Gerhard Roth
Das Gehirn und seine Wirklichkeit
Kognitive Neurobiologie
Suhrkamp 1997



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Seite 20
Erklärung komplexer kognitiver Leistungen:
Bewusstsein, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Handlungsplanung

Das Gehirn kann zwar über seine Sinnesorgane durch die Umwelt erregt werden, diese Erregungen enthalten jedoch keine bedeutungshaften und verlässlichen Informationen über die Umwelt.
Vielmehr muss das Gehirn über den Vergleich und die Kombination von Sensoren schon elementarer Ereignissen Bedeutungen erzeugen und diese Bedeutungen anhand interner Kriterien und des Vorwissens überprüfen. Dies sind die Bausteine der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, in der ich lebe, ist ein Konstrukt des Gehirns.

Paradoxien entstehen dadurch, dass wir als Gehirnzustände (Ich, Wahrnehmung, Bewusstsein, Denken) mit Hilfe von Gehirnszuständen (Wahrnehmung, Bewusstsein, Denken, Handlungsplanung, wie sie bei der wissenschaftlichen Arbeiten nötig sind) etwas über Gehirnszustände (ich, Wahrnehmung, Bewusstsein, Denken, Handlungsplanung) herausbekommen wollen. Letztlich will ich wissen, wie ich selbst zustande komme. Dies ist ein fundamental selbst-referentielles Unterfangen, und manche meinen, dass man als Hirnforscher aus diesen Teufelskreis niemals herauskommen wird.

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Nervenprozesse - Kognition bezieht sich auf komplexe, für den Organismus bedeutungsvolle, das heißt für Leben und Überleben relevante und deshalb meist erfahrungsabhängige Wahrnehmung und Erkenntnisleistungen - Präkognitive Prozesse wie Konstanzleistungen (Farbkonstanz, Formkonstanz), einfache Wahrnehmungsprozesse wie Figur-Hintergrund-Unterscheidung - Kognitive, das heißt bedeutungshafte Prozesse: diese umfassen,
a) integrative, häufig multisensorische und auf Erfahrung beruhende Erkennungsprozesse - Prozesse, die bewusst oder unbewusst auf der Grundlage "interner Repräsentationen" (Modelle, Vorstellungen, Karten, Hypothesen) ablaufen - Aufmerksamkeit, Erwartungshaltungen und aktives explorieren der Reizsituation voraussetzen oder beinhalten; "mentale Aktivitäten" im traditionellen Sinne wie Denken, Vorstellen, Erinnern


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Seite 72
SPRACHVERMÖGEN
Die These, die häufig betonte Sonderstellung des Menschen ließe sich anhand von Merkmalen seines Gehirns untermauern, ist nicht richtig
. - Auch wenn sich Sprache in einfacherer Form schon bei anderen Primaten findet, so ist kaum zu bezweifeln, dass die Ausbildung der menschlichen Sprache geistige Leistungen des Menschen wie Vorstellen, Erinnern und begriffliches Denken außerordentlich effektiver gemacht hat.

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Was ist Bewußtsein?
Bewusstsein gilt als ein geistiger oder »mentaler« Zustand, und deshalb entzieht sich für viele dieses Phänomen grundsätzlich einer naturwissenschaftlich-neurobiologischen Erklärung. Wir müssen uns deshalb fragen, ob die Hirnforschung sagen kann, was Bewußtsein ist, wie es im Gehirn zustande kommt und welche Rolle Bewußtsein bei der Kognition spielt. Philosophen, Psychologen, Psychiater und Neurologen verwenden den Begriff »Bewußtsein« oft verschieden. Ich will mich im Einklang mit den meisten Autoren auf Bewußtsein als einen Zustand, den ein Individuum haben kann, beschränken und alle Formen eines möglichen überindividuellen Bewußtseins außer acht lassen. Dieses individuelle Bewußtsein wird von uns als Zustand bzw. Begleitzustand von Wahrnehmen, Erkennen, Vorstellen, Erinnern und Handeln empfunden.

