Berhard Poerksen
Die Gewissheit der Ungewissheit
Gespräche zum Konstruktivismus
Carl Auer Verlag 2002

Seite 31 MONOLOGIK UND DIALOGIK
PÖRKSEN Wenn ich mir unser bisheriges Gespräch über den Beobachter vergegenwärtige, so fällt mir auf, dass Sie immer wieder auf das Zusammenwirken von Menschen zu sprechen kommen. Anders und als These formuliert: Der Beobachter erscheint Ihnen nicht als eine isolierte Figur, er existiert für Sie immer in einem Feld der Beziehungen, der Gemeinschaft. Auch betten Sie Ihre eigenen Ideen stets in ein konkretes Miteinander und in persönliche Erfahrungen und Denkerlebnisse ein.
VON FOERSTER Der Beobachter, der sich als eine merkwürdige Singularität im Universum befindet, hat für mich keinen Reiz, da haben Sie ganz Recht. Ein solches Konzept interessiert womöglich einen Neurophysiologen oder Neuroanatomen, aber ich bin eher von Bildern der Zweiheit fasziniert und von binären Metaphern wie Tanz und Dialog, die erst als Zweiheit eine Einheit ergeben. Und das heißt auch, dass der Satz, der das Entree dieses Gesprächs bildete - "Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt" -, in gewisser Weise in der Luft hängt. Er befindet sich ohne die Einbettung in eine entsprechende Sozialstruktur in einem Vakuum; denn das Sprechen und der Dialog mit dem anderen sind doch sinnlos, wenn keiner zuhört. Deshalb habe ich einmal dieses Theorem um einen Satz ergänzt, den ich in aller Bescheidenheit Heinz von Foersters Folgesatz Nr. 1 genannt habe. Er lautet: "Alles, was gesagt wird, wird zu einem Beobachter gesagt." Sprache ist nicht monologisch, sondern immer dialogisch. Wenn ich etwas sage oder beschreibe, dann tue ich das ja nicht für mich, sondern damit ein anderer weiß, was ich denke oder tun will.
PÖRKSEN Was geschieht, wenn andere Beobachter hinzugedacht werden?
VON FOERSTER Es entsteht ein Triple, das sich, erstens, aus den Beobachtern, zweitens, der Sprache und, drittens, ihrer Verbindung zu einer sozialen Einheit zusammensetzt. Was mit dieser Ergänzung vorliegt, ist die Kernstruktur und die Keimzelle der Gesellschaft, die aus zwei Menschen besteht, die Sprache benutzen. Durch die Rekursivität ihrer Wechselwirkungen entstehen Stabilitäten; sie erzeugen den Beobachter mit seiner Welt, der mit seiner Sprache rekursiv mit dem anderen Beobachter eine Welt kreiert, die eine Stabilität besitzt. Daher kann man Apfel zu einer komischen Erfahrung sagen, die der andere auch als Apfel bezeichnet. Aber niemand weiß, ob das Grün dieses Apfels, das Sie sehen, dieselbe Erfahrung ist, die ich mit grün beschreibe. Mit anderen Worten: Es sind die Beobachter, die Sprache und die Gesellschaft, die sich durch den Gebrauch ihrer Sprache konstituieren, wobei es nicht feststellbar ist - man denke nur an die vergleichbare Beziehung zwischen dem Huhn, dem Ei und dem Hahn - , welches Element am Anfang stand ‑ und welches das letzte war. Man braucht sie alle, damit es alle drei gibt.
PÖRKSEN Ich will diese Verwandlung einer monologischen Idee, die von einem Beobachter ausgeht, in ein dialogisches Konzept, in der mehrere oder doch mindestens zwei Beobachter kommunizieren, nicht überinterpretieren, aber sie enthält doch auch, so scheint mir, eine heimliche Anthropologie: Es ist keine hierarchisierende Anthro­pologie, die den Menschen mit der Maschine, dem Tier oder dem Göttlichen vergleicht, sondern eine Anthropologie der Beziehung, der Bezogenheit, des Ich und Du. Sie denken über das Wesen des Men­schen und seine Möglichkeiten nach, wenn Sie ihn in ein Verhältnis zum Gegenüber setzen: Der Mensch und der andere Mensch ‑ das erscheint mir als Ihr Bezugspunkt.
