Humberto Maturana / Bernhard Pörksen
Vom Sein zum Tun
Die Ursprünge der Biologie des Erkennens
Carl Auer 2002


pg58
Keywords: ....das Nervensystem eines Organismus als geschlossen zu begreifen. Und das war der Wendepunkt, der meinem Denken eine neue Richtung gab - außerhalb der Tradition der etablierten Wahrnehmungsforschung - Fragen der Epistemologie:
Was bedeutet es zu erkennen, wenn man das Nervensystem als geschlossen begreift? Wie lässt sich der Prozess der Kognition verstehen? -
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Die klassische Vorstellung besagt doch, dass es sich bei dem Nervensystem eines Organismus um ein offenes System handelt: Die Rezeptoren reagieren auf die Stimulation durch externe Reize, diese werden dann weiterverarbeitet. Und im Ergebnis entsteht ein mehr oder minder naturgetreues Abbild der wirklichen Welt. MATURANA: Wer meineAuffassung teilt und sie als Grundlage seiner eigenen Überlegungen akzeptiert, der muss sich zunächst von einer irrigen Interpretation des Konzepts der Informationsverarbeitung verabschieden, das einst in der Biologie verbreitet war, aber doch unser Verständnis des Nervensystems nicht entscheidend befördert hat:
Zum herrschenden Glauben gehörte es lange Zeit, dass das Nervensystem eines Organismus eine von außen kommende Information verarbeitet, um dann im Ergebnis ein angemessenes Verhalten dieses Organismus zu erzeugen. Die in der äußeren Welt angesiedelte Informationsquelle würde also, so die Annahme, die Struktur des Organismus auf eine Weise modifizieren, die schließlich - bezogen auf die externen Umstände - adäquates Verhalten generiert. Aber eine solche Vorstellung führt einen überhaupt nicht weiter; das Nervensystem funktioniert so nicht.
....Wenn man einmal akzeptiert hat, dass es keine Möglichkeit gibt, überprüfbare Aussagen über eine beobachterunabhängig existierende Realität zu machen, dann hat die fundamentale Veränderung der eigenen Epistemologie bereits stattgefunden: Alle Formen der Betrachtung und des Erklärens erscheinen ab diesem Moment als Ausdruck von Systemoperationen, mit deren Erzeugung man sich nun beschäftigen kann. Es hat sich eine Umorientierung vollzogen, ein Wechsel vom Sein zum Tun, eine Transformation der klassischen philosophischen Fragen.

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WARUM DAS NERVENSYSTEM GESCHLOSSEN IST

MATURANA: .....Zuerst dachte ich mir, dass meine Aufzeichnungen noch nicht genau genug wären, und wollte sie verfeinern, arbeitete also an der Verbesserung meiner Aufzeichnungsgeräte. Damals ging ich fol­gendermaßen vor: Den Tauben wurden Farbtafeln gezeigt, und gleichzeitig zeichnete ich die Aktivitäten der retinalen Zellen mithilfe feiner Elektroden auf. Es erwies sich aber auch im Verlauf immer neuer Experimente, dass sämtliche Zellen mehr oder weniger auf alle spektralen Zusammensetzungen reagierten. Aus den geringfügig unterschiedlichen Reaktionsweisen ließ sich keine Korrelation zwischen den Aktivitäten von bestimmten Zellen oder Zellgruppen und der spektralen Zusammensetzung der Farben herauslesen. Die marginalen Differenzen in der Reaktionsweise waren nicht aussagekräftig.

PÖRKSEN: Wenn man dieses Experiment zur Farbwahrnehmung der Tauben mit dem auffälligen Verhalten des operierten Salamanders vergleicht, dann sieht man sich mit der gleichen Situation konfrontiert: Stets geht es um externe Determinanten des Inneren.

M ATURANA: Das ist der Punkt. Und es offenbart sich, dass jedes Experiment eine besondere Weltbetrachtung enthält, eine ganze Epistemologie oder Kosmologie, ein Bündel von Erwartungen und Prämissen, die das Vorgehen leiten. Eines Tages merkte ich jedoch, dass sich meine Erwartungen womöglich niemals erfüllen würden, da sich die Korrelation zwischen diesem äußeren Stimulus und der internen Reaktion einfach nicht nachweisen ließ. Erst dann begann ich, Roger Sperrys Experimente und ihre verborgene Epistemologie wirklich zu verstehen und das Nervensystem eines Organismus als geschlossen zu begreifen. Und das war der Wendepunkt, der meinem Denken eine neue Richtung gab.

