Niklas Luhmann
Die Wissenschaft der Gesellschaft
Suhrkamp 1992


 


pg 46

Ein Kommunikationssystem ist ein an Bewusstsein gekoppeltes, durch Bewusstsein irritierbares System, das aber die eigenen Operationen nur durch die eigenen Strukturen und die eigenen Strukturen nur durch die eigenen Operationen determinieren kann. Nur so kann das System stabiler sein als seine Umwelt. Das führt auf die Frage, wie denn das Dabeisein und Dabeibleiben von hinreichend vielen eigendynamischen Bewusstseinssystemen erreicht und auf verlässliche Dauer gestellt werden kann. Zur Antwort auf diese Frage verhilft uns der Hinweis auf Sprache.

... über Sprache wird Bewusstseinsbildung und Gesellschaftsbildung überhaupt erst möglich. Denn nur über diese strukturelle Koppelung ist das dafür erforderliche Kombinationsniveau von Unabhängigkeit und Abhängigkeiten zu gewährleisten.

Die Sprache ist einerseits eine Struktur, die die Autopoiesis der Kommunikation unter immer komplexeren Systembedingungen immer noch ermöglicht. Sie hat dafür die Eigentümlichkeit, eine Unterscheidung von Mitteilung und Information praktisch zu erzwingen, denn wenn man Sprache benutzt, kann man (anders als bei bloß wahrnehmbarem Verhalten) eine kommunikative Absicht nicht gut leugnen; und zugleich kann es Gegenstand weiterer Kommunikation werden, worüber man gesprochen hat. Das Kommunikationssystem verdankt der Sprache hohe Unterscheidungsfähigkeit bei gezielter Anschlussfähigkeit, und das ermöglicht den Komplexitätsaufbau im Kommunikationssystem.

Andererseits fasziniert die Sprache mit dem selben Instrumentarium zugleich das Bewusstsein. Sie stellt sehr auffällige Wahrnehmungsgegenstände bereit, und zwar gerade durch die Artifizialität, den laufenden Wechsel und die Rhytmik ihrer Formen, die der Eigenrhythmik des Bewußtseins genau angepaßt ist (oder im Falle des Lesens: genau angepaßt werden kann). Dazu müssen die Sprachformen, nämlich die Worte, besondere Bedingungen erfüllen. Sie dürfen keinerlei Ähnlichkeit mit sonst wahrnehmbaren Gegenständen (Geräuschen, Bildern etc.) aufweisen; denn das würde bewirken, daß sie ständig in die Wahrnehmungswelt wieder einsickern und verloren gehen. Sie müssen wiederverwendbar sein, und sie müssen ständig in Bewegung bleiben (also auffallen) bzw., wie beim Schreiben und Lesen, nur in Bewegung benutzt werden können.

Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, zieht sprachliche Kommunikation Bewußtsein an. Das Bewußtsein kann sich deshalb einer laufenden Kommunikation kaum entziehen. Es kann sie allenfalis beim Zuhören mit einigen Extravaganzen umspielen oder mit eigenen Beiträgen zu reizen versuchen. Es findet sich auf jeden Fall bei jeder Eigenbeschäftigung durch eine nebenherlaufende Kommunikation gestört. Jeder, der in Konferenzen zu arbeiten versucht, wird das erfahren haben. Diese Faszination findet auf der Ebene des Wahrnehmens statt, ist also keinerlei Indiz dafür, daß das Bewußtsein selbst kommunizieren könnte. Sie zieht das Bewußtsein an, und sei es nur, um es zu reizen, die Kommunikation zu reizen. Sie präokkupiert das Bewußtsein nicht vollständig, aber in einem für die Fortsetzung der Kommunikation ausreichenden Umfange. Wer sich überhaupt beteiligt, kann gleichzeitig nicht viel anderes tun. Wer überhaupt liest, ist dadurch praktisch blockiert und muß, wenn er müde wird, eben aufhören zu lesen. Beim Reden wie beim Zuhören, beim Schreiben wie beim Lesen ist das eigene Denken weitgehend ausgeschaltet, sonst verliert man den Faden.