VON FOERSTER Sehr gut gesagt, ja. Der Mensch ist der Mensch mit dem anderen Menschen, das ist der Mensch. Ich bin durch das Du, ich sehe mich selbst durch die Augen des anderen und lasse es nicht zu, dass die Beziehung zerstört wird durch die Idee einer objektiv erkennbaren Wirklichkeit, die unsere Separierung erzwingt und aus dem anderen ein von mir getrenntes Gegenüber macht. Das ist eine Welt von Ideen, die nichts mit dem Beweisen zu tun hat; das muss man erleben, sehen oder sein. Und plötzlich, wenn man diese Form der Gemeinsamkeit erfährt, beginnt man, zusammen zu tanzen, erspürt den gemeinsamen nächsten Schritt und verschmilzt mit den Bewegungen des anderen zu ein und derselben Person, zu einer Wesenheit, die mit vier Augen sieht. Wirklichkeit wird zur Gemein­samkeit und zur Gemeinschaft. Wenn die Partner harmonieren, weiß mit einem Mal niemand mehr, wer der Führende ist, denn die Zweiheit fließt wie eine Einheit dahin. Derjenige, der diese Form der Gemeinsamkeit aus meiner Sicht am besten beschreibt, ist Mar­tin Buber. Er ist für mein Denken ein sehr wichtiger Philosoph.
PÖRKSEN Buber ist nicht einfach der Protagonist einer dialogischen Philosophie, sondern auch ein religiöser Schriftsteller und Gelehr­ter, ein Mystiker. Der Dialog von einem Ich und einem Du ist für ihn ein Abglanz des ewigen Dialoges mit Gott.
VON FOERSTER Seine Religiosität respektiere ich zutiefst, habe aber keinen Zugang zu diesen Dingen, absolut nicht, und ich möchte ihn vielleicht auch nicht. Aber wenn diese religiöse Haltung die Quelle seiner unerhörten Stärke und seiner Tiefe ist, dann bewundere ich ihn sehr.
PÖRKSEN Welche Erfahrungen sind für Sie selbst zur Quelle eines dialogischen Lebens geworden?
VON FOERSTER Mir ist ein Erlebnis mit dem Wiener Psychologen und ärztlichen Seelsorger Viktor Frankl unerhört wichtig; Frankl, der das Konzentrationslager überlebte, aber seine Frau und seine Eltern ver­lor, arbeitete nach dem Krieg wieder in der Psychiatrie, aus der man

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AM ANFANG WAR DER UNTERSCHIED
PÖRKSEN Vielleicht machen wir an dieser Stelle einen kleinen thematischen Sprung und beschäftigen uns nicht mehr mit dem Beobachter und anderen Beobachtern, sondern dem Prozess des Beobachtens selbst: Jede Beobachtung, so schreibt George Spencer-Brown in seiner berühmt gewordenen Abhandlung Lams of Form, setzt mit einem Akt des Unterscheidens ein. Genauer gesagt: Beobachtungen operieren mit zweiwertigen Unterscheidungen, deren eine Seite jeweils bezeichnet werden kann. Will ich etwas bezeichnen, muss ich mich zunächst für eine Unterscheidung entscheiden. Die Wahl der Unterscheidung bestimmt, was überhaupt gesehen wird. Mit der Differenz von gut und böse kann ich - egal wo ich hinschaue - etwas anderes beobachten als mit der Unterscheidung von reich und arm, schön und hässlich, neu und alt oder krank und gesund. Und so weiter. Beobachten hieße demnach: unterscheiden und bezeichnen.