PÖRKSEN: Wodurch genau wurde diese Verwandlung Ihrer Auffassungen ausgelöst? Was war der Grund? Sie hätten das Scheitern der ursprünglichen Hypothese doch auch einfach hinnehmen und sich einem anderen Thema zuwenden können.

MATURANA: Aber genau dies geschah nicht, sondern ich vollzog eine Umorientierung, die den noch akzeptabel erscheinenden Rahmen einer Veränderung sprengte. Der herkömmliche Weg einer geringfügigen Modifikation der eigenen Annahmen und Vorgehensweisen hätte ja darin bestanden, immer weiter an einer Verfeinerung der Messinstrumente zu arbeiten, immer neue Experimente zu machen, um dann vielleicht eines Tages doch noch zu verwertbaren Ergebnissen zu kommen. Ich tat jedoch etwas vollkommen Neues, was dazu führte, dass manche meiner Universitätskollegen begannen, ernsthaft an meinem Verstand zu zweifeln. Vielleicht sollte ich, so sagte ich mir nämlich, die kurios wirkende Frage erforschen, ob die Aktivität der Retina mit dem Farbnamen, der eine bestimmte Erfahrung bezeichnet, in einem Zusammenhang steht, ob also eine interne Korrelation - zwischen den Aktivitäten der Retina und der Erfahrung, zwischen einzelnen Aktivitätszuständen des Nervensystems - nachweisbar ist. Die Konsequenz bestand in einer folgenreichen Veränderung des Forschungsziels und der herkömmlichen Betrachtungsweise. Plötzlich befand ich mich außerhalb der Tradition der etablierten Wahrnehmungsforschung. Plötzlich tauchten Fragen der Epistemologie auf:
Was bedeutet es zu erkennen, wenn man das Nervensystem als geschlossen begreift?
Wie lässt sich der Prozess der Kognition verstehen?


PÖRKSEN: Aber ist Ihre Schlüsselidee, die jeweiligen Farbnamen mit den retinalenAktivitäten zu korrelieren, nicht wirklich etwas seltsam und ziemlich kurios? Namen und Bezeichnungen von Farben sind doch bloß willkürlich, nur konventionell.

MATURANA: Man hielt mich natürlich für verrückt. Das ging so weit, dass man in meiner Vorlesung, wenn ich mich herumdrehte, um etwas an die Tafel zu schreiben, über mich lachte. Ein Freund berichtete mir eines Tages davon. Natürlich war auch mir klar, dass Namen arbiträre Größen sind; gleichzeitig war mir jedoch ebenso bewusst, dass wir dieselbe Farbbezeichnung für äußerst verschiedene spektrale Zusammensetzungen benutzen; die Farbbezeichnung weist also auf unser eigenes Erleben hin, sie ist der Indikator einer Erfahrung. Zu belegen galt es daher, dass die Aktivitäten der Retina bzw. der retinalen Ganglienzellen mit der spezifischen Erfahrung, für die der Farbname steht, korreliert sind. Und genau das konnte ich zeigen.

PÖRKSEN: Was ist dann eine Farbe?

MATURANA: Sie ist nichts Externes, sondern etwas, das in einem Organismus - lediglich durch eine äußere Lichtquelle ausgelöst - geschieht. Eine Farbe ist das, was man sieht, was man erfährt. Die Farbbezeichnung verweist auf ein besonderes Erlebnis, das jemand in bestimmten Situationen, unabhängig von der jeweiligen spektralen Zusammensetzung des Lichts hat. Mein Ansatz bestand also darin, die Aktivität des Nervensystems mit der Aktivität des Nervensystems zu vergleichen, die Aktivität des Nervensystem auf sich selbst zu beziehen und es als geschlossen aufzufassen. Es ging nun um eine interne Korrelation.

PÖRKSEN: Auch eine solche Idee klingt zunächst seltsam, fremdartig. Die klassische Vorstellung besagt doch, dass es sich bei dem Nervensystem eines Organismus um ein offenes System handelt: Die Rezeptoren reagieren auf die Stimulation durch externe Reize, diese werden dann weiterverarbeitet. Und im Ergebnis entsteht ein mehr oder minder naturgetreues Abbild der wirklichen Welt.

