Niklas Luhmann
Einführung in die Systemtheorie
Carl Auer 2004

Schlüsselbegriffe: Zeichen - Das Zeichen hat bei Spencer Brown eine vertikale Linie, trennt also zwei Seiten, und eine horizontale Linie, einen Indikator, einen Weiser sozusagen, der auf die eine Seite und nicht auf die andere Seite zeigt. Es ist bewusst als ein Zeichen gedacht, aber es besteht aus zwei Komponenten. Wenn man allerdings so anfängt, stellt sich die Frage, wer die eine und nicht die andere Komponente bezeichnet, ohne nicht auch schon ein Zeichen zur Verfügung zu haben, mit dem er das tut - derjenige, der etwas beobachtet, muss sich selbst von dem, was er beobachtet, unterscheiden. Er muss zu sich selbst schon ein Verhältnis haben, um sich unterscheiden zu können - Man fängt mit einer Unterscheidung an, die aber, weil das Resultat der Unterscheidung als Einheit fungieren muss, nicht bezeichnet und benannt werden kann, nur da ist -
Unterscheidung: gebraucht wird, um eine Seite und nicht die andere zu bezeichnen. Die Terminologie ist: "distinction" und "indication". Ich übersetze das mit Unterscheidung und Bezeichnung
.Wozu sonst soll man unterscheiden, wenn man nicht das eine statt des anderen bezeichnen will? Die Unterscheidung ist eine Grenze, das Markieren einer Differenz. - dass die Unterscheidung sozusagen aus der Unterscheidung herausgezogen wird und dass am Ende explizit wird, dass die Unterscheidung in der Unterscheidung immer schon vorhanden war. Es wird eine Einheit in Operation gesetzt, die im Moment des Beginns noch nicht analysiert werden kann. Erst später, wenn man Beobachtungsmöglichkeiten in den Kalkül einführt, also selbstreferenzielle Figuren gebrauchen kann, wird klar, dass schon am Anfang ein verborgenes Paradox vorhanden war, nämlich die Unterscheidung in der Unterscheidung. - Grenzlinie, wenn sie markiert wird, auch als "form" bezeichnet, deswegen spricht er von den "laws of form". Eine "form" hat zwei Seiten. Sie ist nicht nur eine schöne Gestalt oder ein Objekt, das man sich kontextfrei vorstellen kann, sondern sie ist eine Sache mit zwei Seiten. Wenn man sich ein kontextfreies Objekt vorstellen will, dann hat man es mit einem Objekt in einem "unmarked space" zu tun -
Das Zeichen ist, genauer formuliert, die Differenz zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem, Signifiant und signifié. Etwas bezeichnet etwas anderes. - System ist eine Form mit zwei Seiten. - dass es eigentlich ein Typ von Operation ist, der das System unter der Voraussetzung erzeugt, dass man Zeit hat. Es bleibt nicht bei einem einmaligen Ereignis. Wenn eine Operation eines bestimmten Typus anläuft und, wie ich gerne sage, anschlussfähig ist, das heißt Nachfolge findet, mit derselben Typik von Operation Konsequenzen hat, entsteht ein System. - Autopoiesis, eine zirkuläre Selbstproduktion - eine Operation mit Anschlussfähigkeit. -
Ein Sozialsystem entsteht, wenn sich Kommunikation aus Kommunikation entwickelt - "reentry", Wiedereintritts der Form in die Form oder der Unterscheidung in das, was unterschieden worden ist. - dass schon die Anfangsweisung: Draw a distinction, Mach eine Unterscheidung, eine Weisung ist, die eine Operation betrifft, die aus zwei Komponenten besteht, nämlich der Unterscheidung selbst und der Bezeichnung der einen Seite, dem Hinweis, wo man sich befindet, wo man weitermachen soll. Die Unterscheidung ist in der Unterscheidung bereits vorgesehen. - Wiedereintritt der Form in die Form - Gemeint ist, dass ein System sich selbst von seiner Umwelt unterscheiden kann. Die Operation als Operation erzeugt die Differenz - Wenn das System entscheiden muss oder, sagen wir einmal vorsichtiger, zwischen einer Kommunikation und einer weiteren Kommunikation Kopplungen herstellen muss, dann muss es ausmachen, beobachten, festlegen können, was zu ihm passt und was nicht. Ein System, das die eigene Anschlussfähigkeit kontrollieren will, muss also über etwas verfügen, was wir zunächst einmal Selbstbeobachtung nennen können. - Beobachter - Differenz zwischen System und Umwelt beobachten, also Selbstreferenz und Fremdreferenz trennen zu können. - Struktur von Kommunikation: Kommunikation kommt nur zustande, wenn etwas mitgeteilt wird, und zwar, wenn eine Information mitgeteilt wird. Das ist bereits zweiteilig. Außerdem muss es auch noch verstanden werden. Zunächst einmal kann man sagen: Es wird über etwas gesprochen. Ein Thema wird behandelt. - dass in die Operation selbst immer schon die Differenz von Fremdreferenz qua Information und Selbstreferenz qua Mitteilung eingebaut ist. Dies ist wiederum eine Erläuterung des allgemeinen Themas des "reentry": Das System tritt in sich selbst wieder ein oder kopiert sich in sich selbst hinein. -



