Humberto Maturana

Erkennen

...verstehen, wie wir sehen, wie wir hören...und ganz generell, wie wir erkennen können, was wir zu erkennen beanspruchen.

...dass Leben, Erkennen und Bewusstsein biologische Phänomene sind, die als solche durch die Merkmale der Kohärenzen des Lebendigen -, und ohne irgendwelche zusätzliche Annahmen - erklärt werden können.

...Unsere gegenwärtige patriarchalisch-matriarchalische Kultur lebt aus einer impliziten, gelegentlich auch expliziten metaphysischen Auffassung, gemäss der alle Existenz notwendig ein Sein und Wesenheiten voraussetzt, die unabhängig sind von dem, was wir Menschen tun. Ich nenne diese metaphysische Einstellung oder diesen fundamentalen Standpunkt der Reflexion unserer patriarchalisch-matriarchalischen Kultur die Metaphysik der transzendentalen Realität.

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Wie können wir tun, was wir tun, wenn wir tun, was wir als Menschen tun?" oder "Wie erkennen wir, was wir zu erkennen beanspruchen?" oder "Wie operieren wir als Beobachter, wenn wir in irgendeinem Bereich die Unterscheidungen machen, die wir machen?".

...Eine metaphysische Einstellung, die das Wesen des Seins für transzendental erklärt, zieht notwendig eine Haltung nach sich, die den Körper als das Fundament menschlichen Wissens, menschlichen Verstehens und menschlichen Bewusstseins ablehnt und eine Erkenntnistheorie entstehen lässt, in der der Körper die Suche nach wahrer Erkenntnis stört und behindert. Eine metaphysische Haltung dagegen, die nicht auf der apriorischen Annahme der Existenz einer transzendentalen Realität beruht, befasst sich nicht mit Wesenheiten, sondern akzeptiert, dass alles, was ein menschliches Wesen tut, aus der Dynamik seines Körpers im Prozess der Selbsterhaltung durch die Interaktion mit einem geeigneten Milieu entsteht.

Gemäss der von mir vollzogenen metaphysischen Wende, also der fundamentalen metaphysischen Position der Wirklichkeitserzeugung, entstehen wir lebenden Systeme im Allgemeinen und wir Menschen im Besonderen im Bereich des Vergänglichen, wo das Transzendentale eine Vorstellung ist, über die wir nichts sagen können, weil jeder entsprechende Versuch es negiert und uns im Bereich unseres alltäglichen Lebens belässt, wo das Transzendentale nicht existiert. Das ist aber nicht wichtig, weil alles, was im menschlichen Leben gut ist, dem Bereich des Vergänglichen angehört und weil in ebendiesem Bereich die Liebe als das Fundament unseres Menschseins und Quelle unseres Glücks existiert.





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Das Dasein der Menschen vollzieht sich im alltäglichen Leben. Diese Feststellung klingt banal, und sie ist in der Tat banal. Wenn ich sie dennoch treffe, dann, um herauszustellen, dass alle unsere Tätigkeiten, ob schlicht oder kunstfertig, akademisch oder handwerklich, lediglich als Ausprägungen unseres alltäglichen Lebens erscheinen, d.h. nur insofern verschieden sind von unseren häuslichen Verrichtungen, als die relationalen und operationalen Räume, in denen sie ablaufen, besondere Merkmale haben und wir damit besondere Ziele, Zwecke und Wünsche verfolgen.
Dieses Buch ist eine Reflexion darüber, wie wir tun, was immer wir tun, und wie die verschiedenen darin beschriebenen Ideen im Zuge meines eigenen Lebens von Tag zu Tag entstanden sind, wenn ich versuchte zu verstehen, wie wir sehen, wie wir hören...und ganz generell, wie wir erkennen können, was wir zu erkennen beanspruchen.

