Christian Schuldt
Systemtheorie
eva wissen 2006

Freundlicherweise hat mir Christian Schuldt eine Wordkopie seines Buches überlassen, die ich in meinen Zettelkasten kopieren konnte. Beim Durchackern habe ich Schwarz, Rot und Blau markiert, was mir wichtig scheint:

SchuldtSystemtheorie9
Der
Begriff System: Diese Vokabel assoziierte unschöne Dinge wie Kälte, Totalitarismus oder Funktionalismus. Luhmanns Systembegriff impliziert jedoch keineswegs eine Ordnung, die es herzustellen oder aufrecht zu erhalten gilt. Im Gegenteil: selbstreferentiellen Systeme sind zwar geschlossene Systeme, doch diese Geschlossenheit ist zugleich Voraussetzung für die Offenheit gegenüber ihrer jeweiligen Umwelt. Systeme sind immer nur Systeme in Differenz zu einer Umwelt: ohne Umwelt kein System. Wo also der Systembegriff Einheitlichkeit suggeriert, operiert Luhmann grundsätzlich mit Differenzen. Insofern wäre die Systemtheorie auch zutreffender als „System-Umwelt-Differenz-Theorie“ zu bezeichnen.
Boe: Differenz – Grenze – Barre – der Schied
11 Systemtheorie als Passion
Die Grundfrage, die Luhmann stellt, lautet: Wie ist soziale Ordnung möglich? Wie kann so etwas Unwahrscheinliches wie die Gesellschaft entstehen? Die Antwort, die die Systemtheorie findet, ist ebenso unwahrscheinlich: durch verschiedene Formen von Kommunikation, die sich voneinander abgrenzen, eigene Hoheitsgebiete erobern - und genau damit die Einheit der Gesellschaft bilden.
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Das Wunderland der Selbstreferenz
Der Eintritt ins Reich der Systemtheorie gleicht einem
Eintritt in eine andere Dimension: Man betritt eine Art spiegelverkehrte Welt, ein Universum voller Paradoxien und Widersprüche. Das erfordert - und erzeugt - eine neue, andersartige Sicht der Dinge.
Explosivstoff
Selbstreferenz
Um sich im Labyrinth der Systemtheorie zurechtfinden zu können, muss man zunächst einmal alles hinter sich lassen, was einem der Alltagsverstand antrainiert hat. Ein bisschen ist es so wie am Eingang zum Magischen Theater in Hesses "Steppenwolf", an dessen Pforte der verheißungsvolle Hinweis prangt: "Eintritt kostet den Verstand."
Noch deutlicher wird die Vertracktheit solcher Selbstinklusionen im Falle von Paradoxien. Paradoxe Aussagen wie "Dieser Satz ist nicht selbstreferenziell" führen in die Unentscheidbarkeit: Sie enthalten zwei Werte, von denen jeder auf den anderen zurückverweist. Das Resultat ist ein unendliches Oszillieren zwischen den beiden Werten.
Dementsprechend eröffnet auch ein selbstreferenzielles Theoriedesign paradoxale Teufelskreise: Die Systemtheorie liefert eine Beschreibung des Systems im System, eine sich selbst mitbeschreibende Beschreibung - anders kann sich eine universalistische Perspektive heute nicht mehr legitimieren. Daher kann die Luhmann-Lektüre mitunter einen ähnlichen Effekt auslösen wie das Betrachten eines Vexierbildes: Die Beobachtung flimmert hin und her, pendelt zwischen den Unterscheidungen.

