Charles Sanders Peirce


Charles S. Peirce
Das Denken und die Logik des Universums
Die Vorlesungen der Cambridge Conference von 1898
Suhrkamp 2002
149 - 1.Vorlesung Philosophie und Lebensführung
171 - 2.Vorlesung Die Arten des Schliessens

Charles S.Peirce
Naturordnung und Zeichenprozess

Suhrkamp 1991
421 Peirce Lowell Lecture 1903: Über Theoriebildung
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Auszüge aus:
Klaus Oehler Charles Sanders Peirce Beck 1993
Exzerpte Oehler

Joseph Brent C.S. Peirce – A Life Indiana University Press 1993
Exzerpte Brent

Werner Vogd Gehirn und Gesellschaft
Velbrück Wissenschaft 2010
Exzerpte Vogd

Nina Ort Reflexionslogische Semiotik VelbrückWissenschaft 2007
Exzerpte Ort

Soren Brier Cybersemiotics Why Information is not enough
University of Toronto Press 2010
Exzerpte Brier

Helmut Pape Erfahrung und Wirklichkeit als Zeichenprozess
Suhrkamp 1989 - Pape-Zeichenprozesse

C.W.Spinks Trickster and Ambivalence
Peirce-Spinks7

C.W.Spinks Peirce and Triadomania, A Walk in the Semiotic Wilderness
Mouton de Gruyter 1991
Spinks Triadomania17
Spinks Triadomania40

C.W.Spinks Semiosis, Marginal Signs and Trickster
MacMillan 1991
Spinks Semiosis 13
Spinks Semiosis 34
Spinks Semiosis 48
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in:
Klaus Oehler Charles Sanders Peirce Beck 1993
Peirce-Oehler41
43 - Obwohl Metaphysik als Untersuchung letzter Prämissen und als rationale Begründung ihrer Wahrheit unmöglich zu sein schien, hielt Peirce
Metaphysik aber als logische Analyse der Begriffe gleichwohl für möglich. Damit war die Entscheidung für die Logik als die maßgebliche Zugangsart zur Ontologie gefallen.

54 - Peirce weist in seiner Analyse von 1867 drei solche Bedingungen auf, die erfüllt sein müssen, damit ein Gedankenzeichen, als Begriff fungieren kann.
Die erste Bedingung ist die Qualität, die einer Substanz zugesprochen wird. Da die Qualität, um einer Substanz sinnvoll zugeordnet werden zu können, unabhängig von der jeweiligen Replikation oder Sprechsituation zur Verfügung stehen muss, wird sie von ihm auf einen logischen Ort bezogen, den er „ground“ nennt.
Die zweite Bedingung sind Relationen, denn Eigenschaften können nur durch Abgrenzung gegen andere Eigenschaften oder durch die Verbindung mit anderen Eigenschaften, also durch Vergleich, unterschieden werden. Relationen ist mithin die zweite Kategorie.
Relationen sind aber nicht einfach gegeben, sondern müssen hergestellt und dargestellt werden. Das geschieht in der Repräsentation durch Bezug auf einen Interpretanten. Repräsentation heißt daher die dritte Kategorie. Sie bezeichnet den
Vorgang der Herstellung von Relationen. Das gesuchte Verfahren, die Sinneseindrücke zur Einheit zu bringen, enthüllt sich so als ein In-Beziehung-Setzen unserer Eindrücke zu einem Gedankenzeichen, das als Interpretant verstanden wird.
55 - in der nächsten größeren Abhandlung über das Kategorienthema, in dem Aufsatz von 1885 unter dem Titel „One,Two, Three: Fundamental Categories of Thought and of Nature“ wendet er bereits Konsequenzen aus seinen Arbeiten zur Relationenlogik auf die Kategorienanalyse an, insonderheit weicht jetzt die Orientierung an der Subjekt- Prädikat-Form von Sätzen der Logik der Relationen. Er unterscheidet die Relationen nach der Anzahl der in ihnen enthaltenen Korrelate und kommt so zu drei Grundmustern:
der monadischen Relationen (zum Beispiel das einstellige Prädikat - ist gelb),
der dyadischen Relationen (z.B. das zweistellige Prädikat - ist der Lehrer von) und
der triadischen Relationen (z.B. das dreistellige Prädikat „- leiht - - „).
Alle höhere Stufe, mehr als dreistelligen Relationen, lassen sich auf dreistellige Relationen reduzieren; zwei- und dreistellige Relationen dagegen könne nicht reduziert werden.