Ich war ein normales Kind und lebte ein normales Leben, und vielleicht bin ich nur insoweit etwas anders als andere, als gewisse Fragen, die sich mir bereits als Kind stellten, bis heute für mei­ne alltäglichen Aufgaben bestimmend geblieben sind. Indem ich also an diesen Fragen festhielt, lebte ich sie als Aspekte meines Alltagslebens, die ich mit den Mitteln meines Alltagslebens beantworten wollte. Das war nicht trivial. Irgendwie war ich nicht an Wesensfragen interessiert, wollte nicht wissen, wie die Dinge an sich sind, sondern wollte vielmehr herausfinden, wie sie zustande kamen. Ich liebte es, meine eigenen Spielsachen zu basteln, auf die Bäume zu klettern und auf die vielen Laute der verschiedenen Insekten zu hören. Ich liebte Insekten, Krabben, Pflanzen, Tiere überhaupt, und ich sammelte mit Begeisterung die harten Überbleibsel ihrer Körper, um herauszufinden, wie sie miteinander verwandt und und auf ihre unterschiedlichen Lebensweisen abgestimmt waren.

Ich mochte es, mich zu bewegen, herumzuspringen, zu gehen und zu laufen, und so lernte ich meinen Körper ebenso kennen wie die verschiedenen Welten, in denen ich existierte, wie sie durch meine Bewegungen entstanden und wie ich sie voller Freude lebte in allem, was ich tat. Ich fühlte mich wie die Insekten und Krabben, die ich so gerne betrachtete und deren Skelette ich untersuchte, um zu verstehen, wie sie sich aufgrund ihrer Lebensweise bewegten. Ich lebte im Tun, sah im Tun, dachte im Tun. Das widerfuhr mir einfach. Als Kind meiner Kultur lebte ich aber gleichzeitig in einer Welt, die um mich herum geschah und unabhängig von mir selbstständig existierte.

Dieses Buch zeigt die Geschichte eines metaphysischen Wandels in meinem Denken und Fühlen und meiner Auffassung des Lebens und der Welten, die ich lebe. Dieses Buch enthält aber nicht die Geschichte der Reflexionen eines Philosophen oder auch die Geschichte der Unternehmungen eines Naturwissenschaftlers, es enthält vielmehr die Geschichte einiger Aspekte der experimentellen Forschung sowie der philosophischen Reflexionen eines Biologen, der sich dafür interessiert, Leben, Wahrnehmung und Erkennen als Merkmale des ungebrochenen Lebensstroms der lebenden Systeme im Allgemeinen und des Menschen im Besonderen zu verstehen. Auch wenn dieses Buch also nicht die Geschichte einer naturwissenschaftlichen Suche enthält, erzählt es doch die Geschichte der Erweiterung des Verstehens des Lebens und des Menschseins, die sich ergibt, wenn ein Biologe als Tatsache seiner alltäglichen Erfahrung akzeptiert, dass alles, was lebende Systeme im Allgemeinen und Menschen im Besonderen tun und erfahren, im Prozess der Verwirklichung ihres Lebens als lebende Systeme stattfindet. Und das bedeutet, dass dieser Biologe folglich zur Auffassung kommt, dass Leben, Erkennen und Bewusstsein biologische Phänomene sind, die als solche durch die Merkmale der Kohärenzen des Lebendigen -, und ohne irgendwelche zusätzliche Annahmen - erklärt werden können.

Unsere gegenwärtige patriarchalisch-matriarchalische Kultur lebt aus einer impliziten, gelegentlich auch expliziten metaphysischen Auffassung, gemäss der alle Existenz notwendig ein Sein und Wesenheiten voraussetzt, die unabhängig sind von dem, was wir Menschen tun. Ich nenne diese metaphysische Einstellung oder diesen fundamentalen Standpunkt der Reflexion unserer patriarchalisch-matriarchalischen Kultur die Metaphysik der transzendentalen Realität. (Transzendental nennt Humberto R. Maturana Theorien des Erkennens und alltägliche Auffassungen, die eine beobachterunabhängige Existenz der Welt - der Dinge und Objekte, der Prozesse und Beziehungen - als möglich voraussetzen.