MATURANA: Wer meineAuffassung teilt und sie als Grundlage seiner eigenen Überlegungen akzeptiert, der muss sich zunächst von einer irrigen Interpretation des Konzepts der Informationsverarbeitung verabschieden, das einst in der Biologie verbreitet war, aber doch unser Verständnis des Nervensystems nicht entscheidend befördert hat:
Zum herrschenden Glauben gehörte es lange Zeit, dass das Nervensystem eines Organismus eine von außen kommende Information verarbeitet, um dann im Ergebnis ein angemessenes Verhalten dieses Organismus zu erzeugen. Die in der äußeren Welt angesiedelte Informationsquelle würde also, so die Annahme, die Struktur des Organismus auf eine Weise modifizieren, die schließlich - bezogen auf die externen Umstände - adäquates Verhalten generiert. Aber eine solche Vorstellung führt einen überhaupt nicht weiter; das Nervensystem funktioniert so nicht.

PÖRKSEN: Wie würden Sie beschreiben, was geschieht? Was passiert aus Ihrer Sicht?

MATURANA: Wenn Licht von einem Objekt, das wir als Beobachter als ein äußeres Objekt beschreiben, die Retina erreicht, dann wird hier eine Aktivität angeregt, die in der Struktur der Retina selbst (und nicht in der Struktur der Lichtquelle, nicht in der Struktur der Welt) beschlossen liegt; die Außenwelt vermag im Nervensystem eines Organismus lediglich Veränderungen auszulösen, die durch die Struktur des Nervensystems determiniert werden. Die Konsequenz lautet, dass diese Außenwelt prinzipiell überhaupt keine Möglichkeit besitzt, sich dem Nervensystem in ihrer ureigentlichen, ihrer wahren Gestalt mitzuteilen.

PÖRKSEN: Was bedeutet das? In welcher Weise inspiriert oder zwingt einen derAbschied von der Idee der Informationsverarbeitung dazu, anders über die äußere Welt, den Organismus und das Nervensystem nachzudenken und zu sprechen?

MATURANA: Die gesamte Betrachtung ändert sich. Man kann nicht mehr auf jene Beschreibungen zurückgreifen, die das Nervensystem so darstellen, als ob es die Repräsentationen einer äußeren Welt errechnen und von außen kommende Informationen verarbeiten würde, aus denen sich dann das passende Verhalten und die adäquate Reaktion des Organismus ergeben;
das Nervensystem erscheint als ein strukturdeterminiertes Netzwerk mit seiner eigenen Operationsweise. In ihm wird eine Veränderung lediglich ausgelöst, nicht jedoch einseitig durch die Merkmale und Eigenschaften der äußeren Welt determiniert und bestimmt.
Es errechnet allein seine eigenen Ubergänge von Zustand zu Zustand. Wer sich dieser Einsicht anschließt, der muss konzeptionell streng zwischen den im Inneren ablaufenden Operationen des Nervensystems und den äußeren Vorgängen unterscheiden - und sich vor Augen führen, dass es für dieses Nervensystem kein Innen und kein Außen gibt, sondern nur einen endlosen Tanz interner Korrelationen in einem geschlossenen Netzwerk interagierender Elemente; innen und außen existieren nur für den Beobachter, nicht aber für das System selbst.

DER DOPPEETE BLICK

PÖRKSEN: Führt eine solche Deutung des neuronalen Geschehens nicht aber unvermeidlich zu einer biologisch begründeten Leugnung der äußeren Welt? Wiederum liegt, wenn ich Ihnen so zuhöre, der Verdacht des Solipsismus nahe: Das Nervensystem existiert, wenn ich Sie korrekt interpretiere, in vollkommener kognitiver Einsamkeit. Es schwebt wie in einem Vakuum dabin.

MATURANA: Die Klassifikation meiner Auffassung als solipsistisch muss ich erneut zurückweisen. Nochmals: Als der Beobachter, der ich bin, leugne ich die Erfahrung einer äußeren Welt, die Erfahrung des gemeinsamen Gesprächs, die Erfahrung, dass der andere existiert, nicht; ich bestreite jedoch vehement, dass sich die Operationen des Nervensystems sinnvoll auf diese äußere Welt und ihre Merkmale beziehen und aus ihr ableiten lassen.
Das Nervensystem operiert als ein geschlossenes Netzwerk wechselnder Relationen neuronaler Aktivitätszustände, die stets zu weiteren sich verändernden Relationen neuronaler Aktivitätszustände führen. Es existieren für sein Operieren als System lediglich die eigenen, die inneren Zustände; nur der Beobachter vermag ein Innen und ein Außen oder einen Input und einen Output zu unterscheiden und in der Folge die Einwirkung des äußeren Stimulus auf das Innere und den Organismus zu behaupten oder umgekehrt eine Einwirkung des Organismus auf die externe Welt zu diagnostizieren. Was als adäquates Verhalten beschrieben wird, ist das Ergebnis einer Beziehung, die der Beobachter festgestellt hat: Er hat die Merkmale einer äußeren Welt auf den Organismus und das Nervensystem bezogen, die jedoch nicht zum Operieren des Organismus und der Operationsweise des Nervensystems gehören.