Luhmann dagegen sucht zwar die Paradoxien - löst sie aber wieder auf: Er entfaltet sie, um Selbstblockaden zu vermeiden und seine Theorie ins Rollen zu bringen.
Denn um selbstreferenzielle Situationen und paradoxe Positionen produktiv nutzen zu können, außer sie bloß wahrzunehmen und als unendlichen Teufelskreis durchzuexerzieren, muss man sie „handhabbar“ machen. Man muss sie entparadoxieren.
Wie funktioniert das? Die Systemtheorie wagt den entscheidenden Schritt nach vorn: Sie macht die grundlegende Paradoxie „unsichtbar“, indem sie sie in ihren Operationen entfaltet. Statt die Selbstreferenz ins Unendliche zu verfolgen, legt Luhmann los. Er zeigt, dass es keine Beobachtung ohne blinde Flecke geben kann. Mehr noch: Er zeigt, dass erst eine gewisse "Blindheit" Einsichten ermöglicht. Deshalb blendet Luhmann die Grundparadoxie aus und konzentriert sich auf die Operationen seiner Theorie. Die Frage lautet dann nicht mehr: Wie kann eine selbstreferenziell gebaute Theorie Universalität beanspruchen? Sondern: Welcher Mehrwert ergibt sich, wenn man diese Frage ausklammert und beobachtet, welche Resultate die Theorie hervorbringt?
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Eine solche „Letztfundierung“ in einer Paradoxie, der selbstreferenzielle Ausgangspunkt, ist ein generelles Merkmal postmodernen Denkens. So lassen sich zahlreiche Paradoxie-Parallelen zu anderen selbstreferenziell strukturierten Wissenschaftstrends aufzeigen - von Chaostheorie über fraktale Geometrie bis hin zu „virtual realities“. Stets handelt es sich um Beschreibungen, die in Bereichen selbsterzeugter Unbestimmtheiten stattfinden. Weniger widersprüchlich scheint Erkenntnis heute nicht möglich zu sein.
Boe: vgl. Fuchs Erkenntnistheorie
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Aller Anfang ist Differenz
Der doppelte Theorieboden der Systemtheorie, das gleichzeitige Offenlegen und Entfalten der Grundparadoxie, ermöglicht Beobachtungen, die weder in selbstreferenziellen Zirkeln noch in ontologischen Weltbildern hängen bleiben - die aber Resultate hervorbringen, die zugleich konstruktiv und realistisch sind. Wenn Luhmann also von selbstreferenziellen Systemen spricht, ist das zwar eine Aussage über die "Realität" von Systemen, aber es ist zugleich eine Aussage eines beobachtenden Systems - eine Aussage, mit der sich die Theorie sozialer Systeme selbst ins Rollen bringt.
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Anders als Hegel aber zielt Luhmann, trotz der gemeinsamen Affinität zum Widersprüchlichen und trotz einer ähnlich selbstreferenziellen Theorieanlage, nicht auf Einheit, sondern auf Differenz ab. Wo Hegel in Subjekt und Weltgeist die Einheit von Identität und Differenz sieht, setzt Luhmann auf die selbstreferenzielle Differenz zwischen Identität und Differenz: "Am Anfang steht also nicht Identität, sondern Differenz." (SoSy, 112)
Primat von Funktion und Selbstreferenz
Entparadoxierung durch Differenz


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Systemtheorie: Grundriss eines Labyrinths
Jetzt geht es ans Eingemachte: Wurde bislang die Peripherie der Systemtheorie erkundet, sollen nun die vielschichtigen Verzweigungen des Luhmannschen
Differenzdenkens sichtbar gemacht werden. Es gilt, einen Weg durch das labyrinthische System der Systemtheorie zu bahnen und eine Art Kartografie seiner wichtigsten Schneisen und Kreuzungen zu erstellen.
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Soziale Systeme: "Inseln geringerer Komplexität"
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Psychische Systeme: Die das Denken denken