Zentral für unsere patriarchalisch-matriarchalische Kultur ist die Trennung von Schein und Sein, und die sie beherrschende Frage zielt auf das, was ist, was wirklich ist, und nicht auf das, was wir tun, wenn wir behaupten, dass etwas der Fall ist. Unser Leben in dieser Kultur besteht in der Suche nach unserem eigentlichen Sein, nach unserem wahren Ich, in einer Suche, die sich ständig als aussichtslos erweist, weil wir ja gleichzeitig a priori akzeptiert haben, dass diese Frage im Bereich unseres alltäglichen Lebens, wo wir all das tun, was wir eben tun, unbeantwortbar bleiben muss. Und so sind wir folglich gezwungen, entweder in einen totalen Skeptizismus zu verfallen, der sich auf die Möglichkeit bezieht, uns selbst als ichbewusste, in der Sprache handelnde lebende Systeme zu verstehen. Oder aber wir fühlen uns gezwungen, in eine Art des theologischen Denkens zu verfallen, um unsere biologisch unerklärbare Existenz als menschliche Wesen zu rechtfertigen.


Dieses Buch zeigt, wie ich diese metaphysische Einstellung unserer Kultur, die Existenz einer von uns unabhängigen Realität als das transzendentale Fundament allen Geschehens selbstverständlich vorauszusetzen, aufgegeben habe, und zwar aufgrund der Einsicht, dass diese Einstellung nicht aufrechterhalten werden kann, weil sie durch unsere alltägliche Erfahrung keinerlei operationale Unterstützung erfährt.

Statt also Fragen zu stellen wie „Was ist Erkennen?" oder „Was ist Bewusstsein?" und dabei vorauszusetzen, dass die Antwort darauf nur gefunden werden kann, wenn wir irn Ansatz und in der Entwicklung unserer Uberlegungen nach geeigneter Unterstützung in der Aussenwelt suchen, begann ich Fragen anderer Art zu stellen, etwa „Wie können wir tun, was wir tun, wenn wir tun, was wir als Menschen tun?" oder „Wie erkennen wir, was wir zu erkennen beanspruchen?" oder „Wie operieren wir als Beobachter, wenn wir in irgendeinem Bereich die Unterscheidungen machen, die wir machen?".

Solche Fragen gingen von vornherein davon aus, dass die zulässigen Antworten darauf in der Form des tatsächlichen Operierens der lebenden Systeme gegeben werden mussten. Damit akzeptierte ich explizit, dass alle die Ideen und Begriffe, die ich für die Beantwortung dieser Fragen einsetzte, aus den Kohärenzen meines Lebens als eines lebenden Systems abgeleitet worden waren, ohne dass ich irgendwelche transzendentalenAnnahmen in den Prozess eingebracht hätte. Die Fragen in der Tat so zu stellen bedeutet die faktische Aufgabe der impliziten metaphysischen Einstellung oder der apriorischen Uberzeugungen einer Kultur, die die Existenz einer transzendentalen Realitat als das notwendige Fundament aller Existenz und somit auch als Quelle der Validierung all dessen annimmt, was wir tun oder tun können. Ausserdem bedeutet eben die Tatsache, dass ich meine Fragen (z. B. „Wie können wir tun, was wir tun?") im Rahmen meiner besonderen Einstellung formuliere, dass diese Fragen beantwortet werden können, weil sie innerhalb des Bereichs gestellt werden, in dem menschliche Wesen als lebende Systeme tun, was sie tun.

Eine metaphysische Einstellung, die das Wesen des Seins für transzendental erklärt, zieht notwendig eine Haltung nach sich, die den Körper als das Fundament menschlichen Wissens, menschlichen Verstehens und menschlichen Bewusstseins ablehnt und eine Erkenntnistheorie entstehen lässt, in der der Körper die Suche nach wahrer Erkenntnis stört und behindert. Eine metaphysische Haltung dagegen, die nicht auf der apriorischen Annahme der Existenz einer transzendentalen Realität beruht, befasst sich nicht mit Wesenheiten, sondern akzeptiert, dass alles, was ein menschliches Wesen tut, aus der Dynamik seines Körpers im Prozess der Selbsterhaltung durch die Interaktion mit einem geeigneten Milieu entsteht.