PÖRKSEN: Aber wer von der Geschlossenheit eines Systems spricht, der kann die Existenz der äußeren Welt doch vernachlässigen, er kann sie abstreiten, leugnen.

MATURANA: Die Annahme der Geschlossenheit bezieht sich auf die interne Dynamik des Nervensystems, sie beschreibt seine Operationsweise und hat mit der Frage, ob es - unabhängig von der Geschlossenheit dieses Systems - noch eine externe Welt gibt oder ob wir die Wirklichkeit als eine Illusion begreifen müssen, nichts zu tun. Das ist jetzt nicht mehr das Problem. Wenn man einmal akzeptiert hat, dass es keine Möglichkeit gibt, überprüfbare Aussagen über eine beobachterunabhängig existierende Realität zu machen, dann hat die fundamentale Veränderung der eigenen Epistemologie bereits stattgefunden: Alle Formen der Betrachtung und des Erklärens erscheinen ab diesem Moment als Ausdruck von Systemoperationen, mit deren Erzeugung man sich nun beschäftigen kann. Es hat sich eine Umorientierung vollzogen, ein Wechsel vom Sein zum Tun, eine Transformation der klassischen philosophischen Fragen.

PÖRKSEN: Die Rede von der Geschlossenheit des Nervensystems und der Außenansicht eines Beobachters führt, wenn ich richtig verstehe, zur Unterscheidung von zwei Perspektiven der Betrachtung. Einerseits beschreibt ein Beobachter äußere Einwirkungen auf ein System und konstruiert Korrelationen zwischen Reiz und Reaktion, Input und Output, Ursache und Wirkung. Und andererseits operiert das System - losgelöst von den äußeren Einwirkungen - auf die ihm eigene Weise.

MATURANA: So ist es. Der Phänomenbereich der Physiologie bzw. der internen Dynamik und der des Verhaltens bzw. der beobachtbaren Bewegungen in einer Umgebung überlappen sich nicht, sie lassen sich nicht aufeinander beziehen. Man kann die Phänomene des einen Bereichs nicht aus denen des anderen ableiten.

PÖRKSEN: Können Sie diese Uberlegungen an einem Beispiel verdeutlichen?

MATURANA: Gelegentlich komme ich auf den Blindflug zu sprechen, wenn es darum geht, die interne Dynamik der Operationen eines Systems von dem Geschehen im Bereich der Interaktionen abzugrenzen, in dem das System als Ganzheit agiert. Man stelle sich also einen Piloten vor, der in seiner Flugkabine sitzt und in völliger Dunkelheit die Maschine steuert; er hat keinen unmittelbaren Zugang zur Außenwelt und braucht ihn auch nicht, sondern er handelt auf der Basis von Messwerten und Indikatoren und bedient, wenn sich die Wert verändern und sich bestimmte Kombinationen ergeben, seine Instrumente, stellt also sensorisch-effektorische Korrelationen her, um die angezeigten Werte innerhalb spezifizierter Grenzen zu halten. Wenn das Flugzeug schließlich gelandet ist, dann tauchen womöglich seine Freunde und Kollegen auf, die ihn beobachtet haben. Und sie gratulieren ihm dann zu der geglückten Landung und berichten ihm von dem dichten Nebel und dem gefährlichen Sturm, den er so bravourös überstanden hat; der Pilot ist dann verwirrt und fragt: “Was für ein Sturm? Welcher Nebel? Wovon sprecht Ihr? Ich habe einfach nur meine Instrumente bedient!" Es zeigt sich: Das äußere Geschehen war für die sich im Inneren des Flugzeugs vollziehende Dynamik irrelevant und ohne Bedeutung.

PÖRKSEN: Möchten Sie mit diesem Beispiel des Piloten auch andeuten, dass wir alle in unseren eigenen Flugkabinen bzw. in unserer eigenen Welt eingeschlossen sind? Drastischer: Sind wir als Erkennende wie dieser Pilot? Wenn dem so ist, dann können wir aber, so würde ich behaupten, schon diese Feststellung gar nicht mehr machen. Auch die Grenzen des eigenen Erkennens können nicht erkannt werden, sonst sind sie schon keine Grenzen mehr.