In diesem Kapitel soll es darum gehen, den Aufbau der Systemtheorie selbst zu durchleuchten, und das beginnt beim obersten Bezugspunkt systemtheoretischen Denkens:
Komplexität. Oder genauer: Weltkomplexität. Was bedeutet Komplexität? Ganz grundsätzlich ist etwas dann komplex, wenn es mehr als zwei Zustände annehmen kann. Schon das Kochen eines Eis ist damit eine ziemlich komplexe Sache.
Die absolute Obergrenze ist die Komplexität der Welt: Alles, was möglich ist, ist nur möglich in der Welt. Ein "Außerhalb" der Welt gibt es nicht: Die Welt kann nicht überschritten werden und hat keine Um-Welt, gegen die sie sich abgrenzt.
Soziale Systeme schaffen Erwartungsstrukturen, die Komplexität kanalisieren. Um Komplexität reduzieren zu können, müssen Systeme zunächst einmal selbst über Komplexität verfügen. Erst ein gewisses Maß an Eigenkomplexität erlaubt es ihnen, auf Veränderungen in ihrer Umwelt zu reagieren und den eigenen Fortbestand dynamisch zu sichern. Je komplexer das System, desto mehr Reaktionsmöglichkeiten hat es. Hier zeigt sich erneut der selbstreferenzielle Bau der Systemtheorie: Erst ihr komplexes Design macht es ihr möglich, Weltkomplexität zu beobachten und zu reduzieren.
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Autopoiesis: Systeme als Selbstversorger - Soziale Systeme bestehen aus Kommunikationen, die an Kommunikationen anschließen und weitere Kommunikationen provozieren. Dieses selbstreferenzielle Grundmuster hat Luhmann mit einem ebenso zentralen wie schillernden Begriff umschrieben: Autopoiesis.
25 Diese sagenhafte Selbstherstellung (Autopoiesis) vollziehen autopoietische Systeme, indem sie sich selbstreferenzieller Techniken bedienen -
Selbstbeobachtung, Selbstbeschreibung und Selbstvereinfachung.
Eine weitere Frage lautet: Wie vollzieht sich die Autopoiesis sozialer Systeme, wie kommen Kommunikationssysteme "auf Touren", bilden sich aus und entwickeln sich weiter? Wie gesehen, können Systeme ihre Umweltkomplexität erst reduzieren, wenn sie eine gewisse Eigenkomplexität ausgebildet haben. Dies gelingt sozialen Systeme, indem sie die Ereignisse, aus denen sie bestehen, und die vom einen Moment zum nächsten wieder verschwinden, verknüpfen:
Sie bilden Prozesse und Strukturen.
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Sinn-voll: Soziale und psychische Systeme
Autopoietische Systeme sind selbstreferenziell geschlossene Systeme. Wie aber kombinieren sie diese Geschlossenheit mit ihrer Umweltoffenheit? Indem sie Sinn verwenden. Diese Aussage mag auf den ersten Blick wenig „Sinn“ machen, andererseits ist dieser Sinn der Systeme auch kein Sinn im alltäglichen oder psychologischen Sinne. Im Systemtheorie-Slang bezeichnet Sinn die grundlegende Ordnungsform menschlichen Erlebens, nämlich die Bedeutung, die etwas für einen Beobachter hat.
Die Verwendung von Sinn ist eine Grundoperation der Systemtheorie. Alles Erleben und alles Handeln sozialer und psychischer Systeme erfolgt nach Sinnkriterien.
Boe: Fuchs Allgemeine Theorie von Sinnsystemen - ATS
So entfalten soziale Systeme ihre Autopoiesis über sinnverwendende Kommunikationsprozesse: Kommunikationen schließen aneinander an, differenzieren sich, bilden Strukturen - und
ermöglichen es sozialen Systemen dabei zugleich, ihre eigenen Unterscheidungen wahrzunehmen, also selbstreflexiv zu werden. Ohne Sinn würde das in der Tat keinen Sinn machen: Soziale und psychische Systeme können gar nicht sinnlos operieren.
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Bewusstsein ist nicht zu verwechseln mit dem Gehirn. Das Gehirn ist kein psychisches, sondern ein organisches System. Als solches bildet es für das Bewusstsein eine Umwelt, die für das Funktionieren des psychischen Systems unentbehrlich ist. Denken aber kann nur das Bewusstsein, so wie nur die Kommunikation kommunizieren kann, nicht aber der Mensch. Es ist unmöglich, von Gehirnprozessen auf Gedanken zu schließen oder in ein fremdes Bewusstsein hineinzuschauen.
Wahrnehmung ist also keine Widerspiegelung der Außenwelt, sondern eine systeminterne Konstruktion einer systemexternen Welt.

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Strukturelle Kopplung: Symbiose der Systeme
Der Begriff strukturelle Kopplung - Luhmann benutzt ihn äquivalent mit dem Begriff "Interpenetration" - beschreibt die "überlebensnotwendige" Bedeutung, die bestimmte Systeme für die Autopoiesis anderer Systeme haben. Es geht also um eine Art wechselseitiger Befruchtung, um Symbiosen zwischen Systemen.
Besonders interessant ist jedoch die strukturelle Kopplung sozialer und psychischer Systeme. Sie sind die einzigen, die auf der Basis von Sinn operieren. Medium Sprache
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Gesellschaftliche Evolution:
Die Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen
"Evolution ist immer und überall" (GdG, 431), postuliert Luhmann. Und: "Nur die Differenz von System und Umwelt ermöglicht Evolution." (GdG, 433) Was aber heißt Evolution in Bezug auf soziale Systeme bzw. in Bezug auf die Entwicklung der Gesellschaft?
Gesellschaftliche Evolution vollzieht sich über die Ausbildung von Strukturen, mit denen die Unwahrscheinlichkeit gelingender Kommunikation wahrscheinlich gemacht wird.
Selektion, zielt auf die Strukturen des Systems, die Kommunikationen über Erwartungen steuern. Eine besondere Rolle spielt hierbei die Erfindung von
Medien, insbesondere der Schrift, die die Anzahl der Adressaten sprunghaft ansteigen ließ.
Schrift erzeugt "die Illusion der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen": "Die bloß virtuelle Zeit der Vergangenheit und der Zukunft ist in jeder Gegenwart präsent, obwohl für sie etwas ganz anderes gleichzeitig ist als die Gegenwart" (GdG, 265). Es entsteht also eine gewaltige Masse von Anschlussmöglichkeiten, die durch den Buchdruck, eine Art Infrastruktur für das Gedächtnis der Gesellschaft, und erst recht durch elektronische Medien noch potenziert wird.
Alle evolutionären Errungenschaften gleichen sich darin, dass sie kombinatorische Möglichkeiten erhöhen, das heißt höhere Komplexitätsgrade ermöglichen.
Die Formen, die die Gesellschaft dabei auswählt, nennt Luhmann „
Semantiken“. Semantiken sind sinnhafte Formen, die besonders strukturbildend werden. Eine besondere Rolle bei diesen "Ideenevolutionen" spielt dabei das Medium Sprache, das wie eine Art Sinnspeicher wirkt: "Im evolutionären Kontext gesehen ist Sprache eine extrem unwahrscheinliche Art von Geräusch, das eben wegen dieser Unwahrscheinlichkeit hohen Aufmerksamkeitswert und hochkomplexe Möglichkeiten der Spezifikation besitzt." (GdG, 110) Ebenso zentral ist die Bedeutung von Verbreitungsmedien wie Schrift, Druckpresse und Telekommunikation, die Kommunikation unabhängig machen von einer gleichzeitig stattfindenden Bewusstseinsbeteiligung.
drei Formen gesellschaftlicher Differenzierung erläutert werden, die die gesellschaftliche Evolution hervorgebracht hat: segmentäre, stratifikatorische und funktionale Differenzierung

