erreichen, doch in dem Moment, in dem etwas getan wird, in der Aktualität der Gegenwart, ist sie zwar gegenwärtig vorhanden, wird jedoch nicht benutzt. Das ist ein sehr eigentümlicher Einbau von Asymmetrie in eine zugleich symmetrische Form, in der es nicht ohne zwei Seiten geht. Es geht auch nicht ohne die Einheit der beiden Seiten, das heißt ohne eine Unterscheidung, aber es geht nur auf der einen und nicht zugleich auf der anderen Seite. Wenn man beide Seiten benutzen würde, wäre die Unterscheidung selbst sabotiert, es wäre kein Unterschied mehr vorhanden.

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Bei allem Beobachten wird zugleich etwas Unsichtbares produziert. Der Beobachter muss sich als Element der Unterscheidung zwischen Beobachter und Beobachtetem unsichtbar machen. Deswegen gibt es, darauf komme ich bei einem anderen Punkt noch einmal zurück, nur eine Verschiebung zwischen dem, was man sieht, und dem, was man nicht sieht, aber es gibt keine aufklärerische oder wissenschaftliche Erhellung der Welt als einer Gesamtheit von Dingen oder Formen oder Wesenheiten, die nach und nach, auch wenn es sich dabei um eine unendliche Aufgabe handelt, abgearbeitet werden könnte. In der klassischen Theorie hingegen hatte man noch die Vorstellung, dass man immer mehr Wissen sammelt und dass man nicht zugleich immer wieder etwas verdunkeln muss, wenn man etwas Bestimmtes bezeichnen will.

Wir haben bis jetzt nur die Operation Beobachten charakterisiert und den Beobachter als das Resultat einer Verkettung solcher Operation, eines rekursiven Netzwerks im Sinne der Autopoiesisdiskussion, beschrieben. Es sind jetzt einige Punkte zu klären, um Ihnen den Kontext der Verwendung dieses Begriffs des Beobachters zu verdeutlichen.

Zunächst einmal ist auf einen Punkt hinzuweisen, der immer wieder Schwierigkeit bereitet. Man kann es hundertmal sagen, es ist vergeblich. Der Beobachter ist nicht ohne weiteres ein psychisches System, er ist nicht ohne weiteres Bewusstsein. Er ist ganz formal definiert: Unterscheiden und Bezeichnen. Das kann auch eine Kommunikation. Man redet über etwas Bestimmtes und greift das, worüber man redet, als Thema heraus. Man verwendet also eine Unterscheidung: über dies und nichts anderes; oder auch eine spezifische Unterscheidung: Wir sprechen jetzt über den Beobachter und nicht über etwas anderes. Somit hat auch das Kommunikationssystem, mindestens dieses, die Fähigkeit, zu beobachten. Das führt zu grauenhaften Verwirrungen in der Sprache, wenn man psychische und soziale Systeme zugleich vor Augen hat. Denken Sie an eine Schulklasse: Ein Lehrer beobachtet die Schüler - das ist geläufig. Die Schüler beobachten den Lehrer - das müssen sie. Der Lehrer beobachtet auch, dass die Schüler ihn beobachten. Aber jetzt kommt hinzu, dass die Interaktion die Schüler beobachtet, zuweilen sogar den Lehrer - das ist selten, kommt aber vor: Der Lehrer wird zum Thema der Diskussion im Unterricht. Das Sozialsystem beobachtet psychische Systeme; die psychischen Systeme beobachten psychische Systeme; die psychischen Systeme können soziale Systeme beobachten: „Wieso wird genau dies jetzt gefragt, wieso fragt er immer die Fragen, die ich nicht beantworten kann?" Was hier geschieht, kann man psychologisch oder kommunikativ thematisieren. Grundsätzlich ist die Systemreferenz anzugeben. Wenn man unbedarft vom Beobachter spricht, denkt jeder automatisch an psychische Systeme, an Bewusstsein, aber das ist von der Definition und von der beabsichtigten Komplexität und Abstraktheit des Instrumentariums her nicht gemeint.

Ich will im Moment offen lassen, ob man über soziale und psychische Systeme hinausgehen und auch sagen kann, dass zum Beispiel lebende Zellen, Gehirne, Immunsysteme oder Hormonsysteme beobachten. Dass ein Immunsystem diskriminieren kann, ist klar. Dass ein Gehirn diskriminieren, bestimmte Reize bearbeiten und andere nicht bearbeiten kann, ist auch klar. In der Gehirnforschung und generell in der Biologie - ich meine jetzt nicht die Ethologie; die Erforschung des Tierverhaltens, das ist ein besonderes Problem - hat man angesichts von Zellen, Immunsystemen und Gehirnen die Frage, ob man sagen kann, dass die Gehirne beobachten, indem sie diskriminieren, oder dass ein Immunsystem beobachtet, indem es Körperzustände unterscheidet. Auch das Gehirn beobachtet nur Körperzustände, aber dies im Hinblick auf einen Informationswert, wie die Biologen sagen. Ich will die Frage offen lassen. Wenn man sie beantworten will, müsste man ein biochemisches Äquivalent für die andere Seite der Unterscheidung haben. Wir führen hier automatisch immer die Vorstellung einer Negation mit, nach der wir nicht alles andere, sondern dies meinen, und formulieren das sprachlich über die Negation. Aber was wäre im Fall eines Gehirns, eines Immunsystem oder einer einzelne Zelle das biochemische oder lebende Äquivalent für die andere Seite, die nicht benutzt wird?

Niklas Luhmann

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