pg 72ff

Draw a distinction
Zweiteiligkeit des Zeichens.

Das Zeichen hat bei Spencer Brown eine vertikale Linie, trennt also zwei Seiten, und eine horizontale Linie, einen Indikator, einen Weiser sozusagen, der auf die eine Seite und nicht auf die andere Seite zeigt. Es ist bewusst als ein Zeichen gedacht, aber es besteht aus zwei Komponenten. Wenn man allerdings so anfängt, stellt sich die Frage, wer die eine und nicht die andere Komponente bezeichnet, ohne nicht auch schon ein Zeichen zur Verfügung zu haben, mit dem er das tut. Aber man muss es erst einmal so hinnehmen, den Haken als Einheit.

Erst im weiteren Verlaufe des Kalküls kann sich herausstellen, dass es gar nicht so einfach war, wie der Anfang es sich gedacht hatte - wenn er schon denken konnte, was auch infrage steht. Die ganze Überlegung beginnt mit Selbstreferenz. Es gibt, wie in ziemlich rätselhaften Formulierungen gesagt wird, keinen Unterschied zwischen Selbstreferenz und Differenz. Oder, und das ist eine Sprache, die ich erst später einführen kann: Es gibt keinen Unterschied zwischen Selbstreferenz und Beobachtung. Denn derjenige, der etwas beobachtet, muss sich selbst von dem, was er beobachtet, unterscheiden. Er muss zu sich selbst schon ein Verhältnis haben, um sich unterscheiden zu können.

Man fängt mit einer Unterscheidung an, die aber, weil das Resultat der Unterscheidung als Einheit fungieren muss, nicht bezeichnet und benannt werden kann, nur da ist. In der Logik, in der Mathematik oder wie immer man sagen will, im Calculus von Spencer Brown wird dies in die Form einer Weisung, einer Injunktion gebracht: Draw a distinction. Mach eine Unterscheidung, sonst geht gar nichts. Wenn du nicht bereit bist zu unterscheiden, passiert eben gar nichts.

Das hat interessante theologische Aspekte, die ich hier nicht ausarbeiten will, aber ich will den Hinweis geben, dass in der avancierten Theologie etwa eines Nikolaus von Cues gesagt wird: Gott hat es nicht nötig zu unterscheiden. Offenbar ist die Schöpfung nichts anderes als die Weisung: Draw a distinclion. Himmel und Erde, nachher Mensch und schließlich sogar Eva. Die Schöpfung ist also das Oktroi eines Unterscheidens, wenn Gott selbst jenseits aller Unterscheidungen ist. Man kann hier Verbindungen sehen, die aber für die Analyse von Spencer Brown keine Bedeutung haben, denn er befindet sich auf der Erde, auf dem Boden, zumindest auf weißem Papier und geht von dort aus mit der Verschachtelung eines operativen Calculus von Zeichen in Richtung auf größere Komplexität.

