Niklas Luhmann
Die Wissenschaft der Gesellschaft
Suhrkamp 1992

 

Luhmann Wissenschaft 19

Das Bewusstsein hat seine für die Kommunikation unerreichbarer Eigenart in der Wahrnehmung bzw. in der anschaulichen Imagination. Am besten lässt diese Eigenart sich begreifen, wenn man das Bewusstsein zunächst vom zentralisierten Nervensystem unterscheidet. Das Nervensystem ist eine Einrichtung zur Selbstbeobachtung des Organismus. Es kann nur körpereigene Zustände diskriminieren und operiert deshalb ohne Bezug auf die Umwelt. Das Bewusstsein kompensiert diese Beschränkung, es externalisiert, obwohl strukturell an das Nervensystem gekoppelt, dass, was ihm als eigenen Zustand des Körpers suggeriert wird; es kehrt sozusagen das Innen des Körpers nach außen, und selbst der eigenen Leib wird von Bewusstsein als bewusstseinsextern, als Gegenstand des Bewusstseins erlebt. Das Bewusstsein konstruiert auf der Grundlage der laufenden, geräuschlosen, unbemerkten Aktivität des Nervensystems eine Welt, in der es dann die Differenz des eigenen Körpers und der Welt im übrigen beobachten und auf diese Weise sich selbst beobachten kann.

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Kommunikation setzt immer eine Mehrheit psychischer Systeme voraus. Das ist zunächst trivial, wird aber zu einer folgenreichen Feststellung, wenn man hinzufügt, dass die psychischer Systeme selbstreferentiell geschlossen operieren und füreinander und zugänglich sind. Kein Bewusstsein kann die eigenen Operationen an die eines anderen anschließen, kein Bewusstsein kann sich selbst dem anderen fortsetzen. Schon die neurophysiologische Fundierung des Bewusstseins schließt das aus, was immer man von den Beziehungen zwischen Gehirn und Bewusstsein halten mag.... es gibt daher auch, wie die Informationstheorie seit ihren Anfängen sagt, keine Übertragung von Bedeutung von Bewusstsein zu Bewusstsein. Es gibt nur eine konvergierende Konzentration von Aufmerksamkeit, zum Beispiel auf Signale. Das Problem der Kommunikation liegt in der selbstreferentiellen Geschlossenheit lebender und psychischer Systeme. Dieser Sachverhalt erst gibt der Kommunikation ihre Bedeutung und zugleich ihre Eigenständigkeit als operativ selbstständiges System. Alle Begriffe, mit denen Kommunikation beschrieben wird, müssen daher aus jeder psychischer Systeme Referenz herausgelöst und lediglich auf den selbstreferentiellen Prozess der Erzeugung von Kommunikation durch Kommunikation bezogen werden. Jede Kommunikation differenziert eigene Komponenten, nämlich Information, Mitteilung, und Verstehen.... die Differenz von Mitteilung und Information wird dadurch hergestellt, dass die Mitteilung als Zeichen für eine Information genommen wird (und in diesem begrenzten Sinne ist auch die semiologische Interpretation der Sprache berechtigt). Aber sowohl die Zeichenhaftigkeit der Mitteilung als auch die Information selbst sind kommunikationssystemsintere Konstrukte. Sie werden in der Kommunikation aufgebaut und abgebaut, aktualisiert, eventuell aufgezeichnet, eventuell erneut thematisiert. Sie kommen nicht als Bewusstseins Operation in das System, nicht als Wissen eines psychischer Systems, das vorher dar ist und dann in die Kommunikation eingegeben wird. Ein solches überschreiten von Systemgrenzen durch systemeigene Operationen ist empirisch unmöglich, und gerade auf diese Unmöglichkeit beruht die Leistungsfähigkeit autopoietischer Systeme.

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strukturelle Koppelung

Es gilt gleichwohl: ohne Bewusstsein keine Kommunikation und ohne Kommunikation kein Bewusstsein. Wir nennen nicht jede wechselseitige Verhaltensabstimmung Kommunikation, sondern nur eine solche, die über eine Unterscheidung von Mitteilung (kommunikativem Handeln) und Information (Thema, Inhalt der Mitteilung) vermittelt wird. Wo dieser Unterscheidung nicht gemacht wird, liegt nur ein wechselseitiges Wahrnehmen vor, nicht aber Kommunikation im Sinne unseres Begriffs; denn für die Autopoiesis, für die Weiterbewegung der Kommunikation, ist es erforderlich, dass sie die Mitteilung als Handlung zurechnen und, in der Unterscheidung von ihrem Inhalt, zur Anknüpfung weiterer Kommunikationen verwenden kann. Für die Unterscheidung von Mitteilung und Information ist jedoch die Kooperation von Bewusstsein unerlässlich, und in diesem Sinne gilt dann: keine Kommunikation ohne Bewusstsein, aber auch: keine Evolution von Bewusstsein ohne Kommunikation.








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