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Kommunikation: Baustein der Gesellschaft
Information, Mitteilung und Verstehen
Kommunikatives Verstehen ist also keinesfalls die bloße Wahrnehmung des Verhaltens Anderer, zumal das rein psychische Ereignis Wahrnehmung ja zunächst für Andere unsichtbar bleibt. Vielmehr geht es darum, einen Unterschied zu verstehen: zwischen der inhaltlichen Information und den Gründen, aus denen sie mitgeteilt wird. Eine mitgeteilte Information versteht sich ja nicht von selbst. Erst wenn der Verstehende dem Mitteilenden einen Unterschied zwischen Information und Mitteilung unterstellen kann, handelt es sich um Kommunikation.
doppelte Kontingenz
sich die Kommunikation als Handlung tarnt
Mit der Zuschreibung einer Kommunikation als Handlung einer Person reduziert die Kommunikation Komplexität und macht sich selbst anschlussfähig.
Zuschreibung als Handlung ist jedoch nicht die einzige Selbstbeschreibung der Kommunikation. Eine weitere ist die Zuschreibung als Erleben.
Während Handeln eine Zurechnung zum System selbst ist, bedeutet Erleben eine Zurechnung zur Umwelt. Die gesellschaftlichen Zentralinstanzen, die diese Zurechnungsweisen kompatibel machen, um Kommunikation gelingen zu lassen, nennt Luhmann „
symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien.
Die Gesamtheit aller Medien - der Sprache, der Verbreitungsmedien und der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien - bildet dann das, was man mit dem Begriff "Kultur" bezeichnen könnte: eine Art Systemgedächtnis der Gesellschaft, das eine gemeinsame Wertebasis schafft.

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allgemeine Theorie der Beobachtung.
operative Logik
Damit ist jede Beobachtung eine Konstruktion des beobachtenden Systems. Alles, was beobachtet wird, hängt ab von der Unterscheidung, die eine Beobachtung verwendet

Die beobachtenden Elemente sozialer Systeme sind Kommunikationen. Die Elemente, die beobachtet werden, sind Handlungen.
Entsprechend sind in psychischen Systemen die beobachtenden Elemente Gedanken, während die beobachteten Elemente Vorstellungen sind.

Entscheidend ist, dass eine gleichzeitige Bezeichnung beider Seiten unmöglich ist: Keine Beobachtung kann sich im Moment des Beobachtens selbst beobachten, keine Beobachtung kann zugleich innen und außen sein.

Die eigene Unterscheidung ist der blinde Fleck jeder Beobachtung. Das Beobachten "kann nur sehen, was es mit dieser Unterscheidung sehen kann. Es kann nicht sehen, was es nicht sehen kann" („Die Wissenschaft der Gesellschaft“, 85). Zugleich ermöglicht aber erst dieser blinde Fleck das Beobachten - denn ohne Unterscheidung kann es kein Beobachten geben.


Beobachtung erster und zweiter Ordnung

die zeitliche Entfaltung löst die Paradoxie der Gleichzeitigkeit von Innen und Außen auf.

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