Etwas genauer formulierend und auf die beiden Aspekte des einen Zeichens zurückkommend, hält Spencer Brown fest, dass eine Unterscheidung immer nur gebraucht wird, um eine Seite und nicht die andere zu bezeichnen. Die Terminologie ist: "distinction" und "indication". Ich übersetze das mit Unterscheidung und Bezeichnung.Wozu sonst soll man unterscheiden, wenn man nicht das eine statt des anderen bezeichnen will? Die Unterscheidung ist eine Grenze, das Markieren einer Differenz. Man hat dann zwei Seiten, aber mit der Massgabe, dass man nicht beide zugleich gebrauchen kann, denn dann wäre die Unterscheidung sinnlos. Wenn man Männer und Frauen unterscheiden will, müsste man sagen: Ist das ein Mann oder eine Frau? Und wenn man sagen würde: Es ist ein Mikrofon, dann wäre die Unterscheidung nicht nötig. Und wenn man mischen will, das kann man machen, braucht man einen neuen Term, der auch wieder von anderen Sachen zu unterscheiden ist, "Hermaphrodit" zum Beispiel.

Im Prinzip enthält die Unterscheidung zwei Komponenten, nämlich die Unterscheidung selbst, den vertikalen Strich, und die Bezeichnung, den horizontalen Strich. Das Merkwürdige ist, dass die Unterscheidung eine Unterscheidung und eine Bezeichnung enthält, also Unterscheidung und Bezeichnung unterscheidet. Die Unterscheidung setzt, wenn sie als Einheit in Operation gesetzt werden soll, immer schon eine Unterscheidung in der Unterscheidung voraus.

Wie man das interpretieren soll, ist, soweit ich Diskussionen über Spencer Brown kenne, nicht ganz klar. Ich selbst verstehe den Kalkül so, aber da bin ich nicht sicher, dass die Unterscheidung sozusagen aus der Unterscheidung herausgezogen wird und dass am Ende explizit wird, dass die Unterscheidung in der Unterscheidung immer schon vorhanden war. Es wird eine Einheit in Operation gesetzt, die im Moment des Beginns noch nicht analysiert werden kann. Erst später, wenn man Beobachtungsmöglichkeiten in den Kalkül einführt, also selbstreferenzielle Figuren gebrauchen kann, wird klar, dass schon am Anfang ein verborgenes Paradox vorhanden war, nämlich die Unterscheidung in der Unterscheidung.

Das genügt mir für die Darstellung des spencer-brownschen Konzepts. Ich gehe explizit nicht auf den Calculus selber ein. Ich habe ihn technisch nie wirklich durchgeprüft. Von Experten hört man, er sei in Ordnung, er sei sehr viel eleganter als die ursprüngliche Mathematik, aber es gehe auch etwas dabei verloren. Die für uns wichtige Idee ist, darauf komme ich zurück, dass ein einziger Operator verwendet wird.

Was mich interessiert und was in der Vorlesung interessiert, sind Anwendungen auf die Systemtheorie. Sie werden vielleicht schon geahnt haben, dass die Unterscheidung von System und Umwelt als distinction, als eine Differenz, betrachtet werden kann. Ein Systemtheoretiker reagiert zunächst einmal auf die Weisung: Triff eine Unterscheidung - und nicht irgendeine Unterscheidung, sondern die Unterscheidung von System und Umwelt, und verwende dabei den pointer oder die indication so, dass das System bezeichnet wird und nicht die Umwelt. Die Umwelt bleibt draußen, das System ist auf der einen Seite, die Umwelt ist auf der anderen Seite.

Um das für die weitere Verwendung deutlich zu machen, kann ich noch einmal auf Spencer Brown zurückgreifen, der diese Grenzlinie, wenn sie markiert wird, auch als "form" bezeichnet, deswegen spricht er von den "laws of form". Eine "form" hat zwei Seiten. Sie ist nicht nur eine schöne Gestalt oder ein Objekt, das man sich kontextfrei vorstellen kann, sondern sie ist eine Sache mit zwei Seiten. Wenn man sich ein kontextfreies Objekt vorstellen will, dann hat man es mit einem Objekt in einem "unmarked space" zu tun: ein Zeichen, ein Kreis oder etwas anderes auf einem weißen Blatt oder etwas Bestimmbares in der Welt, in der auch anderes vorkommt, das aber im Moment nicht bestimmt wird. "Form" ist eine prinzipiell zweiseitige Sache, in unserem Fall System und Umwelt.