Aus einer solchen metaphysischen Haltung heraus werden Körper und Körperdynamik vom Beobachter als das Fundament allen menschlichen Tuns erkannt, und der Beobachter stellt die oben angefführten Fragen nach dem generellen Schema „Wie tun wir, was wir tun?" im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass unsere Existenz als menschliche Wesen sich in unserem relationalen Raum in der Verwirklichung unserer Körperdynamik vollzieht. Und in der Tat ist diese implizite oder explizite Annahme der Tatsache, dass wir als menschliche Wesen in der fortwährenden Erhaltung unseres menschlichen Lebens durch unsere Körperdynamik existieren, die Grundeinsicht, die zur Aufgabe der Metaphysik der transzendentalen Realität und zur Übernahme einer neuen führt, deren Ausgangspunkt für jede Erklärung oder rationale Argumentation die Erkenntnis ist, dass wir lebende Systeme sind und alles, was wir tun, in der Verwirklichung unseres Lebens tun. Aus der Sicht dieser Metaphysik ist unsere Biologie die Bedingung unserer Möglichkeit. Und das kann in der Tat gar nicht anders sein, denn der Beobachter verschwindet, wenn seine Körperlichkeit zerstört wird.


Ein Beispiel: Die Metaphysik der transzendentalen Realität

Was ist das? ‑ Ein Tisch. ‑ Wie weisst du, dass es ein Tisch ist? ‑ lch weiss es, weil ich ihn sehe. ‑ Und wie kannst du ihn sehen? ‑ Ich kann ihn sehen, weil er da ist und weil ich die Fähigkeit besitze zu sehen, was da ist.

Dieser Gedankengang beruht auf einem apriorischen Erklärungsprinzip, das besagt, dass etwas unterschieden werden kann, weil es unabhängig vom Beobachter ist, und dass es unabhängig vom Beobachter ist, weil es real ist. Darüber hinaus beruht dieser Gedankengang auf der impliziten Annahme, dass es ausserhalb meiner selbst eine eigenständige Realität gibt, welche die Grundlage ist für alles, was ich tun kann, wozu auch die Logik gehört, die diese Behauptung validiert. Nach dieser metaphysischen Einstellung ist eine Behauptung allgemein gültig mit Bezug auf etwas, was unabhängig ist von dem, was der Beobachter tut. Eine metaphysische Einstellung entsteht ganz selbstverständlich implizit in der kulturellen Erzie­hung eines Kindes als unreflektierter Legitimationsrahmen, der als letztgültige Grundlage der Validierung gelebt wird für alles, was in der entsprechenden Kultur als unzweifelhafte Erfahrungstatsache oder logische Begründung gilt. Dieser Rahmen bleibt gewöhnlich auch unreflektiert, und wenn sich bezüglich seiner Validität Fragen ergeben, dann ist die Grundlage der Validität der Antworten darauf gewöhnlich genau das, was man kritisch prüfen wollte. Wenn man also die Validität einer metaphysischen Einstellung reflektieren will, muss man die implizite Gewissheit hinsichtlich der Frage „Was ist Erkennen?" und hinsichtlich der Art ihrer Beantwortung völlig auf­geben. Genau das habe ich festgestellt (und zwar in meinen neuro­physiologischen Untersuchungen zur Sehwahrnehmung), ohne mir zunächst bewusst zu sein, was ich tat, als ich mir die Frage stellte: „Was ist Sehen?" Und ich habe es verstanden, als ich diese Frage zu beantworten suchte, indem ich den Bereich der biologischen Prozesse betrachtete, das Sehen als eine relationale Dynamik von Organismus und Milieu im Bereich des Operierens des Nervensystems des Beobachters im Akt der Beobachtung konstituiert. Dieses Vorgehen liess mich bald erkennen, dass ich die Vorstellung aufgeben musste, der Beobachter existiere als ontisch bzw. ontologisch unabhängige Entität. Gleichzeitig wurde mir klar, dass die von mir gestellte Frage mein eigenes Operieren betraf („Wie tue ich, was ich im Bereich des Sehens tue?") und dass ich sowohl mein diesbezügliches Operieren erklären musste wie auch die für eine solche Erklärung benutzten Instrumente.