Demgegenüber ist die imaginative Verwendung von Worten und Sätzen, das »innere Sprechen« ein sekundäres Phänomen. Man kann seine Gedanken sprachförmig ordnen, möglicherweise aber in größerem Umfange erst, seitdem es Schrift gibt. Über Sprache »interpenetriert« soziale Komplexität zwar in das Bewußtsein, aber dies geschieht nur anhand eines Nachvollzugs der Wahrnehmungsdistinktheit der akustischen bzw. optischen, für mündlichen bzw. schriftlichen Gebrauch entwickelten Formen der Sprache, und nicht in der Art einer "internen Kommunikation«, deren eigenständiger Adressat man selber wäre. Damit das funktionieren kann, muß eine zweite Voraussetzung erfüllt sein.

Die wahrnehmbaren Sprachartefakte müssen nicht nur faszinieren, sie müssen auch auf eine noch kontrollierbare Weise Imagination anregen können. Hierfür gibt es sicher neurophysiologische Bedingungen, die im einzelnen aber noch wenig geklärt sind. Das, was als Sprache wahrnehmbar wird, muß Imagination freigeben (so daß nicht bei jedem Wort, das man hört oder liest, nur genau ein Bild erzeugt wird); aber sie müssen dies auf eine hinreichend kontrollierte, Konsistenzprüfungen ausgesetzte, gedächtnisfähige Weise tun. Wie leicht zu erkennen, handelt es sich um die allgemeine evolutionäre Form der »Überschußerzeugung und Selektion«, die das Entstehen komplexer Systeme begünstigt und zu ihrer Schliessung nach außen führt. Es ist klar, daß dies nur Eigenarbeit des Gehirns und, darauf sich stützend, des Bewußtseins sein kann, und in keiner Weise eine rekursive Operation des sozialen Systems der Kommunikation. Gerade die vollständige Trennung dieser bei den Seiten ist Voraussetzung dafür, daß sie sich gegenseitig kontinuierlich irritieren und überraschen können und sich dadurch gegenseitig in Betrieb halten.

Sprache nimmt auf diese Weise das Gedächtnis psychischer Systeme in Anspruch, und sie benutzt es nicht nur, sie baut es aus, indem sie mit jedem Wort eine spezifizierte Imagination zur Verfügung stellt, die durch Lancierung der Worte abgerufen werden kann. Lesen Sie bitte: frische Brötchen - und ich bin sicher, daß Sie nicht etwas völlig anderes im Sinn haben als ich. Insofern dient Sprechen in allen älteren Gesellschaften, die in einer weitgehend unbekannten und gefährlichen Umwelt leben, auch, wenn nicht primär, dem Solidaritätstest.

Die gewaltige Ausdehnung der Wahrnehmungsmöglichkeiten und die entsprechende Freigabe von Selektionen werden durch laufende Kommunikation gebunden. Noch die Erfindung von Schrift wird weitgehend auf Registrierfunktionen zurückzuführen sein für Fälle, in denen das psychische Gedächtnis möglicherweise versagt oder zu divergieren tendiert. Das soziale Prozessieren von Selektivität kann sich erst entwickeln, wenn diese Basis gesichert ist; und das heißt auch, daß die Ausdifferenzierung eines Gesellschaftssystems nur sehr allmählich für dieses System zum Gegenstand von Kommunikation werden kann (und zuerst wohl ganz unvermeidlich nur durch Verortung im wahrnehmbaren Raum und am Bestand sichtbarer Menschen).

Sprache kann Bewußtsein und.Kommunikation gleichzeitig bedienen nur deshalb, weil auch das Sprechen auf extrem kurze Ereignisse eingestellt ist, also nur momenthafte Aktualität gewinnt. Wie bei allen strukturellen Kopplungen werden dabei Diskontinuitäten im System und in der Umwelt vorausgesetzt. (Eine entropische Umwelt würde keine strukturellen Kopplungen ermöglichen.) Dieser Bedingung entspricht die Sprache dadurch, daß sie Sätze und Satzfolgen bildet also einen ständigen Übergang zu anderem Sinn erzwingt. Eben deshalb kann, ausgehend von einem momenthaft aktualisierten Wort- oder Satzsinn, das Bewußtsein völlig andere Prozesse anschließen als die Kommunikation. Wenn gleichzeitiges Prozessieren fortgesetzt werden soll, muß also die Sprache über gewisse Zeitstrecken hinweg Bewußtsein und Kommunikation synchronisieren. Und auch das kann sie, weil sie ihre Sequenzen hochredundant ordnet.