Das ist ein sehr allgemeiner Gedanke, und man könnte die Formanalyse weit über die Systemtheorie hinaustreiben. Man könnte auch die Semiologie oder Semiotik mit diesem Instrumentarium "nachzeichnen" - könnte ich vielleicht sagen -, indem man sagt, dass auf der einen Seite der "form" ein Zeichen ist, also das, was man braucht, um etwas zu bezeichnen, und auf der anderen Seite das Bezeichnete. So käme man auf die Dreierfigur, die bei Peirce und bei anderen eine große Rolle spielt. Das Zeichen ist, genauer formuliert, die Differenz zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem, im Deutschen etwas schwerfällig zu formulieren. Signifiant und signifié wären die französischen Ausdrücke, die Saussure verwendet. Etwas bezeichnet etwas anderes. Im Deutschen tendieren wir dazu, das Bezeichnende, das als Zeichen verwendet wird, bereits als das Zeichen zu bezeichnen. Mittels einer Formanalyse kann man sehen, dass das Zeichen eine Form mit zwei Seiten ist und dass man, wenn man es als Zeichen gebraucht, immer auf die innere Seite der Form, also auf die Seite des Bezeichnenden, des signifiant, gehen muss und dort operiert. So benutzt man Sprache in der Annahme, dass die Wörter etwas, was wir nicht so genau wissen, bezeichnen.

Ich vermute, dass mit diesem sehr allgemeinen Formbegriff, den wir auch von der spezifischen mathematischen Verwendung bei Spencer Brown abkoppeln können, eine sehr allgemeine Theorie entwickelt werden könnte, die auch über die Systemtheorie noch einmal hinausgeht. Wir hätten es mit einer Theorie nur einseitig verwendbarer Zweiseitenformen zu tun. Ich deute das jetzt hier nur an, weil darin Möglichkeiten liegen, den systemtheoretischen Ansatz trotz seiner universellen Prätention und trotz seiner im Augenblick besonders gut entwickelten Wissenschaftlichkeit - das heißt, es gibt viel Literatur zur Systemtheorie - noch einmal zu relativieren und sich zu überlegen, ob man nicht eine darüber hinausgreifende allgemeine Theorie der Formen entwickeln könnte und diese dann auf den Zahlenbegriff, auf die Mathematik, die Semiotik, die Systemtheorie, auf die Medium-Form-Differenz zwischen loser Kopplung und strikter Kopplung und anderes beziehen könnte.

Die Konsequenz für diese Vorlesung, das heißt für die Systemtheorie, liegt darin, dass man das "System" als eine Form bezeichnen kann mit der Massgabe, mit dem Formbegriff immer die Differenz von System und Umwelt zu bezeichnen. Ich wiederhole dies jetzt mehrfach, weil das etwas unanschaulich ist und man es sich einfach merken muss. Beurteilen kann man dies erst, wenn man sieht, was man damit anfangen kann. Vor dem Hintergrund der Tradition offener Systeme und differenzialistischer Ansätze verschiedenster Art sieht man, dass hier eine Synthese erreicht werden kann, die es vielleicht ermöglicht, Wissen verschiedenster Provenienz in eine Theorie einzubringen. Als ersten Punkt unter der Rubrik "Anwendung auf Systemtheorie" halten wir fest: Das System ist eine Form mit zwei Seiten.

Eine zweite Anregung, die man ebenfalls von Spencer Brown gewinnen kann, betrifft die Frage, ob es sinnvoll ist, ein System wie bei ihm den Kalkül durch einen einzigen Operator oder eine einzige Operationsweise zu definieren. Wenn Sie sich die gängigen Systembeschreibungen und Systemdefinitionen ansehen, werden Sie finden, dass das nicht geschieht. Normalerweise werden Systeme mit einer Mehrzahl von Termini beschrieben. Also etwa: Systeme sind Relationen zwischen Elementen. Oder: Ein System ist ein Verhältnis von Struktur und Prozess, eine sich strukturell in den eigenen Prozessen steuernde Einheit. Da hat man Einheit, Grenze, Prozess, Struktur, Element, Relation und somit eine ganze Menge Termini, und wenn man fragt, was deren Einheit sei, endet man bei dem "und". Ein System ist eine Undheit. Die Einheit ist das Und, aber nicht ein Element, eine Struktur oder eine Relation.