MATURANA: Korrekt. Es gibt nur eine Bedingung, die es uns erlaubt, unsere Blindheit wahrzunehmen: Wir müssen sehen und erkennen, dürfen also zum Zeitpunkt dieser Einsicht in die eigene Blindheit nicht mehr blind sein. Darum geht es jedoch nicht bei diesem Beispiel. Die so genannten Grenzen des Erkennens sind für diesen Piloten in der gegebenen Situation, in der er einfach seine Instrumente bedient, überhaupt nicht vorhanden. Entscheidend ist, dass es einen Beobachter geben muss, der überhaupt von einer Grenze sprechen kann, weil ihm sein eigener Bereich und auch der Bereich der internen Dynamik in der Kabine zugänglich sind; er muss mit einem doppelten Blick das Geschehen im Inneren der Flugkabine mit den Zu­ständen in der Außenwelt vergleichen, um dann das in den unterschiedlichen Bereichen Gesehene in einem von ihm hervorgebrach­ten Bereich aufeinander zu beziehen. Seine Feststellungen sind das Resultat dieses doppelten Blicks.

PÖRKSEN: Aber dieser Beobachter, der die Wahrnehmungsgrenze des eingeschlossenen Piloten beschreibt, ist doch dann eigentlich ein Realist: Er erkennt die Wirklichkeit, von der dieser Mann in der Flugkabine nichts weiß; aber er selbst sieht immerhin, was real geschieht.

MATURANA: Woher will dieser Beobachter denn wissen, dass er sich nicht auch in einer Kabine aufhält, in der sich dann eine Welt befindet, in der Piloten in Flugkabinen sitzen, die man mit einem doppelten Blick beobachten kann? Nur wenn er in dieser Frage ein absolut sicheres Wissen besäße, wäre es ihm überhaupt möglich, von der Begrenztheit des Wissens zu sprechen. Nur unter dieser Bedingung wäre er in der Lage, die Grenzen des Erkennens auszumachen, und müsste sich dann, wenn er konsequent weiterdenkt, als den Vertreter einer realistischen Position verstehen, der von irgendwelchen objektiven Gegebenheiten ausgeht. Ich würde dagegen sagen: Dieser Beobachter vergleicht zwei Unterscheidungsbereiche, nicht aber eine wirkliche und eine bloß konstruierte Welt. Wie durch ein kleines Loch in der Wand des Flugzeuges sieht er den Piloten im Inneren agieren; von außen nimmt er dagegen das Flugzeug als eine Gesamtheit in Relation zu seinem Operationsbereich wahr.

PÖRKSEN: Sie sagen: Die These, dass das Nervensystem ein offenes System ist, sei das Ergebnis einer bestimmten Perspektive, die ein Beobachter wählt. Aber ist nicht auch die Behauptung, es sei geschlossen und ließe sich nicht sinnvoll mithilfe von Begriffen wie Input und Output beschreiben, Resultat der Sicht eines Beobachters? Diese beiden Annahmen können doch nicht gleichzeitig stimmen. Sie widersprechen sich fundamental.

MATURANA: Da es sich in der Tat um verschiedene Perspektiven der Betrachtung handelt, erzeugen diese auch unterschiedliche Beschreibungen. Und doch sind beide Vorstellungen nicht gleichermaßen gültig: Wer herausfinden möchte, wie das Nervensystem operiert, und es als ein offenes System begreift, dessen Herangehensweise ist irreführend. Der Beobachter behauptet dann, dass sich seine Operationsweise in Abhängigkeit von einem Input interpretieren lässt. Das, was er in der Außenwelt als einen externen Reiz erkennt, bekommt eine enorme Wichtigkeit und führt ihn dazu, die Eigendynamik des Systems zu übersehen und den Bereich seiner Beschreibungen mit dem Bereich der internen Dynamik des Systems zu vermengen. Eine solche Vermischung der Bereiche stellt jedoch keine angemessene Erklärung der Arbeitsweise des Nervensystems dar.
Wer dagegen das Nervensystem als ein geschlossenes Netzwerk begreift, der vermag seine Operationsweise zu verstehen und zu erken­nen, wie strukturelle Veränderungen eines Organismus, der sich mit den jeweiligen Gegebenheiten in Übereinstimmung befindet, zu strukturellen Veränderungen des Nervensystems und schließlich zu einem veränderten Verhalten des Organismus führen. Er redet nicht mehr vom Fluss der Informationen, sondern er fragt sich, wie sich die merkwürdige strukturelle Verbindung zwischen den Aktivitäten des Nervensystems, dem Körper des Organismus und den äußeren Umständen darstellt, die er - als Beobachter - in ihrer Relation zum Organismus sieht.

