FRANCISCO VARELA / HUMBERTO MATURANA 
DER BAUM DER ERKENNTNIS
Scherz Verlag 1987

 
S. 196
Strukturelle Koppelung 
Ko-Ontogenese
Was geschieht mit einem Organismus, wenn er in strukturelle Koppelung mit anderen Organismen eintritt. Wie im Falle der zellulären Interaktionen bei den Metazellern ist es auch hier offensichtlich, daß aus dem Blickwinkel der inneren Dynamik eines Organismus ein anderer Organismus eine Quelle von Perturbationen darstellt, die von jenen, die aus dem «unbelebten» Milieu stammen, nicht zu unterscheiden sind. Es ist jedoch möglich, daß die Interaktionen zwischen Organismen im Verlauf ihrer Ontogenese einen rekursiven Charakter annehmen. Das führt notwendig zum gemeinsamen strukturellen Driften dieser Organismen: einer Ko-Ontogenese, an der die Organismen durch ihre gegenseitige strukturelle Koppelung beide beteiligt sind, wobei jeder seine Anpassung und Organisation bewahrt. Wenn dies geschieht, dann bringen die gemeinsam driftenden Organismen einen neuen phänomenologischen Bereich hervor, der besonders komplex werden kann, wenn ein Nervensystem vorhanden ist.

Phänomene der strukturellen Koppelung dritter Ordnung: Beim Stand unserer Erörterung sollte es nicht erstaunen, daß solche Koppelungen entstehen können, da im wesentlichen die gleichen Mechanismen am Werk sind, die wir bereits in bezug auf die Bildung von autopoietischen Einheiten zweiter Ordnung erläutert haben. Sobald Organismen mit Nervensystem entstanden sind und diese an rekursiven Interaktionen teilnehmen, treten solche Koppelungen auf - mit unterschiedlicher Komplexität und Stabilität, aber als natürliches Ergebnis der Kongruenz ihres jeweiligen ontogenetischen Driftens.

Wie können wir diese Koppelungen dritter Ordnung verstehen und analysieren? Nun, zunächst ist festzuhalten, daß bei Organismen mit sexueller Reproduktion solche Koppelungen für die Kontinuität einer Abstammungslinie absolut notwendig sind, da zumindest die Fortpflanzungszellen aufeinander treffen müssen, um miteinander zu verschmelzen. Darüber hinaus benötigen die Jungen vieler Tierarten, die für die Zeugung neuer Individuen der sexuellen Paarung bedürfen, Fürsorge seitens der Eltern. So istein gewisses Ausmaß an Verhaltensabstimmung bei Zeugung und Aufzucht der Jungen notwendig.

Auch wenn die Koppelung dritter Ordnung eine universelle Erscheinung ist, entdecken wir, daß dieverschiedenen Tierarten sie auf die unterschiedlichsten Weisen verwirklicht haben, sowohl was ihre Form als auch was die resultierenden Phänomene angeht.

S.205 
Soziale Wirbeltiere
Stellen wir uns nun eine Herde von Huftieren vor, etwa Antilopen, die im Bergland leben. Wenn wir uns den Tieren nähern, werden wir bemerken, daß die gesamte Herde flieht, sobald wir uns auf etwa 100 Meter angenähert haben. Üblicherweise fliehen dieAntilopen, bis sie einen höheren Gipfel erreicht haben, wo sie sich umdrehen, um von dort aus den Fremden zu beobachten. Sie müssen allerdings, um von einem zum nächsten Gipfel zu gelangen, ein Tal durchqueren, von dem aus sie den Eindringling nicht sehen können. Hier wird eine soziale Koppelung sichtbar: Die Herde bewegt sich in einer Formation, in der das dominante Männchen an der Spitze läuft,gefolgt von den Weibchen und den Jungtieren. DenSchluß der Herde bilden andere Männchen. Eines von ihnen wird nun am vorderen Gipfel zurückbleiben und den Fremden im Auge behalten, während die anderen das Tal durchqueren. Sobald sie den neuen Gipfel erreicht haben, schließt das zurückgebliebene Tier zu ihnen auf.