Die Frage ist, ob man über diesen Undzustand der Objektbeschreibung System hinauskommt. Ich denke, dass das möglich ist, wenn man einen prinzipiell operativen oder operationalistischen Ansatz verfolgt, das heißt sich die Vorstellung zurechtlegt, dass es eigentlich ein Typ von Operation ist, der das System unter der Voraussetzung erzeugt, dass man Zeit hat. Es bleibt nicht bei einem einmaligen Ereignis. Wenn eine Operation eines bestimmten Typus anläuft und, wie ich gerne sage, anschlussfähig ist, das heißt Nachfolge findet, mit derselben Typik von Operation Konsequenzen hat, entsteht ein System. Denn wenn man Operation an Operation anschließt, geschieht das selektiv. Etwas anderes als dies geschieht nicht; der unmarked space oder die Umwelt bleiben draußen vor; das System bildet sich als eine Verkettung von Operationen. Die Differenz von System und Umwelt entsteht allein aus der Tatsache, dass eine Operation eine weitere Operation gleichen Typs erzeugt.

Wie kann man sich das vorstellen? Zunächst einmal denke ich, dass man die Biologie der Lebewesen auf diese Weise gut beschreiben kann, wenn man sich in neueren biochemischen Theorien darüber informiert, dass das Leben eine biochemische Einmalerfindung ist. Es ist eine bestimmte zirkuläre Struktur oder, mit Maturana gesprochen, eine Autopoiesis, eine zirkuläre Selbstproduktion. Irgendwann einmal ist eine solche zirkuläre Operationsweise aus Gründen, die man nicht mehr so genau weiß und die man nur als Lebewesen feststellen kann, wenn man schon lebt, in Gang gekommen, hat sich aus Gründen der Evolution vervielfältigt, und dann gibt es Würmer, Schlangen und Menschen und alle möglichen Formen auf der Basis eines prinzipiell chemisch gleichen Operationstyps.

Von der Operation her gesehen, ist die Einheit von Leben in einem strengen Sinne garantiert. Die Voraussetzung besteht darin, dass die Operation systembildend wirkt. Leben muss weiterleben, an Leben muss Leben anschließen, man darf nicht mit der Geburt schon gleich wieder sterben. Zusatzerfindungen wie Bisexualität (Zweigeschlechtlichkeit), das Zentralnervensystem und anderes setzen diese Operationsweise voraus. Das heißt im Übrigen - und das ist ein Punkt, auf den ich zurückkommen werde -, dass mit dem Begriff Autopoiesis so gut wie nichts erklärt wird, außer eben dieses Starten mit Selbstreferenz: eine Operation mit Anschlussfähigkeit.

Diese Gedanken kann man auf soziale Systeme übertragen, wenn es gelingt, die Operation zu identifizieren, die diese Voraussetzung erfüllt: Es darf sich nur um eine Operation handeln, es ist immer dieselbe und sie ist anschlussfähig. Sie ist also das, was entweder aufhört oder mit derselben Operation weitergeht. Ich denke, dass wir hier keine großen Wahlmöglichkeiten haben. Eigentlich bietet sich nur Kommunikation als der Typ von Operation an, der diese Voraussetzung erfüllt: Ein Sozialsystem entsteht, wenn sich Kommunikation aus Kommunikation entwickelt.

Die Frage der ersten Kommunikation brauchen wir nicht zu erläutern, denn die Frage "Was war die erste Kommunikation?" ist schon eine Frage in einem kommunizerendem System. Das System denkt an seinen Anfang immer aus der Mitte heraus. Wenn es komplex genug ist, kann es die Frage stellen, wie alles angefangen hat. Es mag dann verschiedene Antworten geben, die aber die Fortsetzung der Kommunikation nicht stören, sondern vielleicht sogar beflügeln. Anfangsfragen interessieren uns also nicht, beziehungsweise sie interessieren uns nur als eine Frage unter vielen anderen.