Ich musste den Beobachter (mich selbst) und das Beobachten (mein Beobachtungshandeln) als beobachtender Beobachter erklä­ren, und ich musste das ohne jegliche ontologische Vorannahme über das Beobachten tun, und zwar unter der Voraussetzung, dass der Beobachter aus seinem Operieren als Beobachter hervorgeht und eben nicht vor seiner eigenen Unterscheidung existiert. Die Aufgabe, die ich in Angriff nahm, war eine zirkuläre Aufgabe, und ich wollte erklären, was in dieser merkwürdigen Zirkularität vor sich geht, ohne sie zu verlassen (ich wollte Erkennen durch Erkennen erklären). Ich musste folglich all das, was wir Menschen tun, durch das erklären, was wir tun, und nicht durch irgendeine Bezugnahme auf einen von uns unabhängigen Existenzbereich. Und all das veranlasste mich, Leben, Erklären, Sprache, Emotionen und den Ursprung unseres Menschseins zu ergründen. Ich vollzog eine metaphysische Wende, ich wechselte von der traditionellen Metaphysik, die annimrnt, dass die von uns gelebte Welt bereits existiert, bevor wir sie leben, zu einer Metaphysik, in der die Welt, die wir leben, erst dadurch zu existieren beginnt, dass wir sie durch unser Tun erschaffen.


Mit dieser metaphysischen Wende gab ich eine metaphysische Einstellung auf, für die a priori galt, dass der Beobachter als transzendentale Entität an sich existiere und entsprechende transzendentale Instrumente der Erklärung und des Denkens benutzen könne. Ich nahm dagegen die Position ein, dass der Beobachter erst im Augenblick der Unterscheidung seiner selbst zu existieren beginnt, sobald er nämlich den Bereich seines Tuns im alltäglichen Leben zur Aus­gangsbasis seiner Reflexionen macht. Ich vollzog diese metaphysi­sche Wende in der Tat bereits, als ich an der Erklärung der Operationsweise des Nervensystems arbeitete, ohne dass mir bewusst war, dass ich dabei für mein Handeln als selbstverständlich voraussetzte, dass ich als der an der Erklärung arbeitende Beobachter nicht unab­hängig von der Unterscheidung meiner selbst als Beobachter im Vollzug meines Beobachtens existieren konnte.

Ein Beispiel: Die Metaphysik der entstehenden Realität

Das Tier, das du da drüben siehst, ist ein Pferd. ‑ Und wie weisst du, dass es ein Pferd ist? ‑ Ich weiss, dass es ein Pferd ist, weil ich an ihm alle Merk­male eines Pferdes feststellen kann. ‑ Und wie weisst du, dass alle die Merkmale, die du erkennen kanust, die Merkmale eines Pferdes sind? ‑ Ich weiss das, weil ich sie an anderen Pferden gesehen habe. ‑ Und was ist ein Pferd? ‑ Ein Tier, das alle die, die Pferde kennen, ein Pferd nennen, weil es die Merkmale jener Tiere aufweist, die sie Pferde nennen. ‑ Aber das ist ei­ne zirkuläre Argumentation. ‑ Nein, es ist die Demonstration der zirkulären Operation, welche die Validierung einer Unterscheidung im Erfah­rungsbereich eines Beobachters konstituiert, wenn er als menschliches Wesen operiert.