Koordination des Verhaltens
Wie im Fall der sozialen Insekten erlaubt das Leben im Rahmen von Koppelungen dritter Ordnung den einzelnen Wirbeltieren (in diesem Fall Säugetiere) an Beziehungen und Aktivitäten teilzunehmen, die nur aus der Koordination des Verhaltens von ansonsten unabhängigen Individuen entstehen. Solch eine Koordination kann durch jede Form der Interaktion zustandekommen, durch chemische, visuelle, auditive oder sonstige Interaktion.  Die strukturellen Unterschiede, die zu den verschiedenen Rollen gehören, welche Mitglieder in Gruppen von Säugetieren spielen, scheinen uns häufig weniger ausgeprägt zu sein als im Fall der Ameisen oder Termiten. Sie zeigen sich nämlich eher in flüchtigen Änderungen von Erscheinungsweise und Verhalten als in dauernden Transformationen der Form des Körpers. Das ist so bei der Antilope, die für die Herde Wache steht, aber auch bei den Wölfen, die ihr Verhalten durch verschiedene Körpersignale koordinieren (Zähnezeigen, Ohren-Hängenlassen, Schwanzwedeln usw.). Ein so koordiniertes Wolfsrudel vermag einen großen Elch zu verfolgen, anzugreifen und zu töten, was einem einzelnen Wolf allein niemals möglich wäre. Wölfe sind ein gutes Beispiel für die Flexibilität, die Säugetiere durch die Koordination ihres Verhaltens gewinnen.

Wir finden bei den Wirbeltieren Interaktionsarten, die im wesentlichen visuell und auditiv sind und die ihnen erlauben, einen neuen Bereich von Phänomenen herzustellen, die von isolierten Individuen nicht hätten erzeugt werden können. Darin ähneln sie den sozialen Insekten, aber sie unterscheiden sich von ihnen durch die größere Flexibilität, die ihnen ihr Nervensystem und ihre audio-visuelle Koppelung erlaubt.  Bei den Primaten treten Situationen auf, die damit im wesentlichen vergleichbar sind. So zeigen zum Beispiel die Paviane, die die afrikanischen Savannen bewohnen und in ihrem Verhalten als natürlicheGruppe (sehr verschieden von ihrem Verhalten in Gefangenschaft!) sehr genau untersucht worden sind, eine ständige und vielfältige Interaktion unter den Individuen einer Gruppe auf der Grundlage von Gesten, Körperhaltung (visuell) und Berührung (taktil). Hierbei ist die Koppelung innerhalb der Gruppe geeignet, eine Dominanzhierarchie unter den Männchen herzustellen. Diese Hierarchie und die Gruppenkohäsion werden deutlich, wenn wir die Gruppe bei der Wanderung von einem Ort zum anderen oder bei der Begegnung mit einem Raubtier wie einem Löwen beobachten. Wenn die Gruppe wandert, gehen die dominanten Männchen, die Weibchen und die Jungtiere in der Mitte der Gruppe; andere junge und erwachsene Männchen sowie Weibchen halten sich strategisch vorn und hinten.

Tagsüber widmen sich die Paviane ausgiebig demSpiel und dem gegenseitigen Lausen in einem ständigen interaktiven Tun. Innerhalb dieser Gruppen ist es außerdem möglich, den Ausdruck von etwas zu beobachten, was wir «individuelle Temperamente» nennen könnten: manche Paviane sind reizbare Individuen, andere Verführer oder Kundschafter und soweiter. Diese Verhaltensvielfalt gibt jeder Pavianherde ein eigenes Gepräge, wobei jedes Individuum ständig aufs neue seine Position in das Interaktionsnetz einfügt, das gemäß seiner Dynamik die Gruppe formt und das Ergebnis der Geschichte von Strukturkoppelung in der Gruppe ist. Trotz aller Unterschiede gibt es einen Organisationsstil in der Gruppe von Pavianen7 der generell in jeder Herde vorkommt und daher die von allen geteilte phylogenetische Abstammung widerspiegelt.

Verschiedene Primatengruppen zeigen sehr verschiedene Arten und Stile der Interaktion. Die Mantelpaviane im Norden Afrikas sind gewöhnlich sehr aggressiv und ihre Dominanzhierarchien sehr starr. Die Schimpansen hingegen haben eine fließendere und variablere Gruppenorganisation, und sie bilden eher ausgedehnte familiäre Gruppen, die viel an individueller Beweglichkeit ermöglichen.