Das Interessante an dem Modell besteht darin, dass man mit einem einzigen Operationstyp auskommt. Dabei wäre jetzt viel dazu zu sagen, was unter "Kommunikation" zu verstehen ist, das heißt, welchen Begriff von "Kommunikation" wir hier verwenden. Das will ich im Moment beiseite lassen. "Kommunikation" ist die Äquivalenz zu biochemischen Aussagen über Proteine und so weiter. Wichtig ist zunächst, dass die Aussicht besteht, einen Operator zu identifizieren, der alle Kommunikationssyteme ermöglicht, wie komplex auch immer Gesellschaften, Interaktionen oder Organisationen im Laufe der Evolution werden. Alles, was es gibt, beruht von einem operationalen Theorieansatz her gesehen auf demselben Grundvorgang, demselben Typ von Ereignis, nämlich auf Kommunikation.

Natürlich steckt in dieser Verwendung von Kommunikation eine Absicht. Falls wir in dieser Vorlesung so weit kommen, will ich zu einem späteren Zeitpunkt etwas über die Handlungstheorie sagen. Mit Bezug auf Parsons hatten wir diese Frage bereits andiskutiert. Ich glaube nicht, dass der Handlungsbegriff sich dazu eignet, in unserem Zusammenhang an die Stelle des Kommunikationsbegriffs zu treten, weil er normalerweise einen Akteur voraussetzt, dem die Handlung zugerechnet werden kann, und weil er sich schlecht spezifisch auf Sozialität zuschneiden lässt. Handlung gibt es auch dann, wenn niemand zuschaut, wenn niemand da ist, wenn man nicht erwartet, dass jemand auf sie reagiert, etwa wenn man sich alleine die Zähne putzt. Man tut das nur, weil man weiß, dass man das tun sollte. Jemand hat es einem gesagt, und die Zahnbürste ist von jemandem dahin gestellt worden, aber im Prinzip kann man sich Handlung als eine solitäre, individuelle, sozial resonanzlose Operation vorstellen, während man das bei Kommunikation nicht kann. Kommunikation kommt überhaupt nur zustande, wenn jemand im Groben versteht oder vielleicht auch missversteht, aber jedenfalls so weit versteht, dass die Kommunikation weiterlaufen kann, und das liegt außerhalb dessen, was man durch die bloße Benutzung von Sprache schon sicherstellen könnte. Es muss jemand erreichbar sein, muss hören oder lesen können.

Ich fasse diese beiden Punkte noch einmal zusammen. Die erste Aussage betrifft die Formanalyse: Das System ist eine Differenz. Die zweite Aussage besagt: Das System braucht nur eine einzige Operation, einen einzigen Operationstypus, um, wenn es weitergeht- dieses Wenn ist natürlich nicht unwichtig -, die Differenz zwischen System und Umwelt zu reproduzieren, Kommunikation durch Kommunikation.

Ein dritter Punkt, ebenfalls von Spencer Brown ausgehend, benutzt den Begriff des "reentry", des Wiedereintritts der Form in die Form oder der Unterscheidung in das, was unterschieden worden ist. Darüber hatte ich zunächst einmal nichts explizit gesagt, als ich Spencer Brown vorstellte. Deswegen muss ich jetzt einige Bemerkungen nachliefern. Sie erinnern sich, dass schon die Anfangsweisung: Draw a distinction, Mach eine Unterscheidung, eine Weisung ist, die eine Operation betrifft, die aus zwei Komponenten besteht, nämlich der Unterscheidung selbst und der Bezeichnung der einen Seite, dem Hinweis, wo man sich befindet, wo man weitermachen soll. Die Unterscheidung ist in der Unterscheidung bereits vorgesehen.

In der Terminologie von Kauffman ist sie in die Unterscheidung bereits hineinkopiert. Im Laufe der Entwicklung des Kalküls kommt Spencer Brown schließlich an den Punkt, an dem er diese Prämisse explizit macht und den Wiedereintritt der Form in die Form oder der Unterscheidung in die Unterscheidung als eine theoretische Figur vorführt, die sich dem Kalkül entzieht, die also nicht mehr in der Form von Arithmetik oder Algebra behandelt werden kann, die aber in dem Sinne, dass man bestimmte mathematischen Probleme nur über diese Form lösen kann, gleichsam zu den Eckpfeilern des ganzen Systems gehört. Das führt in die Theorie imaginärer Zahlen hinein.

