Arno Schöppe
Theorie paradox

CarlAuer 1995


S. 70
Wie findet Erkenntnis statt?
Was ist das Erkenntnismaterial?


S.72
Auf der Frage nach dem Wie der Erkenntnisgewinnung ergibt sich der Anspruch, dass die weiteren Rekonstruktionsbemühungen kein statisches Modell, sondern die Beschreibung eines dynamischen Operationsmodus zum Ziele haben sollen.

In den vorhergehenden Ausführungen wurde postuliert, dass Identität nicht ohne Differenz denkbar sei. Sämtliche Anstrengungen, Identisches tatsächlich identisch zu denken, mündeten in der Erfahrung, das Identisches (die Einheit) nicht ohne einen Bezug auf ein davon Differenzierendes darstellbar ist. Identisches kann nur different beschrieben werden.

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Differente Identität:
Die Frage, ob totale Identität, also Differenzlosigkeit in Reinform, nicht doch möglich sei, wird vom Zen-Buddhismus nachdrücklich positiv beantwortet und anschließend als Programm deklariert. Die richtige Beschäftigung mit dererlei Kontemplationstechniken verspricht, wie Peter Fuchs treffend formuliert, „die immanente Erfahrung der primordialen Differenzlosigkeit, das erleben der Nicht-Zweiheit, den Direktkontakt zum Zweitlosen“ (Luhmann/Fuchs Reden und Schweigen, S.51).
Der kontemplative Zielzustand der Zen-Meditationen ist die perfekte Tabula rasa der Anschauungen. Oft wird zur Beschreibung derartiger mentaler Beschaffenheit metaphorisch die "weiße Wand" zitiert, welche der Anschauung keine Differenzanhaltspunkte mehr liefert, da sie sich, metaphorisch gewendet, kugelförmige um den Meditierenden erstreckt. Der Zenschüler befindet sich dann inmitten dieses weißen Vorstellungsraumes.
Jedoch dieses Innerhalb verrät durch seine Verwendung das, was es vermeiden wollte, nämlich das Außerhalb. Der weiße Raum, der Luftballon, in dem sich der Meditierende wähnt, besitzt zwei Seiten: eine Innen-und eine Außenseite. Eine Differenz (hier: zwischen innen und außen) schleicht sich ein, gleich wie viel auf welche Weise versucht wird, den Sachverhalt zu beschreiben.

Boe: vgl. Peter Fuchs Reden und Schweigen S. 46
http://www.uboeschenstein.ch/texte/fuchsschweigen46.html

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...
dass jenes Differenz/Identitätsschema offenbar allen gedanklichen Operationen zugrundezulegen scheint. Das Differenz/Identitätsschema fungiert demgemäß als Bedingung gedanklicher Folgekonstruktionen. Ja, darüber hinausgehend liegt es dann sogar sich selbst zu Grunde, wenn die Differenz zwischen Identität und Differenz ist wiederum selbst eine Differenz, die mit zwei sich selbst identischen Teilen agiert.

Boe: vgl. Sylvia Taraba S. 7
http://www.uboeschenstein.ch/texte/taraba.html
Logos: ...ein imaginierter Logos, der die Welt aus nichts erschafft und diese Welt im Innersten zusammenhält. Unter Logos wird hier die Potentialität und Substantialität des absoluten Nichts verstanden. Bildlich vorstellbar als die Unruhe angeregter Nullkeime, die, negative und positive Einheit produzieren und damit zu Wort und Antwort, zu Satz und Gegensatz werden können. Ich betrachte das Verständnis des Logos, welches ich gewonnen habe, durchaus in der Entwicklungslinie von Heraklit, Böhme, Spinoza, Hegel, in deren Denken das Absolute sich, durch sich selbst, selbst begreift als das, was es ist, als Logos.

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Sollte das Differenzierungsprinzip tatsächlich Voraussetzung für Erkenntnis sein, Erkenntnis also nur unter Anwendung des Schemas von Differenz und Identität zustandekommen, ist es nicht verwunderlich, das dieses Schema, als Sonderfall, auch auf sich selbst im Gegenstandsbereich anwendbar ist. Eine Erkenntnis, die über das hinausreicht, was vorher schon bekannt war, bedarf dann folglich zwingend eines Zweiten, welches auf den Ausgangspunkt bezogen werden muss.