Diese metaphysische Einstellung enthält keine ontologische Annahme, und dem Beobachter steht es jederzeit frei die Grundlagen seiner Erklärungsweisen und Validierungsverfahren kritisch zu reflektieren. Gemäss dieser metaphysischen Position ist eine Aussage in jedem Bereich universal gültig, dessen Validitätsbedingungen sie erfüllt. Das war eine fundamentale metaphysische Wende für mich, und ich wusste zunächst gar nicht so richtig, was da mit mir geschah. Ich war ein Biologe, ein Naturwissenschaftler, der Wahmehmung und Erkennen als biologische Phänomene zu erklären suchte, und ich wollte nicht, dass in der Formulierung meiner Erklärungen die zu erklärenden biologischen Prozesse oder Phänomene verloren gingen. Ich befasste mich daher in meinem Operieren als ein menschliches lebendes System besonders mit den Kohärenzen in meinen Handlungen und Reflexionen. Es war mir zweifellos klar, dass ich damit gleichzeitig mit der Physiologie auch Philosophie betrieb, zumindest insofem, als wir alle Philosophie betreiben, wenn wir über die Grundlagen dessen nachdenken, was wir tun. Ich habe aber ungern von Philosophie gesprochen, weil ich bei meinen Kollegen keine Zweifel an der Qualität meiner naturwissenschaftlichen Arbeit ent­stehen lassen wollte. Erst als meine Kollegin Ximena Davila Yanez, die Mitbegründerin meines Matristic Institute für das Studium der Biologie der Kognition und der Biologie der Liebe in Santiago, zu mir sagte, sie meinte, ich hätte eine neue Metaphysik geschaffen, wurde mir vollkommen bewusst, dass ich das in der Tat getan hatte. Und mir wurde klar, dass ich von nun an explizit eingestehen musste, dass ich nicht nur Biologie, sondern auch Philosophie betrieb. Ich bin Ximena Davila Yanez nicht nur dafür dankbar, dass sie mir das verdeutlicht hat, sondern auch für die Erweiterung meines Verstehenshorizontes, den ihre Reflexionen bei rnir bewirkt haben.

Die Trennung von Naturwissenschaft und Philosophie ist das Ergebnis einer künstlichen Klassifikation, und diese Trennung von Reflexion und Tun beeinträchtigt das Verstehen dessen, was wir als Menschen in unserem tatsächlichen Leben tun, und beschädigt unser Verständnis der verschiedenen Welten, die wir durch unser Leben hervorbringen, ebenso wie das Verständnis all dessen, was uns und in uns geschieht, wenn wir diese verschiedenen Welten leben. Und dies vollzieht sich deshalb, weil wir uns durch die Trennung von Naturwissenschaft und Philosophie die Möglichkeit nehmen, die Voraussetzungen dessen, was wir tun, angemessen zu reflektieren.

Als Naturwissenschaftler glauben wir nämlich, dass jede solche Reflexion irrelevant ist, weil nur Fakten von Bedeutung sind, und als Philosophen glauben wir, dass wir letztgültige Wahrheiten brauchen und keine Pragmatik materieller Ereignisse. Der Ausdruck Naturphilosophie erfasst schon besser, was Naturwissenschaftler und Philosophen tun wollen, wenn sie einmal anfangen, aufeinander zu hören und einander zuzusehen, und zwar aus einem Geist gegenseitigen Respekts statt gegenseitiger Abwertung. Alles, was wir menschlichen Wesen tun, vollzieht sich in unserem alltäglichen Leben, und wenn wir nicht erkennen und akzeptieren, dass das so ist, können wir nicht richtig würdigen, wie unsere biologische Existenz als in Sprache handelnde lebende Systeme etwas hervorbringen kann, was keine Technik ohne die kreative Mitwirkung menschlicher Wesen hätte hervorbringen können, allein schon deshalb, weil jede Technik ein Produkt menschlicher biologischer Entitäten ist. Ein solches Verständnis wäre ausserdem ohne die in diesem Buch dargestellte metaphysische Wende unmöglich, denn wir wären in einer endlosen Suche nach einer transzendentalen Realität gefangen, die wir a priori als ontologisches Fundament und somit als Ursprung all dessen betrachten, was uns in unserem Leben und Denken geschieht, die jedoch in unserem Leben nicht operational ist und sein kann.