Sprache leistet mithin das, was Maturana als »conservation of adaptation« bezeichnen würde. Sie stellt sicher, daß die Kommunikation das Bewußtsein hinreichend fasziniert, so daß man sie fortsetzen kann, ohne diese Bedingung in der Kommunikation jeweils thematisieren und damit dem Widerspruch aussetzen zu müssen. Daß dies auch geschehen kann, steht außer Frage. Entscheidend ist, daß dies nicht in jeder kommunikativen Operation für alles vorausgesetzte Bewußtsein geschehen muß.

Und gerade dadurch, daß Bewußtseinsbeteiligung quasi automatisch und geräuschlos geschieht, wenn und solange kommuniziert wird, gewinnt das Kommunikationssystem die Freiheit, eigene Anliegen zu besorgen. Die Sprache distanziert Bewußtsein und Kommunikation gerade dadurch, daß sie deren strukturelle Kopplung automatisiert. Die Attraktion von Bewußtsein ist nicht der Zweck, nicht der Sinn, nicht die Funktion von Kommunikation; nur: wenn sie nicht gelingt, hört die Kommunikation auf.

Während Sprachphilosophen oft meinen, Sprache sei ein System (wenn nicht gar: das einzige System für die Koordination von Lebenszusammenhängen), ist für die hier vorgestellte Analyse entscheidend, Sprache als Nichtsystem anzusehen, das Systembildungen im Bereich von Bewußtsein und Kommunikation erst ermöglicht, indem es die strukturelle Kopplung der beiden Systemarten ermöglicht.

Das heißt auch: daß man von Sprache auf Kommunikation als Grundbegriff umstellen muß. Entscheidend für die Einheit von Sprache ist ihre Doppelfunktion (gleich der double helix der Biologie?) für Kommunikationssysteme und für Bewußtseinssysteme, nicht dagegen ihre eigene Systematizität. Es gibt, anders gesagt, keine spracheigenen Operationen, die eigene Grenzen definieren könnten. Das Eingrenzen und Ausgrenzen geschieht nur, und dies auf je verschiedene Weise, durch Kommunikationssysteme und durch Bewußtseinssysteme; aber Sprache ist nötig, damit eine laufende strukturelle Kopplung dieser Systeme erreicht werden kann. Es gibt in der Welt daher nicht eine einheitliche Grenze zwischen Sprache und Nichtsprache, sondern eine Vielheit von Systemgrenzen je nachdem, was kommunikativ und bewußtseinsmäßig gelingt. Nur so läft sich auch erklären, daß die Sprache ihrerseits die Unterscheidung von Mitteilung und Information so stark einspielt, daß dann wieder nichtsprachliche (aber eben: sprachabhängige) Formen der Kommunikation, zum Beispiel durch Gesten oder durch sonstiges Ausdruckshandeln, entstehen können, die ebenfalls keinen Zweifel daran lassen, daß eine Information gegeben werden soll.

Ebensowenig folgen wir der semiotischen Sprachtheorie. Sprache ist kein System von Zeichen für außersprachliche Sachverhalte. Von Semiotik (oder Semiologie) kann man nach Saussure nur noch in bezug auf innersprachliche (linguistische) Differenzen sprechen und sollte das vielleicht besser lassen. Gewiß: sprachliche Ausdrucksweisen, Worte und Sätze, können als Zeichen verwendet werden - so wie andere Gegenstände auch. Aber eine solche Verwendung ist sekundär und für sprachliche Kommunikation keineswegs konstitutiv. Sie setzt, bei gelegentlichem Gebrauch, funktionierende Sprache bereits voraus, wobei funktionierende Sprache heißt: sprachliche Kommunikation, die weitere Kommunikation ermöglicht. Jede andere Auffassung würde eine Hypertrophie bezeichneter Realitäten, negativer Gegenstände, abstrakter Gegenstände usw. annehmen müssen. Es genügt vollauf, zu sagen, daß die Sprache in ihrer Benutzung als Sprache und sodann in der Beobachtung von Sprache durch einen Beobachter konkret existiert. Sprache ist ein Moment der Autopoiesis von Kommunikation und, mehr beiläufig, auch ein Moment der Autopoiesis von Bewußtsein. Sie ermöglicht die Konstruktion einer Welt, die aber als Konstruktion ihre Realitätsbasis nur in den Operationen selber hat. Ihre eigene Realität besteht nicht darin und ist nicht abhängig davon, daß sie als Zeichen für etwas anderes, wirklich Reales dient. Ihre eigene Realität besteht darin, daß ihr Gebrauch beobachtet werden kann.