Kennen und Erkennen

...der Unterschied in der Begriffsverwendung zwischen kennen und erkennen weist meines Erachtens deutlich auf diesen Umstand hin. Das Präfix er- symbolisiert eine Bewegung von bekanntem auf eben noch Unbekanntes, also auf etwas Zweites. Im Falle der Identität ist der Ausgangspunkt eine Entität x, die auf ein Zweites, im vorliegenden Falle: auf sich selbst (nämlich x ) bezogen wird. Erkenntnisziel der Betrachtung einer Identität ist somit, dem Bekannten (x) einen Erkenntniswert über sich selbst hinzuzufügen.

Boe: Selbstbeobachtung: Wer ist der Selbstbeobachter? vgl. LoF 105
http://www.uboeschenstein.ch/texte/spencer-brown-LoF90.html

Das Differenzierungsprinzip: Das Anliegen Spencer Browns ist es, durch sukzessive Einführung von Axiomen und Regeln einer Logik der Formbildung zu erstellen welche die seltsamen Schleifen (Hofstadter) nicht ausschließen, sondern in den Kalkül einordnen. Mit anderen Worten: Paradoxien sollen in ihrer Entstehung beschreibbar werden und in ihrer Typik klare Umrisse erhalten.

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Betrachten wir hierzu ein Beispiel, das sich an das obige „Weiße Wand“ Beispiel anlehnt. Es soll angenommen werden, auf jener imaginären weißen Mauer bildeten sich wie durch Geisterhand Muster. Regelmäßige Muster, die vergleichbar sind mit den Formen auf einer bedruckten Tapete. Bei der Betrachtung dieser Formen wird man feststellen, dass es nicht so leicht sein wird, die Formen nach Vorder- und Hintergrund eindeutig und treffend zu unterscheiden. Was für den einen Betrachter als der Umriss eines Kopfes einer jungen Frau erscheint, ist für den anderen nur als Konterfei einer Greisin erkennbar.

Interessant wird nun zu beobachten, auf welche Weise der eine Betrachter den anderen an seiner spezifischen Erkenntnis teilhaben lässt. Er wird vermutlich die Umrisse seiner auf der Tapete entdeckten Figur mit einer hinweisenden Bewegung nachzuzeichnen versuchen. Im Anschluss daran wird er dann auf das Innere der Gestalt zeigen, sie als seine Figur bedeuten und anschließend benennen. Er wird also die Begrenzung einer Figur markieren, die einen geschlossenen Raum umreißt und sodann die Innenfläche als das Hervorhebenswerte bezeichnen.

Jedoch dieses Innerhalb verrät durch seine Verwendung das, was es vermeiden wollte, nämlich das Außerhalb. Der weiße Raum, der Luftballon, indem sich der Meditierende wähnt, besitzt zwei Seiten: eine Innen-und eine Außenseite. Eine Differenz (hier: zwischen innen und außen) schleicht sich ein, gleich wie viel auf welche Weise versucht wird, den Sachverhalt zu beschreiben.

Wir haben es also mit einer Anweisung zu tun, etwas zu bezeichnen, indem dieses Etwas von anderem unterschieden wird. Dieser Grundoperation des Erkennens von Mustern benutzt demgemäß die beiden grundlegenden Konstruktionsmerkmale Unterscheidung (distinction) und Bezeichnung (indication). Jede einzelne Komponente ist ohne die andere nicht denkbar.

Es gibt keine Unterscheidung, die nicht etwas gleichzeitig Bezeichnetes unterschiede. Und umgekehrt gibt es kein Bezeichnetes, das nicht von anderem unterschieden wäre. Das Grundmuster dieser Argumentation ist bekannt. Es tritt hier lediglich in ungewohntem Gewande auf. Bereits bei der Begutachtung der Begriffe Differenz und Identität trat diese enge Abhängigkeit zweier Termini zu Tage. Der entscheidende Unterschied zwischen der neuen Begriffswahl Unterscheidung sowie Bezeichnung und der traditionellen von Differenz und Identität liegt, wie bereits betont, in ihrer Verwendungsfunktion: Hier werden Formen mittels dieser Begrifflichkeiten konstruiert, dort werden sie beschrieben. Hier tauchen sie in einem operativ dynamischen Kontext auf, dort in einem statischen.

Der hier beschriebene Unterschied kann, wenn man so will, philosophisch auf seiten der operationalen Brgrifflichkeiten distinction und indication eher der Erkenntnistheorie (
Entstehung von Erkenntnis), auf seiten der traditionellen Begriffe Differenz und Identität eher der Ontologie (Stellenwert des Erkannten) zugeordnet werden. Während wir uns im Falle der statischen Beschreibung unter Umständen augenblicklich in Selbstbezüglichkeiten und Paradoxien verfangen, können wir auf seiten der dynamischen Konstruktion die Entstehung dieser Komplikationen schrittweise nachvollziehen.