Peirce-Oehler 100
Oehler100 Die Lehre vom Zufall – Tychismus
Peirce stellt fest, dass die Behauptung, die These des Determinismus sei ein Postulat der Wissenschaft, auf einer falschen Auffassung des wissenschaftlichen Denkens beruhe.
Dessen Gültigkeit habe vielmehr seinen Grund in der Gültigkeit von Induktion und Hypothese, d.h. in der Gültigkeit des Erweiterungsschlusses.
102
Danach wendet er sich der umfassendere Frage nach der Konstitution des Kosmos zu, auf die es für ihn nur drei Alternative hypothetischer Antworten gibt: Entweder ist der Kosmos Materie oder Geist oder ein Kompositum aus beidem. Er scheidet die letzte Hypothese aus bzw. stellt sie zurück, bis die beiden anderen geprüft sind - die des Materialismus und die des Idealismus. Diese prüft er im dritten und vierten der Monist -Artikel „The Law of Mind“ (1891) und „Man’s Glassy Essence“ (1892).
Das Gesetz des Geistes.., besagt, dass die Ideen die Tendenz haben, sich kontinuierlich auszubreiten und auf bestimmte andere Ideen einzuwirken, die mit ihnen in einer besonderen Beziehung der Einwirkungsmöglichkeit stehen.
Bei dieser Ausbreitung verlieren sie an Intensität und Kraft, auf andere Ideen einzuwirken, aber sie erlangen Allgemeinheit und werden mit anderen Ideen zu einem weiteren Netzwerk von Relationen verflochten.
Damit wird der
Begriff der Kontinuität für Peirce von zentraler Wichtigkeit, und in der Tat wird mit dem Artikel „The Law of Mind“ Peirces Synechismus (Synecism -Wiki) zum ersten Mal veröffentlicht.

Agapismus

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in: Joseph Brent C.S. Peirce – A Life Indiana University Press 1993

Peirce-Brent69
69
In 1867, Peirce was elected a resident fellow of the American Academy of Arts and Sciences. In the same year he presented five papers to the Academy on the subject of logic, the third of which he considered the most important writing of his life, and of which he wrote in 1905:
It is in the desperate endeavoured to make a beginning of penetrating into that riddle of human existence, conduct, and thinking, and their relation to God and nature that on May 14, 1867, after three years of almost insanely concentrated thought, hardly interrupted even by sleep, I produced my one contribution to philosophy in the „New List of Categories“ in the Proceedings of the American Academy of Arts and Sciences, Vol. VII, pp 287-98.
Peirce considered that this essay represented his „first self-controlled work and set forth the the substance of my central achievement.“ …
70
He said it was his discovery „of the theory of categories which is (if anything is) the gift I make to the world. That is my child. In it shall live when oblivion has me - my body"...The new list is the triad of categories: quality, relation, and representation or sign. The first category is monadic, the second dyadic, and the third triadic, the relations which, in his metaphysics, became Firstness or feeling, Secondness or reaction, and Thirdness or mediation.
This metaphysical theory of logical categories had its origin in Peirce's discovery that „Our concepts... literally "participate" in the realm of what is conceived...It is of the nature of an idea to be a representation of something beyond our direct awareness of it.“
For Peirce, the fact of representation is the link - the sign - embedded in the otherness of the finite thing and is the bond between the inescapable duality of our inner world and the world without. As he put it, „ Perception represents two objects reacting upon one another.“ He also insisted that in the act, perception is experienced as a unified whole: that perception is a two sided consciousness in which the percept appears as forcibly acting upon us, so that in perception the consciousness of an active object and the subject acted on are as indivisable as, in making a muscular effort, the sense of exertion is one with and inseparable from the sense of resistance.
71
In 1867, in „A New List of Categories“ Peirce had found in every act of perceptions (or cognition) an irreducible trinity of elements: quality, relation, and representation, each one of which, then logically analysed, is itself made up of three more such elements - trinities begetting trinities. All representation is by means of signs, of which there are three kinds: likeness (later Icon), index, and symbol.
73
The central positive doctrine on the whole series is that „all thought is in signs“ (CP 5.253