In der Abstraktionslage, die das erfordert, haben wir vermutlich Schwierigkeiten, uns diesen reentry, den Eintritt der Form in die Form, vorzustellen. Spencer Brown malt Kreise in sein Buch hinein, dabei immer weißes Papier voraussetzend. Sobald wir jedoch auf die Theorie sozialer Systeme kommen und den normalen Apparat der Kommunikation, die ja auch Kommunikation über Kommunikation sein kann, voraussetzen können, verliert das Problem seine Schwierigkeit und wird sogar überzeugend, sodass man sich fragt, wozu der ganze Aufwand an Theorie dient, wenn wir etwas erarbeiten, was wir schon längst gewusst haben. Ich komme auf die Wozufrage zurück, denn sie hat etwas mit dem Begriff der Paradoxie zu tun. Im Moment will ich nur explizieren, was gemeint ist.

Gemeint ist, dass ein System sich selbst von seiner Umwelt unterscheiden kann. Die Operation als Operation erzeugt die Differenz, deswegen spreche ich an dieser Stelle von Differenz. Eine Operation schließt an eine andere an, dann kommt eine dritte, eine vierte, eine fünfte, dann kommt eine Thematisierung dessen, was man bisher gesagt hat, hinzu und so weiter. Das alles geschieht im System. Draußen geschieht gleichzeitig etwas anderes oder nichts. Es ist eine Welt, die nur begrenzt für die Folgen von Kommunikation Bedeutung hat. Wenn das System entscheiden muss oder, sagen wir einmal vorsichtiger, zwischen einer Kommunikation und einer weiteren Kommunikation Kopplungen herstellen muss, dann muss es ausmachen, beobachten, festlegen können, was zu ihm passt und was nicht.

Ein System, das die eigene Anschlussfähigkeit kontrollieren will, muss also über etwas verfügen, was wir zunächst einmal Selbstbeobachtung nennen können. Ich komme auf den Beobachter zurück. Die Problematik liegt darin, dass die Begriffe zirkulär sind und ich immer etwas voraussetzen muss, was ich erst später erläutere. Das ist bei jedem Design dieser Art der Fall. Also nehmen Sie den Beobachter oder das Beobachten zunächst einmal als etwas hin, was noch erläutert werden wird. Ein System muss also die eigene Anschlussfähigkeit kontrollieren können. Zumindest ist das der Fall, wenn man sich ein System vorstellt, das sich über Kommunikation reproduziert. Insbesondere im Fall sprachlicher Kommunikation, aber auch im Fall standardisierter Zeichenrepertoires können wir unterscheiden, was Kommunikation ist und was nicht. „Wir" soll jetzt nicht heißen: der Einzelne in seiner psychischen Struktur, das mag auch der Fall sein, doch möglicherweise ist er gerade absentminded und merkt gar nicht, dass kommuniziert wird.

Entscheidend ist, dass die Kommunikation diese Unterscheidung zwischen Kommunikation und Nichtkommunikation selbst trifft. So kann man zum Beispiel mit sprachlichen Mitteln darauf reagieren, dass gesprochen worden ist und dass man normalerweise nicht damit rechnen muss, dass bestritten wird, dass überhaupt gesprochen worden ist. Man kann sich in Interpretationsschwierigkeiten verrennen oder Ausflüchte über Erläuterungen dessen, was man eigentlich gemeint hat, suchen, aber die Kommunikation besitzt die rekursive Sicherheit, auf Kommunikation aufbauen und einschränken zu können und auch zu müssen bezüglich dessen, was weiterhin gesagt werden kann (dasselbe gilt für die Schrift), und dadurch die Differenz zwischen System und Umwelt beobachten, also Selbstreferenz und Fremdreferenz trennen zu können.

Das kann man auch an der Struktur von Kommunikation ablesen, denn Kommunikation kommt nur zustande, wenn etwas mitgeteilt wird, und zwar, wenn eine Information mitgeteilt wird. Das ist bereits zweiteilig. Außerdem muss es auch noch verstanden werden. Zunächst einmal kann man sagen: Es wird über etwas gesprochen. Ein Thema wird behandelt. Das kann auch der Sprecher selber sein. Er kann sich selber zum Thema machen und sagen: "Ich wollte eigentlich etwas ganz anderes sagen", oder seine eigene Befindlichkeit zur Information machen: "Ich habe keine Lust mehr, ich höre auf". Grundsätzlich hat man diese Zweiteiligkeit von Mitteilung und Information; und die Kommunikation kann entweder mehr auf der einen oder mehr auf der anderen Seite weitermachen. Entweder macht man die Frage: "Warum hast du etwas mitgeteilt, warum hast du etwas gesagt?", oder die Frage: "Hast du vielleicht gelogen?", zum Thema, geht also von der Mitteilung aus, oder man geht von der Information aus und kommuniziert über das, was gesagt worden ist.