Die Erkenntnistheorie von G. Spencer Brown (LoF)
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(Spencer Brown) beginnt die Konstruktion mit der Anweisung: Zeichne eine Unterscheidung!. Durch diese Instruktion entsteht eine Grenze (boundary), die einen gewählten Raum (space) in zwei willkürliche Teile trennt. Einer der beiden Abschnitte wird im Anschluss daran bezeichnet. Er erhält hierdurch einen Wert (value) zugesprochen, der mit einem Namen (name) belegt werden kann. Für den Vorgang der Unterscheidung und Bezeichnung ist es allerdings erst in zweiter Linie von Bedeutung, ob dieser Name hinzugefügt wird, wichtiger ist es hervorzuheben, dass sich eine Absicht (motive), eine Willkür hinter der Wahl der Unterscheidung und Bezeichnung verbirgt.

Unterscheidung und Bezeichnung sind somit in der Auswahl der Platzierung von Unterscheidung und Bezeichnung frei wenn es aber gleich-gültig ist, welche Präferenzen auf die beiden entstandenen Teilstücke verteilbar sind, man denke an die Bevorzugung von Vorder- und Hintergrund eines Tapetenmusters, dann kann die Grenze auch wieder überschritten (crossing) werden, um das bisher unberücksichtigte (ausgeschlossene) Teilstück zu bezeichnen.

Allerdings wird der Wert (value) nach der Rückkehr (recrossing) zum ursprünglich Bezeichneten ein anderer sein als vorher das erste Überwechseln hat schließlich eine Situation hinzugefügt, die vorher nicht gegeben war, nämlich die Erfahrung des Außenraumes, erzeugt durch die reine Absicht (intention) des ersten Überwechseln, die mit der zweiten Absicht des Zurückwechselns nicht übereinstimmt.

Anders hingegen der Fall, bei dem ein bezeichneter Wert ohne einen vorher erfolgten Grenzübertritt wieder aufgerufen wird (calling). Hier ändert sich der Wert des nocheinmal Bezeichneten nicht. Das Bezeichnete kann also so oft aufgerufen werden wie erwünscht, das Bezeichnete bleibt dann identisch in seinem Wert.

Das Zurückkehren (recrossing) wie auch das Wieder-Aufrufen (calling) setzen natürlich einen Raum (das Bezeichnete) voraus, in denen zurückgekehrt werden kann. In diesen Raum (form) treten diese Bewegungen also ein (Entry), ähnlich Personen, die ein Zimmer betreten. Sollten diese Rückkehrer ihrerseits ein Bezeichnetes sein, so nennt Spencer Brown diesen Vorgang
Reentry.

Boe: vgl. LauForm 32:
Seite 32: 1. Vor dem Eintritt (entry):
Seite 46: 2. Der Eintritt in die Form
Im Folgenden wird unter „Eintritt“ (entry)
das Treffen einer (ersten) Unterscheidung verstanden. Der Begriff veranschaulicht ein Durchschreiten, eine Veränderung, ein Losgehen oder Anfangen. Beim Eintreten wird eine Grenze überschritten. Zudem verweist der Begriff auf eine Tätigkeit, da immer jemand eintritt, sowie auf jemanden, der die Grenze kreuzt, und schließlich auf eine eigene Aktivität, da man nicht eingetreten werden kann.

Damit ist das Stichwort Identität erneut gefallen und wir können den Vorgang unter einem des deskriptiven Aspekt noch einmal kurz rekapitulieren. Verwenden wir hierzu gleich einen Namen (name), wie es die Formvorschrift für den bezeichneten Raum erlaubt und nennen ihn a.
Im Falle einer Identität a = a sind zweierlei Prozeduren zu unterscheiden. Will man a durch eine Operation als identisch darstellen, kann man entweder das bezeichnete Feld a verlassen und von außen darauf verweisen; man kann aber auch wiederholt auf das a-Feld zeigen, ohne eine Grenzziehung explizit in Anspruch zu nehmen.
Implizit basiert die Operation natürlich auf der Voraussetzung einer Grenzziehung. Im ersten Fall überschreiten wir die Grenze (crossing and recrossing), im zweiten Fall bestätigen wir den Standpunkt, der Wert (value) wird wieder aufgerufen (calling).