Das Tun unseres alltäglichen Lebens ist in dem Sinne primär, als es, ob es uns gefällt oder nicht, den Ausgangspunkt für alles bildet, was wir tun und worüber wir nachdenken. Wir erklären unser Leben durch die Kohärenzen unseres Lebens. Damit entsteht jedoch keine zirkuläre Argumentation, denn eine Erklärung ersetzt nicht, was sie erklärt. Erklärungen stellen nur dar, was geschehen muss, damit das, was erklärt wird, entstehen kann. Die Erklärungen des Beobachters und des Beobachtens ersetzen daher weder den Beobachter noch das Beobachten, sie zeigen lediglich, welche Prozesse ablaufen müssen, damit ein Beobachter und sein Operieren im Beobachten entstehen können. Und sie zeigen ebenso, wie Beobachter und Beobachten entstehen, wenn die für ihr Entstehen und ihr Operieren notwendigen Bedingungen gegeben sind.


Aufgrund der in diesem Buch dargestellten metaphysischen Wende, die uns im Bereich der operationalen Kohärenzen unseres Lebens verankert (und alles, was wir tun, was immer es auch sei tun wir in unserem Operieren als lebende Systeme), ist es folglich möglich, dass wir alles das, was wir durch die Kohärenzen unseres Lebens tun, ohne jede ontologische Vorannahme erklären können. In einer naturwissenschaftlichen Erklärung erklärt der Beobachter seine Erfahrungen mit den Kohärenzen seiner Erfahrungen, meist ohne sich der metaphysischen Implikationen sei­nes Tuns bewusst zu sein. Ja, Naturwissenschaftler behaupten häu­fig, ihre Erklärungen würden durch Gesetze gestützt, die die Koh‰ärenzen der Natur als eines objektiven Bereichs von Prozessen wider­spiegeln, der prinzipiell unabhängig ist von allem, was sie tun, und sie erkennen nicht, dass die Naturgesetze Abstraktionen der operationalen Kohärenzen ihres eigenen Lebens sind.

Ich hatte als Junge das Glück, allerdings ohne es zu wissen, als eine Art Naturphilosoph aufzuwachsen, der von der anatomischen Schönheit der Lebewesen fasziniert war und ihre spontane dynami­sche Architektur verstehen wollte. Und ich hatte das Glück, dies aus einem im Grunde genommen reflexionsfreien Gefühl des Mitwirkens an der dynamischen Architektur des Lebendigen tun zu kön­nen, weil ich mich selbst nie als verschieden empfand von den wun­derbaren Wesen, die ich sah. Aber vielleicht war ich in dieser Hin­sicht gar nicht verschieden von anderen Kindern, denn ich fand mich selbst genauso neugierig wie sie, was wiederum ein Geschenk war, das mir erlaubte, in meiner Entwicklung ganz ich selbst zu bleiben und voller Respekt zu akzeptieren, was irnmer ich wurde.

Zum Schluss möchte ich noch festhalten, dass meine metaphysische Wende zwar in mancher Hinsicht der orientalischen Philosophie ähneln mag, dass sie sich von dieser jedoch fundamental unterscheidet. Die orientalische Philosophie ruht auf der Unterscheidung zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen und lädt uns dazu ein, den Weg der Befreiung vom Vergänglichen einzuschlagen, um das ewig Göttliche wiederzugewinnen, das wir alle besitzen. In der orientalischen Philosophie ist das Vergängliche eine Illusion, die überwunden werden muss. Gemäss der von mir vollzogenen metaphysischen Wende, also der fundamentalen metaphysischen Position der Wirklichkeitserzeugung, entstehen wir lebenden Systeme im Allgemeinen und wir Menschen im Besonderen im Bereich des Vergänglichen, wo das Transzendentale eine Vorstellung ist, über die wir nichts sagen können, weil jeder entsprechende Versuch es negiert und uns im Bereich unseres alltäglichen Lebens belässt, wo das Transzendentale nicht existiert. Das ist aber nicht wichtig, weil alles, was im menschlichen Leben gut ist, dem Bereich des Vergänglichen angehört und weil in ebendiesem Bereich die Liebe als das Fundament unseres Menschseins und Quelle unseres Glücks existiert.


Humberto R. Maturana Santiago de Chile, im Februar 2002







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