Soziale Phänomene  und Kommunikation
Unter sozialen Phänomenen verstehen wir Phänomene, die mit dem Zustandekommen von Koppelungen dritter Ordnung einhergehen, und unter sozialen Systemen die Einheiten dritter Ordnung, die so entstehen. Die Form, wie sich die Einheiten dieser Klasse verwirklichen, variiert von den Insekten bis zu den Huftieren oder den Primaten sehr stark. Dennoch ist ihnen allen gemeinsam, daß die bei Koppelungen dritter Ordnung entstehenden Einheiten, und seien sie auch nur vorläufig, eine besondere innere Phänomenologie erzeugen.
Diese soziale Phänomenologie beruht darauf, dass die beteiligten Organismen im wesentlichen ihre individuellen Ontogenesen als Teil eines Netzwerkes von Ko-Ontogenesen verwirklichen, das sie bei der Bildung von Einheiten dritter Ordnung hervorbringen. Die Mechanismen, mittels deren dieses Netz hergestellt wird und mittels deren die das Netz bildenden Einheiten ihre Kohäsion aufrechterhalten, variieren von Fall zu Fall.

Die Bildung eines sozialen Systems beinhaltet die dauernde strukturelle Koppelung seiner Mitglieder, also ihre Ko-Ontogenese. Und jeder einzelne Organismus ist nur so lange Teil einer sozialen Einheit, wie er Teil jener reziproken strukturellen Koppelung ist. Als Beobachter können wir deshalb ein Verhalten reziproker Koordination zwischen den Mitgliedern beschreiben. Unter Kommunikation verstehen wir dabei das gegenseitige Auslösen von koordinierten Verhaltensweisen unter den Mitgliedern einer sozialenEinheit.
Damit verstehen wir unter
Kommunikation eine besondere Klasse von Verhaltensweisen, die mit oder ohne Anwesenheit eines Nervensystems beim Operieren von Organismen in sozialen Systemen auftritt. Ebenso wie wir zwischen instinktivem und erlerntem sozialem Verhalten unterscheiden können, können wir auch zwischen phylogenetischen und ontogenetischen Kommunikationsformen unterscheiden

Der besondere Zug der Kommunikation ist also nicht, daß sie aus einem Mechanismus entsteht, der sich von anderem Verhalten unterscheiden läßt, sondern daß sie im
Bereich sozialen Verhaltens auftritt. Dies ist ebenfalls für uns als Beschreiber unseres eigenen sozialen Verhaltens gültig, dessen Komplexitätnicht bedeutet, daß unser Nervensystem anders operiert.

Die Verhaltenskonfigurationen, die im Rahmen der kommunikativen Dynamik eines sozialen Milieus ontogenetisch erworben werden und über Generationen stabil bleiben, bezeichnen wir als
kulturelles Verhalten.
Dieser Name sollte nicht überraschen, da er den gesamten Verbund von ontogenetisch erworbenen kommunikativen Interaktionen bezeichnet, die der Geschichte einer Gruppe eine gewisse Kontinuität verleihen, welche über die besondere Geschichte der beteiligten Individuen hinausreicht. Die Nachahmung und die ständige Selektion von Verhalten innerhalb der Gruppe spielen hier eine wesentliche Rolle; sie führen zur Herstellung der Koppelung der Jungen mit den Erwachsenen. Dadurch kommt es zu einer bestimmten Ontogenese, deren Ausdruck wir im menschlichen Bereich als kulturelles Phänomen bezeichnen. Kulturelles Verhalten entsteht also nicht aus einem besonderen Mechanismus; es stellt nur einen besonderen Fall von kommunikativem Verhalten dar. Das Besondere daran ist, daß es als Konsequenz eines sozialen Lebens über viele Generationen hinweg entsteht, wobei die Mitglieder dieses sozialen Gefüges dauernd durch neue abgelöst werden.    

Soziale Phänomene :
Als soziale Phänomene bezeichnen wir solche Phänomene, dle mit der Teilnahme vonOrganismen an der Bildung von Einheiten dritter Ordnung durch rekursive Interaktionen zu tun haben, wobei diese Interaktionen eine operationale Umgrenzung definieren, die sle selbst einschliesst.               

Kommunikation :
Als kommunikatlves Verhalten bezeichnen wir als Beobachter solches Verhalten, das im Rahmen sozialer Koppelung auftritt; als Kommunikation bezeichnen wir jene Koordination des Verhaltens, die aus der sozialen Koppelung resultiert.
 
Humberto Maturana
Der Baum der Erkenntnis Seite 7
Der Baum der Erkenntnis Seite 223

Sprache - Kommunikation 
 

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