Im zweiten Fall haben wir es mit einer informationslosen, weil differenzlos intendierten Identität zu tun, wie sie in jeder Tautologie vorkommt: eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.... es ist der Fall einer reinen Identität im Hegelschen Sinne.

Interessanter erscheint der erstgenannte Tatbestand. Die Grenzüberschreitung beinhaltet eine Operation, die sich von dem Objekt a löst und sich, indem sie zum a zurückkehrt, selbst ungeschehen zu machen sucht. Als Operation nimmt sie aber absichtlich das vom a Differente in Anspruch, um a quasi mit der tief zu bestätigen. Das a bekräftigt sich an seiner Differenz. Allerdings, so hatten wir gesehen, erzeugt das recrossing via Nicht-a einen anderen Wert als den, den a vorher besaß. Dieser Operation erzeugt somit Information, die vor dem Vollzug dieser Operation noch nicht gegeben war.

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Das hier vorgestellte Differenzierungsschema ist in der Lage, den hermeneutisch gewonnenen Identität/Differenz-Zusammenhang anschaulich, weil topographisch bildhaft, wiederzugeben, ohne die Dynamik der Entstehung von Identitäten bzw. Differenzen vermissen zu lassen. Die Grundoperationen Unterscheidung und Bezeichnung genügen, um die totale Identität x und die identifizierende Identität x=x operational beschreiben zu können.

Von der Beantwortung der Frage, auf welche Weise Erkenntnis erlangt werden kann, ist es nun nur noch ein kleiner Schritt zur Realisierung des Begriffes Information.

Mittels der Operation von Grenzziehung (Unterscheidung) und Bezeichnung, ist es möglich, in einer anfänglich noch nicht erkannten Welt Ausgangspunkte zu fixieren, von denen aus, mittels der gleichen Operation, die kognitive Vermessung und Verortung von Welt stattfinden kann. Ganz in diesem Sinne verstanden bereits die Griechen den Ursprung von Ordnung, was im engeren Sinne als ein Vorgang der Erlangung von (Er)-kenntnis von Ordnung verstanden werden kann.

Ebenso taucht diese Ansicht in naturwissenschaftlichen Erklärungsbemühungen unter dem Stichwort Symmetrie wieder auf. Hier ist die Rede von der totalen Symmetrie aller Teilchen in einem gedachten Urzustand der materiellen Welt. Ein zufällig stattfindender
Symmetriebruch (eine Grenzziehung also) infiziert die Teilchen zur Genese von Ordnung (versus Unordnung), Letzterer ist dann als solche an der Abbruchkante (also an der Grenze) als vom Hintergrund unterscheidbares Muster (ein Bezeichnetes) beobachtbar. Ein solcher Bruch des Ebenmaßes (gr. Symmetrie) findet, wie gesehen, auch im Spencer Brownschen Modell statt.

Durchaus in diesem Sinne definieren auch Maturana und Varela die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis: „das Aufzeigen eines Wesens, Objekts, einer Sache oder Einheit ist mit dem Akt der Unterscheidung verbunden, der das aufgezeigte von einem Hintergrund unterscheidet und damit von diesem trennt. Immer, wenn wir auf etwas implizit oder explizit Bezug nehmen, haben wir ein Kriterium festgelegt, dass das Kennzeichen dessen, von dem wir gerade sprechen, und seine Eigenschaften als Wesen, Einheit oder als Objekt spezifiziert. Dies ist eine ganz alltägliche und nicht etwa eine besondere Situation, indem wir uns andauernd und notwendigerweise befinden“ (Maturana/Varela Der Baum der Erkenntnis S.46)

Boe: vgl Humberto Maturana Erkennen .

Wird nun dieses Prinzip der Gewinnung von Erkenntnis erweitert, in der Form einer Verkettung mit sich selbst, lässt sich mit Bateson der Begriff der Information rekonstruieren.
Die kleinste Einheit von Information ist dann eine Erkenntnis, die in der Lage ist, sich selbst zu einer anderen Erkenntnis in Beziehung zu setzen. „A bit of information is definable as a diiference that makes a difference.”

Diese Definition wird, den Charakter des Machens,des Herstellens in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: eine Differenz, die eine Differenz macht.

Boe: Prozessdenken

In ähnlicher Weise formuliert Krippendorff den Begriff der Information. Krippendorff betrachtet „Information als Wechsel im Zustand der Unsicherheit eines Beobachters“. Darüber hinaus setzt er voraus das man von Information nur dann sprechen könne, wenn eine durch einen Beobachter beschriebene und somit vor strukturierter Situation oder Mitteilung vorhanden ist, die in Verbindung zu dem steht, was der Beobachter bereits weiß.