VON FOERSTER Korrekt, ja. Bei George Spencer Brown findet sich der Satz: "Draw a distinction and a universe comes into being." Der Akt des Unterscheidens wird von ihm als eine Fundamentaloperation des Denkens begriffen, er erzeugt Wirklichkeiten, die man vermeint­lich in einem externen und von der eigenen Person abgelösten Raum vermutet. Ein einfaches Beispiel: Man zeichnet auf ein Blatt Papier einen Kreis und hat damit zwei Bereiche geschaffen und die Welt dieses Papiers in ein aussen und ein innen unterschieden, das sich jetzt näher bezeichnen lässt. Anders gesagt: Bevor irgendetwas, folgt man dem Argument von George Spencer Brown, benannt oder bezeichnet werden kann und man etwa den Raum im Inneren des Kreises näher zu beschreiben vermag, hat man die Welt in zwei Teile separiert: Sie besteht dann aus dem, was man benannt hat - und dem, was in der Benennung nicht auftaucht, dem Rest der Welt.
PÖRKSEN Was hat Sie selbst, als Sie auf diese Ideen stießen und als einer der Ersten über die Laws of Form eine Aufsehen erregende Besprechung publizierten, besonders fasziniert?
VON FOERSTER Was mich damals so begeistert hat und nach wie vor fasziniert, ist, dass der formale Apparat, die logische Maschine, die Spencer Brown entwickelt, es erlaubt, das klassische Problem der Paradoxie, das die Logiker seit den Zeiten von Epimenides gebeu­telt hat, zu lösen. Epimenides war es, der eines Tages von der Insel Kreta kam und sagte: “Ich bin ein Kreter. Alle Kreter lügen." Er hätte auch sagen können: “Ich bin ein Lügner!" Aber was macht man mit einem Menschen, der sagt: “Ich bin ein Lügner"?! Glaubt man ihm? Dann kann er ja kein Lügner sein, also hat er die Wahrheit gesprochen. Wenn er die Wahrheit gesprochen hat, dann hat er aber gelogen, denn er sagt: “Ich bin ein Lügner." Dieser Satz besitzt die Ambivalenz, wahr zu sein, wenn er falsch ist, und falsch zu sein, wenn er wahr ist. Das Ich steigt als Sprecher in das, was gesprochen wird, hinein, und das bedeutet, dass die Funktion plötzlich ein Ar­gument ihrer selbst ist. Ein solcher Satz ist wie ein Virus, er vermag ein ganzes logisches System, ein Set von Axiomen, zu zerstören und muss den braven Logikern, die der aristotelischen Forderung ‑ “Ein sinnvoller Satz muss entweder wahr oder falsch sein" ‑ genügen wollen, natürlich unannehmbar erscheinen. Bertrand Russell und Albert North Whitehead haben im 20. Jahrhundert das Lügner­paradox auf ihre Weise gelöst, indem sie selbstbezügliche Aussagen dieser Art gewissermaßen verboten haben, aber mir erschien ihre Theorie der logischen Typen und das Ausweichen auf eine Meta­sprache nicht befriedigend. Schon immer habe ich mir gedacht, al­lerdings ohne eine elegante Lösung zu kennen, dass die Metaspra­che der Logiker die Sprache selbst sein müsste. Die Sprache muss über sich selbst etwas sagen können, das heißt, der Operator (die Sprache) muss zum Operand (das ist die Sprache) werden. Was statt­finden sollte, ist eine Art Salto mortale. Und George Spencer‑Brown entwickelt nun einen Operator, der so gebaut ist, dass er sich auf sich selbst anwenden lässt. Sein Operator kann an sich selbst ope­rieren und wird ein Teil seiner selbst und der Welt, die er sich schafft.