Diese Überlegung läßt im übrigen, gleichsam als Nebeneffekt, erkennen, was die Funktion älterer Darstellungen von Erkenntnis als Abbild gewesen war, sei sie nun bezogen auf den Menschen wie bei Platon und Aristoteles, sei sie bezogen auf Bewußtsein oder Kommunikation oder Sprache. Mit dem Begriff des Abbildes wird die Bezeichnung des Bezeichneten ihrer Willkür entledigt. An die Stelle der willkürlichen Zuordnung tritt eine Ähnlichkeitsbeziehung. Erkenntnis wird als assimilatio verstanden. Insoweit interessiert dann nicht mehr, wer diese Zuordnung vorgenommen, wer sie »konstruiert« hat, sondern nur noch das in der Ähnlichkeit zum Ausdruck kommende Gemeinsame, der in der Ähnlichkeit zum Ausdruck kommende Weltsachverhalt.

Die Abbildtheorie instruiert uns, den Essenzenkosmos zu beobachten, also das, was Erkenntnis und Gegenstand als eine Art Rationalitätskontinuum zusammenhält
.

Die Ablehnung der Abbildtheorie zwingt uns dagegen, den Beobachter zu beobachten, und die Frage »was« abhängig zu machen von der Frage »wie«.

Mit all dem ist noch nicht geklärt, wie die Sprache in der Lage ist, die Funktion der strukturellen Kopplung von Kommunikationsereignissen und Bewußtseinsereignissen zu erfüllen.

Unterscheidung von Medium und Form

Eine Antwort auf diese Frage kann mit Hilfe der Unterscheidung von Medium und Form vorbereitet werden. Diese Unterscheidung hat Fritz Heider einer Theorie der menschlichen Wahrnehmung zu Grunde gelegt. Wir geben ihr eine allgemeinere, weit darüber hinausreichende Bedeutung

Medium diesem Sinne ist jeder lose gekoppelte Zusammenhang von Elementen, der für Formung verfügbar ist, und Form ist die rigide Kopplung eben dieser Elemente, die sich durchsetzt, weil das Medium keinen.Widerstand leistet.

Die Unterscheidung setzt im Bereich des Mediums identifizierbare Elemente (insofern also wiederum Form) voraus und unterscheidet sich dadurch vom alteuropäischen Begriff der (von sich her gänzlich unbestimmten) Materie. Das Medium muß (digital) eine gewisse Körnigkeit und (analog) eine gewisse Viskosität aufweisen. Es muß außerdem in der Bindung durch Form als Medium erhalten bleiben, wenngleich es durch die Form gewissermaßen »deformiert« wird. Heider nennt als Wahrnehmungsmedien Luft und Licht, die akustische bzw. optische Sonderkonstellationen vermitteln. Sprache erfüllt dieselben Bedingungen, ist also ebenfalls ein Medium für die Aufnahme von Formen.

Das gilt in einem akustischen bzw., bei Schrift, optischen Sinne für die strenge Kopplung zu einzelnen Worten (wo schon leichte Mißbildungen das Wort unerkennbar werden lassen) und auf einer zweiten Ebene für die Formung von Worten zu Sätzen, für die dasselbe gilt. Jede operative Nutzung von Sprache im Kommunizieren oder Denken besteht also in einer laufenden Kopplung des lose gekoppelten Medienbestandes der damit nicht verbraucht wird (so wenig wie Luft und Licht in der Wahrnehmung), sondern für weitere Kopplungen zur Verfügung steht. Voraussetzung ist nur, daß die strenge Kopplung vom Medium unterscheidbar ist und ferner: daß eben durch diesen Zusammenhang von Medium und Form Operationen des Sprachgebrauchs ausdifferenziert werden, die sich dann von anderen Phänomenen (etwa einfachem Körperverhalten) unterscheiden lassen.