Die Kluft zwischen dem vertrauten Zustand und den potentiellen neuen Möglichkeiten (eine erste Differenz) sowie die Kluft in der Verschiedenheit der neuen Möglichkeiten (eine zweite Differenz) machen die Unsicherheit aus, in der sich der Beobachter befindet. Diese Kluft versetzt ihn in Aktion, eine Aktion, die Information herstellt. Information wird somit zum Maß für einen Arbeitsaufwand, ein Maß für die Bemühungen, eine unsichere Situation zu bewältigen, mit anderen Worten: ein Maß für die Verarbeitung eines Unterschieds beziehungsweise eine Differenz.

Aus alledem ist zu ersehen, dass das Differenzierungsverfahren als ein vorraussetzungsarmes, jedoch folgenreiches Operationsprinzip angesehen werden kann. Hiermit ist der formal operationale Grundstein gelegt, um ein gewandeltes Verständnis für die Vorgänge zu gewinnen, die in engem Verhältnis zum Thema Paradoxien stehen, etwa Phänomene wie die Selbstreferenz, die Beobachtung, die autopoetische Reproduktion.

S.83
Differenz von System und Umwelt:

Mittels der Spencer Brownschen Differenzierungsmethode soll nun ein System bezeichnet (distiction) und von Umwelt unterschieden (indication) werden.

Die Überschreitungen der Systemgrenzen (crossing), mithin die Dekomposition von Realität (crossing/recrossing), wird in zwei Schritten stattfinden, einmal in Richtung seiner äußeren Umwelten, des weiteren in Richtung innerer Umwelten. Das topographische Modell, welches sich aus dieser Vorgehensweise ergibt, wird in einem dritten Schritt auf seiner operationalen Bezüge hin gesichtet werden.

Während sich anlässlich des ersten, die es in Richtung Horizont ausgreifenden Schrittes Wirklichkeit als Ganzes, als Welt, offenbaren wird, führt der nach innen gerichtete Schritt auf Elemente und Relationen von Systemen und Teilsystemen, die sich je nach Systemtyp voneinander unterscheiden werden.

Während wir es auf der einen Seite mit dem abstrakten Thema von Identität und Differenz hinsichtlich System und Umwelt zu tun bekommen, wird auf der anderen Seite die Auswahl von Elementen und deren gegenseitige Relation unter dem Schlüsselbegriff Komplexität in den Blickpunkt des Interesses rücken. Beides, Systemanalyse wie Komplexitätsproblematik, rückt Grenz- und Abgrenzungsphänomene in den Aufmerksamkeitshorizont.

Boe: vgl. Spencer Brown: Holocosm-Merocosm

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Luhmann GG283: „Wir setzen den Weltbegriff hier als Begriff für die Sinneinheit der Differenz von System und Umwelt ein und benutzen ihn damit als differenzlosen Letztbegriff.“ Und weiter heißt es: „in dieser Stellung gebracht, bezeichnet der Weltbegriff nicht eine (wie immer umfassende, totale) Sachgesamtheit, keine universistas rerum, die nicht differenzlos gedacht werden könnte.“ Vielmehr garantiert der Begriff des Horizonts die Flexibilität des vorläufig als letzte Größe anerkannten. Trotzdem bleibt die letzte Größe, die Welt, eingegrenzt als „unfassbareEinheit“. Und gleichzeitig behält Welt den Status der (evolutionären) Wandelbarkeit, die mit dem Begriff Sinn, als potentielle Verweisungsmöglichkeit verknüpft ist.

Boe: vgl Luhmann Sinn

Seite 112
… in welcher Weise ein System mit seiner überkomplexen Umwelt agiert, ohne sich jedes Mal, wenn es zur Tat schreitet, von Beginn an neu orientieren zu müssen.