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...daß das Auftreten von Bewußtsein wesentlich mit dem Zustand der Neuverknüpfung von Nervennetzen verbunden ist. Je mehr Verknüpfungsaufwand getrieben wird, desto bewußter wird ein Vorgang, und je mehr »vorgefertigte« Netzwerke für eine bestimmte kognitive oder motorische Aufgabe vorliegen, desto automatisierter und unbewußter erledigen wir diese Aufgabe. Bewußtsein ist das Eigensignal des Gehirns für die Bewältigung eines neuen Problems (ob sensorisch, motorisch oder intern-kognitiv) und des Anlegens entsprechender neuer Nervennetze; es ist das charakteristische MerEmal, um diese Zustände von anderen unterscheiden zu können.

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S. 314
Realität und Wirklichkeit
Wirklichkeit als Konstrukt des Gehirns
...Wo existieren die Gegenstände der Wahrnehmung? Eine Lösung dieses Problems wurde von Wolfgang Köhler in seinem Aufsatz " Ein altes Scheinproblem" von 1929 dargelegte. Köhler vertritt hier die Auffassung, dass überhaupt nichts hinaus projiziert wird, sondern dass alles was ich wahrnehme, nur eine Welt bildet, die phänomenale Welt. In dieser Welt, die ich " Wirklichkeit" genannt habe, gibt es die drei genannten Bereiche: die Welt der mentalen Zustände und des Ich, die Welt des Körpers und die Außenwelt.

Die phänomenale Welt
In dieser Welt, die ich " Wirklichkeit" genannt habe, gibt es die drei genannten Bereiche: die Welt der mentalen Zustände und des Ich, die Welt des Körpers und die Außenwelt. Diese drei Bereiche sind Aufgliederungen der phänomenale Welt, der Wirklichkeit. Dieser Wirklichkeit wird gedanklich eine transphänomenale Welt gegenübergestellt, die unerfahrbar ist und dementsprechend in der phänomenale Welt nicht vorkommt. Dies bedeutet, dass alle erlebten Vorgänge zwischen mir und meinem Körper, zwischen mir und der Außenwelt, zwischen meinem Körper und der Außenwelt innerhalb der Wirklichkeit ablaufen.

pg 328

Wo existiert mein Gehirn?
Wer bin/ist ich/Ich?

Wie alles, was ich wahrnehme, ist auch dieser Sinneseindruck ein Konstrukt des Gehirns. Das Gehirn erzeugt also ein Konstrukt von sich selbst. Dies tut es ganz offensichtlich deshalb, weil die Netzhaut von bestimmten optischen Reizen in bestimmter Weise erregt wird und das visuelle System in der geschilderten Weise mithilfe des Gedächtnisses hieraus eben dieses Bild meines Gehirns zusammensetzt. Das bedeutet aber, daß dieses Gehirn, das ich betrachte und als meines identifiziere, nicht dasjenige Gehirn sein kann, welches mein Wahrnehmungsbild von diesem Gehirn hervorbringt. Würde ich beide Gehirne miteinander identifizieren, so käme ich zu der Schlussfolgerung, daß mein Gehirn sich als echte Teilmenge enthält. Ich wäre nämlich dann zugleich in mir und ausser mir, und der Operationssaal, in dem ich mich dann befinde, wäre zugleich in meinem Gehirn, und das Gehirn (zusammen mit dem Kopf und Körper) in dem Operationssaal. Um derartige absurde Schlussfolgerungen zu vermeiden, müssen wir zwischen einem realen Gehirn, welches die Wirklichkeit hervorbringt, und dem wirklichen Gehirn, unterscheiden. Daraus folgt: Dasjenige Gehirn, das mich hervorbringt, ist mir selbst unzugänglich, genauso wie der reale Körper, in dem es steckt, und die reale Welt, in welcher der Körper lebt. Daraus folgt zugleich: Nicht nur die von mir wahrgenommenen Dinge sind Konstrukte in der Wirklichkeit, ich selbst bin ein Konstrukt. Ich komme unabweishar in dieser Wirklichkeit vor. Dies bedeutet, daß das reale Gehirn eine Wirklichkeit hervorbringt, in der ein Ich existiert, das sich als Subjekt seiner mentalen Akte, Wahrnehmungen und Handlungen erlebt, einen Körper besitzt und einer Außenwelt gegenübersteht.