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in: Werner Vogd Gehirn und Gesellschaft
Velbrück Wissenschaft 2010

vogd165Mit der Thematik der Selbstbeobachtung begegnen wir nolens volens den Paradoxien des Wiedereintritts der Form in die Form.
Auf formaler Ebene wurde die Struktur dieses Prozesses insbesondere von George Spencer Brown beschrieben.4 4 Spencer-Brown (1972). Siehe zur Einführung Felix Lau (2005) sowie Tatjana Schönwalder, Katrin Wille und Thomas Hölscher (2004
Immer wenn das Subjekt sich nun selbst zum Gegenstand macht, wird auf operativer Ebene die Bewegung des Hineinnehmens der Unterscheidung in sich selbst vollzogen. Die durch die Subjekt-Objekt-Unterscheidung gezogene Grenze wird gleichsam immer wieder untertunnelt und so für die Konstitution des Selbst genutzt.
Entparadoxiert wird dieser Prozess durch den Verbrauch von Zeit, nämlich indem das Bewusstsein nur dadurch einen sinnvollen Bezug zur Welt herstellen kann, indem es ständig zwischen Selbst- und Fremdreferenz hin und her oszilliert. Ein Verharren in einer Position oder Stelle würde es gleichsam erstarren lassen und seine eigenen konstitutionellen Bedingungen – nämlich das Werden bzw. den Prozess seiner Genese – unterminieren.5
5 In homologer Weise hat dann auch Charles S. Peirce das Bewusstsein als ein Werden rekonstruiert.
Das primordiale Datum von Welterfahrung ist das sinnliche Erleben. Dieses erscheint zunächst als Erstheit der unmittelbaren Sinneserfahrung. Indem im Erleben nun auch auf sich selbst verweisende Zeichenprozesse entstehen, in denen im Erleben des Jetzt hypothetische Welten und Vergangenheiten konstruiert werden können, entsteht mit der Zweitheit eine weitere Möglichkeit der Erfahrung. Erleben kann sich nun in Spannung zu sich selbst erleben – die Reflexion scheint in Distanz zum Sein treten zu können, um dann ihrerseits auf das Sein wirken zu wollen.
Schließlich wird in der Drittheit diese Spannung wiederum durch Praxis, nämlich als intendierendes Erleben des Handelns überschritten.
Der Clou der Peirceschen Konzeption besteht darin, dass Erstheit, Zweitheit und Drittheit letztlich als eine Einheit zu fassen sind, nämlich als eine unmittelbare Praxis des Werdens, die sich als ein fortschreitender Zeichenprozess entfaltet und ausdifferenziert (Vgl. Peirce 1991, 358 ff.). Oder um mit William James zu sprechen: Aus einer »strictly positivistic point of view« haben wir nichts anderes als den »stream of consciousness« (James 1890).

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in: Nina Ort Reflexionslogische Semiotik
VelbrückWissenschaft 2007
Ort-Semiotik 187
II. Peirce – reflexionslogisch erweitert
II.0. Einleitung
Bei meinem Projekt, eine dreiwertige Zeichenlogik zu entwickeln, die im Anwendungsfeld der Literaturtheorie und -analyse fruchtbar sein kann, gehe ich von einem allgemeinen Zeichenbegriff aus. Die Radikalität des Semiotizitäts-Axioms besteht darin, dass semiotische Prozesse als konstitutiv für Realität, also den Gesamtzusammenhang dessen, was klassisch als Opposition von Objektivität und Subjektivität betrachtet wurde, angenommen werden:
Sprache ist demnach keine besondere Leistung des Denkens, sondern das Denken ist an sich semiotisch konstituiert.
188 In der Peirceforschung herrscht Konsens darüber, dass es bei Semiotik vor allem um semiotische Prozesse, also um Semiose geht, nicht nur um die Darstellung des Zeichens. Eine erste These lautet daher: Theoriemodelle, die auf der Grundlage eines zweiwertigen Erkenntnismodells beruhen, können Semiose als Prozessualität nur behaupten, nicht aber widerspruchs- bzw. paradoxiefrei darstellen. Sie können außerdem Prozessualität nicht als evoluierende Prozessualität darstellen, mit der Neues erzeugt wird. Als seinslogisch fundierte Theorien sind sie notwendig daran gebunden, der identifikatorischen Bestimmung von Zeichen und Zeichenprozessen zu folgen.
193
II.2. Dreiwertigkeit im Peirceschen Zeichenmodell
II.2.1. Das Dritte als Vermittlung?
Peirce’ Zeichenmodell besteht aus vielfältig aufeinander bezogenen, irreduziblen Triaden, die, wie gezeigt werden soll, in einer zweiwertigen
Logik nicht widerspruchsfrei thematisiert werden können. Das Peircesche Zeichenmodell bildet somit eine geeignete Grundlage zur Ausformulierung einer dreiwertigen Zeichenlogik.