Das ist ein Indikator dafür, dass in die Operation selbst immer schon die Differenz von Fremdreferenz qua Information und Selbstreferenz qua Mitteilung eingebaut ist. Dies ist wiederum eine Erläuterung des allgemeinen Themas des "reentry": Das System tritt in sich selbst wieder ein oder kopiert sich in sich selbst hinein.

Die Kommunikation bleibt eine interne Operation. Sie verlässt das System nie, denn der Anschluss ist auch wieder im System vorzusehen und muss im System stattfinden. Ich komme im nächsten Abschnitt über operationale oder operative Geschlossenheit darauf zurück. Man muss also zwischen der Selbstreferenz auf das, was im System läuft, und der Fremdreferenz auf die gemeinten internen oder externen, vergangenen oder gegenwärtigen Systemzustände unterscheiden, Mitteilung und Information.

In dieser Weise kann man, glaube ich, plausibel machen - auch wenn dies alles viel ausführlicher und umständlicher behandelt werden könnte -, dass ein soziales System, das mit diesem Operator Kommunikation arbeitet, immer schon das "reentry" eingebaut hat und anders gar nicht funktionieren könnte. Eine interne Referenz, eine Selbstreferenz, und eine externe Referenz werden mehr oder weniger gleichzeitig prozessiert. Anders gesagt, das System kann in jedem Moment von der einen zur anderen Seite übergehen, aber immer nur mit internen Operationen.

Daraus erklärt sich die Unterscheidung zwischen dem, was ein Beobachter als Umwelt sieht, und dem, was ein System als Umwelt behandelt, indem es zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz hin und her oszilliert oder indem es Schwerpunkte in der einen oder anderen Richtung mit Revisionsvorbehalt, mit Änderungsvorbehalt für eine gewisse Zeit wählt.

Das heißt auch, dass man es je nachdem, ob man das System meint, für das etwas Umwelt ist, ob man also die Fremdreferenz eines bestimmten Systems im Auge hat oder ob man von einem externen Beobachter ausgeht, für den sowohl das System als auch dessen Umwelt Umwelt ist, mit einer verschiedenen Umwelt zu tun hat. Der externe Beobachter kann möglicherweise sehr viel mehr oder ganz andere Dinge sehen, als dem System selbst zugänglich sind. Jakob von Uexküll hat im Übrigen schon sehr früh in der Biologie bewusst gemacht, dass die Umwelt eines Tieres nicht das ist, was wir als Milieu, als Umgebung beschreiben würden. Wir können mehr oder andere Dinge, vielleicht auch weniger, sehen, als ein Tier wahrnehmen und verarbeiten kann. Diese beiden Umweltbegriffe sind also zu unterscheiden.

Ich habe dies im Moment nur für soziale Systeme erläutert, will aber, das ist auch wieder ein Vorgriff auf einen späteren Teil der Vorlesung, einen Exkurs einschalten, um die These aufzustellen, dass auch psychische Systeme mit einer Koppelung von Selbstreferenz und Fremdreferenz arbeiten und dass man dies mit nicht viel Zusatzwissen, aber mit einer klaren Darstellung in der Terminologie der Zweiseitenform mit interner Seite, externer Seite, reentry und so weiter deutlich machen kann. Offenbar sind diese Theoriefiguren, diese Begriffe sowohl für psychische als auch für soziale Systeme geeignet. In der Psychologie und erst recht in der Bewusstseinsphilosophie lief das lange Zeit unter dem Gesichtspunkt der Reflexion. Es gibt eine Psychologie der self-awareness, man findet Fragen nach der Erzeugung von Identität und Identitätsbewusstsein.



Niklas Luhmann

Systemtheorie


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