pg 331
Ich bin zu Beginn dieses Kapitels als Arbeitshypothese davon ausgegangen, daß das reale Gehirn innerhalb der von ihm konstruierten Wirklichkeit den Unterschied zwischen »materieller« Außenwelt, Körper und Mentalem erzeugt. Außenwelt/Materie ist dann »per definitionem« alles, was nicht Körper oder Mentales ist, und hierzu gehört auch der Untersuchungs-gegenstand Gehirn (gleichgültig, ob meines oder das eines anderen), denn zweifellos erlebe ich dieses mir äußerliche Gehirn nicht als mentales Phänomen. Die Unterscheidung zwischen Geist und Gehirn ist eine Unterscheidung innerhalb der Wirklichkeit. Der kritische Philosoph verlangt also vom Hirnforscher etwas Widersinniges. Er soll zeigen, wie aus dem »materiellen« Gehirn Geist wird, wo doch die Unterscheidung von »Materie« und »Geist« ein in der Wirklichkeit getroffene Unterscheidung ist. Diese Unterscheidung ist für unseren Verstand unüberwindlich, denn dies würde den Aufbau der Wirklichkeit zerstören, der unsere Existenz erst möglich macht.

Wenn ich also sage, daß das Gehirn »Geist« im Sinne von mentalen Zuständen hervorbringt, dann kann ich damit nicht das wirkliche Gehirn meinen, das ich in meinem Selbstversuch ansehe und stimuliere, und auch nicht das Gehirn, welches ich bei einem anderen Menschen untersuche. Wir stehen also vor der verwickelten Situation: Das Gehirn, welches mir zugänglich ist (das wirkliche Gehirn), bringt gar keinen Geist hervor; und dasjenige Gehirn, welches mitsamt der Wirklichkeit Geist hervorbringt (nämlich das reale Gehirn - so muß ich plausiblerweise annehmen), ist mir unzugänglich.

...Sieht also jeder die Welt nur in seiner Weise? Sind wir wirklich voneinander isoliert? Dies ist in einem bestimmten Sinne der Fall. Wie ich ausführlich beschrieben habe, ist das Gehirn von seiner Außenwelt und damit von allen anderen Gehirnen und ihren Trägern isoliert; es erfährt nur das, was die Sinnesorgane ihm in der Sprache der Neurone mitteilen. Diese Sprache enthält keine primären Bedeutungen, sondern jedes individuelle Gehirn muß sich selber Bedeutungen konstruieren. Die Konsequenzen dieses Umstandes erleben wir in jedem Augenblick, wenn wir mit anderen Menschen kommunizieren. Wir stellen fest, daß viele Worte und Sätze nicht selbstverständlich für jeden Menschen dieselbe Bedeutung haben.


Gerhard Roth
Fühlen, Denken, Handeln
Wie das Gehirn unser Verhalten steuert
Suhrkamp 2001
Roth pg 9
...wie aus neurowissenschaftlicher Sicht Handeln entsteht oder wer oder was in uns dieses Handeln bestimmt. Traditionell stehen dabei zur Auswahl einerseits Ich, Verstand, Vernunft, das Bewusste, andererseits Triebe, Gefühle, das Unbewusste - oder eine Mischung von beidem. Die Behandlung dieses Themas leitet allerdings wiederum über den reinen neurowissenschaftlichen Rahmen hinaus zur Frage nach der Natur und Funktion des Ich und des Bewusstseins beim Handeln.
Seite 12
Wer oder was bestimmt unser Verhalten? Seit Menschen - als Priester, Theologen, Philosophen, Wissenschaftler oder Dichter - begannen, über den Sinn menschliche Existenz nachzudenken, haben sie sich mit dieser Frage auseinander gesetzt. Ihre Antworten bewegen sich zwischen den Extremen einer völligen Fremdsteuerung und einer völligen Eigensteuerung des Individuums.






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