… es war bereits von einem selektiv vorstrukturierten Horizont die Rede, aus dem eine Auswahl von verfügbaren kommunikativen Möglichkeiten geschöpft werden konnte. Nun kann geklärt werden, welche Strategien zur Verfügung stehen, um Selektionen, die durch Systeme schon einmal aktualisiert wurden, präsent zu halten, und welche Strategien also einen derartigen Selektionshorizont errichten. Sobald ein System mit der Komplexität seiner Umwelt (aber auch mit seiner eigenen Komplexität) konfrontiert wird, entsteht das Problem, der sich abzeichnenden Reizüberflutung ein ordnendes Prinzip entgegenhalten zu müssen. Damit ist ein evolutionärer Sachverhalt bezeichnet, der die Aufmerksamkeit auf Lernphänomene lenkt. Lernen strukturiert einen Orientierungsraum, auf den jederzeit wieder zugegriffen werden kann, da seine Struktur bereitgestellte Ordnung garantiert. Ein solches ordnendes Verfahren kann Prozesse steuern, in denen Ereignisse abgelegt und wieder aufgefunden werden, aber ebenso die Handhabung von Strukturänderungen ermöglichen. Die Funktionsstelle dieses Verfahrens nimmt der Begriff Sinn ein.

Schöppe 177
Die Operation der Erkenntnisgewinnung ist im Differenzierungsprinzip verwirklicht. Etwas wird erkannt und kann dementsprechend bezeichnet werden (und nur unter dieser Bedingung ), indem etwas anderes von ihm unterschieden wird. Mit anderen Worten: es geht nur beides zusammen dieses und anderes. Mithin steht beides in Bedingungsfolge zueinander. Diese Bedingungsfolge ist gleichbedeutend mit dem bildlichen Verhältnis von Vorder- und Hintergrund. Das Produkt jener Operation ist eine Einheit, eine Einheit erster Ordnung. Ausschlaggebend an diese Einheit ist ihr Zustandekommen durch eine imaginäre Grenzziehungen, eine Abgrenzung von anderem.

Spencer Brown LoF 1: We take as given the idea of distinction and the idea of indication, and that we cannot make a distinction without drawing a distinction. We take, therefore, the form of distinction for the form.


Schöppe 178
Differenzierungsvorschrift
Festlegung auf sich selbst und die Negation
Festlegung auf sich selbst bedeutet, dass das System seine differenzierende Operation in einer Weise codiert, dass entweder das System selbst, die Operation selbst oder ein Element des Systems selber Bezugspunkte des aktuell operierenden Elementes werden.
Wir hatten diese Operationen als Reflexion, Reflexivität und basale Selbstreferenz bezeichnet.

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Negation: eine spezielle Form differenzierender Operationsweisen stellen Negationen dar. Fragt man nach den Fortgang differenzierender Operationen, so wird augenfällig, dass sie ihrem Ausgangspunkt stets in dem vorher Bezeichneten fand (und nicht etwa im Ausgeschlossenen) nehmen, es liegt also eine eigentümliche Gewichtung in dieser Abfolge. Die codierte Urfassung dieses und anderes scheint auf seiten des dieses überzuhängen und sich dem weiteren Verlauf als Anschlusspunkt bevorzugt anzubieten.

Es muss also eine Möglichkeit geben, auf die andere Seite überzuwechseln, um dort anzuschließen nur so kann das dieses beispielsweise von außen her vorübergehend als Einheit fixiert werden. In der Spencer Brown’schen Fassung wird dieses überwechseln als Crossing und Recrossing, bezogen auf eine Form auch als Entry und Reentry bezeichnet.

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Somit könnte die oben eingeführte Charakterisierung der Grundform codierter Differenzierung dieses und anderes auch als Urform der Negation gelten. Etwa in der Art: wenn ich mich für dieses entscheide, dann meine ich nicht anderes, obwohl letzteres mitintendiert ist. Und hieraus lassen sich dann zwei Unterarten der Negation ableiten, die Luhmann die beraubende und die ausschließende Negation nennt.
Einmal handelt es sich um die Unterform: Dieses und nichts anderes und weiterhin um Dieses und nicht anderes. Während die erste Machart ein anderes kategorisch ausschließt und so tut als wäre der Zustand denkbar, dass etwas bestehen könne unter völligem Ausschluss von Alternativen, konzediert die zweite Version zum mindesten implizit ein Vorhandensein von anderem.

Betrachtet man das Nichts, welches sich hieraus ergibt, so erscheint im ersten Fall ein eigentümliches dunkles Loch, das aber immerhin noch eine Begrenzung am Rande des durch dieses Bezeichneten erhält. Im zweiten Fall entsteht ein durch Negation entstandenes Nichts, tatsächlich wohl eher ein Etwas.

Eine dritte Möglichkeit bietet sich noch an, die vernichtende Negation. Hierbei ist weder ein Etwas noch das Nichts selbst das Produkt der Negation. Ein Nichts in der Art des legendären Zen-Nichts (Luhmann/Fuchs Reden und Schweigen 1990)

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