Ebenso wie im Falle der Wahrnehmungsmedien wird auch im Falle der Sprache (auf der Grundlage von Wahrnehmungsmedien und der in ihnen möglichen Formen) das Medium von den Systemen, die es benutzen, erst erzeugt. Zwar gibt es immer ein materielles Substrat - für Licht und Luft ebenso wie für Sprache. Aber die Physik, die den Phänomenen Licht und Luft zu Grunde liegt, wird heute nicht in dieser auf Wahrnehmung bezogenen Terminologie erfaßt, und Entsprechendes gilt für Sprache. Die Sprache besteht als ein Medium weder in der physischen Eigenschaft ihrer Zeichen noch in den Bewußtseinszuständen der Hörer und Sprecher oder Leser und Schreiber.

Das Kommunikationssystem nutzt nicht ein schon vorhandenes Medium, sondern es produziert und reproduziert es in der eigenen Autopoiesis. Die dabei vorausgesetzte Realität, die in der Kommunikation als lose Kopplung massenhafter Elemente behandelt, also als Medium konstituiert werden kann, besteht demnach nicht in der operativen Kopplung, die in den Bewußtseinssystemen deren eigendeterminierte Autopoiesis ermöglicht. Sie hat ihre Grundlage vielmehr darin, daß eine Vielzahl von strukturdeterminierten Bewußtseinssystemen jeweils operativ geschlossen und daher im Verhältnis zueinander nur akzidentell, nur okkasionell, nur lose gekoppelt operiert. Die operativ notwendige Trennung bei möglicher Kongruenz, vor allem des Wahrnehmens, bietet die Möglichkeit, Sprache als Medium zu konstituieren und in diesem Medium dann selbstgenerierte Formen, nämlich Sätze, zu bilden. Wenn das in der Umwelt der Bewußtseinssysteme durch die eigene Autopoiesis sozialer Systeme geschieht, kann davon ein Bindungseffekt auch für psychisches Bewußtsein ausgehen - zumindest in dem (sehr weitreichenden) Sinne, daß man die Realität des gesprochenen, geschriebenen, gedruckten Wortes als wahrnehmbares Faktum nicht so leicht leugnen wird. Ob das aber, was den Sinn betrifft, zu Zustimmung oder Ablehnung, zu unentschiedenem Schwanken, Verdrängen oder Vergessen führt und welche Erinnerungen und welche weiteren Bewußtseinsoperationen dadurch provoziert werden, bleibt wieder ausschließlich Sache des Einzelbewußtseins. Wir werden noch sehen, daß dieser Sachverhalt sich bei den auf Sprache beruhenden weiteren Medienbildungen wie Wahrheit, Geld, Macht usw. mutatis mutandis wiederholt.

Auf Grund der damit geschaffenen Möglichkeiten kann das sprachlich strukturierte Kommunikationssystem die eigenen Operationen in ein Medium einsetzen, das laufend in Form zu bringen ist, indem auf Grund von Kommunikation über Kommunikation entschieden wird; und es kann auch den Zusammenhang der dazu nötigen Bewußtseinssysteme als ein Medium behandeln, nämlich als eine durch ihre Eigenart limitierte Möglichkeit, Form anzunehmen.

Um so tätig zu sein, braucht das Kommunikationssystem weder sich selbst noch die involvierten Bewußtseinssysteme als Medium (im Unterschied zu Form) zu beobachten. Der Vollzug der strengen Kopplung (Formbildung) durch operative Kopplung im System genügt. Erst recht wird nicht vorausgesetzt, daß Formen, die sich im Medium einprägen, eine besondere Rationalität oder Perfektion oder auch nur eine Tendenz in diese Richtung aufweisen. Sie sind einfach nur stärker als das Medium und setzen sich durch, weil sie eine hochselektive und damit starre und auffallende Form aufweisen, wie flüchtig immer in der Kommunikation diese Form erzeugt und wiederaufgelöst wird.


Niklas Luhmann


Systemtheorie

Kommunikation

Sprache




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