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in Soren Brier Cybersemiotics Why Information is not enough
University of Toronto Press 2010:


Brier Cybersemiotics 371:
9.4 The Peircean Theory of Mind
Although to some, pan-semiotics seems compatible with Peirce’s triadic philosophy, in which the three categories and their internal dynamics are basic, cybersemiotics suggests a more moderate version, one that encompasses physics and information science.
In Peirce’s philosophy, the categories work according to the ‘law of mind’ and there is an inner [372] aspect of Firstness (pure feeling) in matter. But one must be aware of Peirce’s special conception of mind and consciousness. Peirce (Cp 7.364) writes:
Far less has any notion of mind been established and generally acknowledged which can compare for an instant in distinctness to the dynamical conception of matter.
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Almost all the psychologists still tell us that mind is consciousness. But ...unconscious mind exists. What is meant by Consciousness is really in itself nothing but feeling ... There may be, and probably is, something of the general nature of feeling almost everywhere, yet feeling in any ascertainable degree is a mere property of protoplasm, perhaps only of nerve matter. Now it so happens that biological organisms and especially a nervous system are favorably conditioned for exhibiting the phenomena of mind also; and therefore it is not surprising that mind and feeling should be confounded ... that feeling is nothing but the inward aspect of things, while mind on the contrary is essentially an external phenomenon.

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Thus, the essence of consciousness is feeling, and an important aspect of Firstness is pure feeling. From a Peircean framework, with its Synechism, one has to admit that the universe is permeated with the pure feeling of Firstness, but that is not the same thing as human awareness (though it is the origin of it); consciousness is nothing but feeling. Peirce (CP, 7.365) writes:
What the psychologists study is mind, not consciousness exclusively... Consciousness is a very simple thing ... not ... self-consciousness ...
Consciousness is nothing but Feeling, in general, — not feeling in the German sense, but more generally, the immediate element of experience generalized to its utmost. Mind, on the contrary is a very difficult thing to analyze. I am not speaking of Soul, the metaphysical substratum of Mind (if it has any), but of Mind phenomenally understood. To get such a conception of Mind, or mental phenomena, as the science of Dynamics affords of Matter, or material events, is a business which can only be accomplished by resolute scientific investigation.
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Peirce is not speaking of human self-consciousness, but of
the essence of consciousness as the immediate element of experience in its most generalized form, a phenomenon that develops in nature to emerge in new and more structured forms in living beings, nervous systems, and [373] language-based culture.

Thus pure feeling as the most generalized ability to experience is a basic potentiality of the world. It is its basic ability to make distinctions, including Spencer-Brown’s and Luhmann’s first distinction between system and environment. Peirce’s philosophy adds the missing element to systems and cybernetics. It also dovetails with the notions of generalized thought developed in Bateson’s philosophy and Luhmann’s socio-communicative system. Peirce (CP, 4.551) writes about this concept of thought, understood as a function of mind and semiosis:

Thought is not necessarily connected with a brain. It appears in the work of bees, of crystals, and throughout the purely physical world; and one can no more deny that it is really there, than that the colors, the shapes, etc., of objects are really there. Not only is thought in the organic world, but it develops there. But as there cannot be a General without Instances embodying it, so there cannot be thought without Signs. We must here give ‘Sign’ a very wide sense, no doubt, but not too wide a sense to come within our definition.

Thus habit forming in evolution is following the law of mind. The regularities and systems created are all a kind of thinking in the universe. This thinking is not cold logic, however, but semiosis experienced in the field of pure feeling or generalized experience.

Boe: vgl. Spencer Brown LoF 105

Here Peirce is broadening the semiosis concept to include chemical pattern-creating processes as nature’s thinking. I would prefer to call these proto- or quasi-semiotic processes, to avoid a too broad sense of the concept leading to pan-semiotic metaphysics. Nevertheless, Peirce’s metaphysics operates with the ‘inside’ of material nature.


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Keywords:
Semiotics - Semiosis - Tychism -Synechism - Agapism


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