PÖRKSEN Wie lassen sich diese Ideen mit der Erkenntnistheorie und dem Beobachter ‑ der Zentralfigur unseres Gesprächs ‑ verbinden?
VON FOERSTER: Immer, wenn ich etwas über mich sagen will - und ich behaupte: Alles, was ich sage, sage ich über mich aus -, dann bedeutet das: Jedes Sprechen enthält eine fundamentale Paradoxie, mit der man nun umzugehen hat. Und ebendies erlaubt die Arbeit von George Spencer-Brown: Die übliche Separation zwischen dem Sehen und dem Gesehenen wird durch seinen Formalismus überbrückt. Die Erkenntnistheorie, über die sich vor diesem Hintergrund nachdenken lässt, ist dynamisch, nicht statisch. Sie handelt vom Werden, nicht vom Sein. Spencer‑Brown geht eben gerade nicht davon aus, dass eine Aussage entweder wahr oder falsch ist, sondern der von ihm erfundene Formalismus macht eine Dynamik der Zustände sichtbar. In einem Flip‑flop‑Mechanismus erzeugt die Wahrheit einer Aussage die Falschheit; und die Falschheit erzeugt die Wahrheit. Und so weiter. Die Paradoxie generiert, so führt er vor, eine neue Dimension: Sie erzeugt die Zeit.
PÖRKSEN Mir scheint es sinnvoll, die Philosophie des Unterscheidens, die sich mit der Publikation der Laws of Form entwickelt hat, noch genauer zu beschreiben. Deshalb die Frage: Was passiert, wenn ich - beispielsweise - in die Welt die Unterscheidung von gut und böse hineinschreibe und sie damit zur Grundlage meiner Beobachtungen mache?
VON FOERSTER Die Unterscheidung von gut und böse und das auf diese Weise erzeugte Universum lassen sich verwenden, um Sätze zu konstruieren, Aussagen zu treffen. Nun ist es möglich, vom Elefanten oder von dem Chef eines Unternehmens zu behaupten, er sei gut oder er sei von einer besonderen Bosheit. Man kann einen ganzen Kalkül der Aussagen entwickeln, Kaskaden von Ausdrücken, die von Menschen oder Tieren, Chefs oder Elefanten handeln. Was immer übersehen zu werden droht, ist, dass diese Unterscheidun­gen sich nicht in der Welt befinden oder Eigenschaften der Dinge bzw. der Objekte darstellen, sondern Eigenschaften der Beschreibung der Welt. Die Objekte bleiben uns stets ein Rätsel, aber ihre Beschreibung enthüllt die Eigenschaften des Beobachters und des Sprechenden, den man auf diese Weise näher kennen lernt. Die Elefanten haben ja keine Ahnung von dem, was wir da tun. Die Elefan­ten sind einfach Elefanten, die wir erst zu guten oder bösen Elefanten machen.
PÖRKSEN Stimmt es, dass die Eigenschaften der Objekte und die Gegenstände der Welt nicht, wie Sie behaupten, in unseren Beschreibungen wirksam werden?
VON FOERSTER Aus meiner Sicht sind Gegenstände eher die senso­motorische Erfahrung eines Menschen, der bemerkt, dass er nicht überall hingreifen kann, dass ihm also plötzlich etwas - ein Gegen­stand - entgegenstand. Die Begrenzung des Verhaltens generiert das Objekt. Und in dem Moment, in dem ich mich genügend geübt und dieses Entgegenstehen immer wieder erfahren habe und sich eine Stabilität der Begrenzung entwickelt hat, gebe ich dieser Sensomotorik, die meine Geschicklichkeit und Kompetenz repräsentiert, einen Namen, benenne also das Objekt als eine Tasse oder eine Brille oder als einen Bernhard Pörksen. Das heißt: Was ich als Brille oder Tasse tituliere, ist, genau besehen, ein Symbol für die Kompetenz meines Nervensystems, Stabilitäten zu erzeugen, Invarianten zu errechnen.

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