PÖRKSEN: Was heißt es letztlich, das Nervensystem als geschlossen zu begreifen? Eine völlige Abschottung gegenüber der Umwelt kann damit ja in keinem Fall gemeint sein, da stets ein Austausch von Energie und Materie stattfinden muss. Wenn dieser Austausch aus irgendeinem Grund nicht mehr zustande kommt, dann kollabiert der Organismus und geht zugrunde. Das bedeutet aber, dass sich auch die Einflüsse von außen nicht einfach wegkürzen lassen; jedes Lebewesen ist existenziell von ihnen abhängig.

MATURANA: Nun argumentieren Sie als ein Physiker, ausgehend von den Konzepten der Thermodynamik. Natürlich muss das Nervensystem eines Organismus für den Fluss von Energie und Materie offen sein, das ist doch völlig klar. Sonst sterben die Zellen. Geschlossenheit wird hier also nicht in einem physikalischen Sinn verstanden, sondern bezieht sich auf den Vollzug einer internen Dynamik: Was immer in einem Bereich passiert, geschieht innerhalb dieses Bereichs und verbleibt in ihm; es geht um die Operationen, die ein System durchführt, die seine Grenze bestimmen und es zu einer abgrenzbaren Entität werden lassen. Das bedeutet: Mit Geschlossenheit meine ich im Falle des Nervensystems, dass die Aktivitätszustände stets zu weiteren Aktivitätszuständen führen und von Aktivitätszuständen hervorgerufen werden, die allesamt innerhalb des Netzwerks neuronaler Elemente verbleiben.

ERKENNEN IST LEBEN

PÖRKSEN: Sie haben in diesem Gespräch jene Denkanlässe geschildert, die Ihre eigenen erkenntnistheoretischen Auffassungen vollkommen verwandelt haben. Nun möchte ich Sie fragen, wie man den Prozess des Erkennens versteht und beschreibt, wenn man das Nervensystem als ein geschlossenes Netzwerk versteht, das allein nach internen Gesetzen operiert. Was heißt: erkennen?

MATURANA: Erkennen begreife ich als die Beobachtung eines adäquaten Verhaltens in einem bestimmten Bereich, nicht als die Repräsentation einer an sich existierenden Wirklichkeit, nicht als einen Vorgang des Errechnens nach den Bedingungen der Außenwelt.
Wenn sich ein Tier oder ein Mensch in angemessener Weise verhält und sich in Kohärenz mit den besonderen Umständen befindet bzw. wenn ein Beobachter zu der Auffassung gelangt, dass er ein adäquates Verhalten in einer von ihm beobachteten Situation wahrnimmt, dann spricht dieser Beobachter davon, dass dieses Tier oder dass dieser Mensch erkennt, dass es oder er Wissen besitzen; Wissen ist somit - nochmals anders formuliert - das von einem Beobachter als angemessen eingestufte Verhalten in einem bestimmten Bereich.

PÖRKSEN: Ihre Beschreibung des zirkulären Erkenntnisprozesses mündet in eine zirkulär angelegte Definition des Erkennens und des Wissens, in der sich die gesamte Architektur Ihrer Theorie noch einmal spiegelt: Auch das Erkennen wird von einem Beobachter erkannt und festgestellt; Wissen erscheint als ein beobachterabhängiges Konstrukt, nicht jedoch als eine objektive Größe.

MATURANA: Das ist die Idee, ganz genau. Es ist ein Beobachter, der die Interaktion eines Organismus mit seiner Umgebung in dieser Weise interpretiert, der ein adäquates Verhalten feststellt; er ist es, der dem beobachteten System Wissen zuschreibt und dessen Handlungen als ein Indiz kognitiver Operationen bewertet, weil er diese für angemessen und passend hält.
Auch die Aufrechterhaltung des Lebens ist in diesem Sinne Ausdruck des Erkennens, Manifestation eines adäquaten Verhaltens im Bereich der Existenz. Aphoristisch gesagt: Leben ist Erkennen. Und Erkennen ist Leben.






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