Helmut Willke
Atopia
Studien zur atopischen Gesellschaft
Suhrkamp 2001


Willke Atopia 117: Für systemtheoretisches Denken genügen zwei Voraussetzungen für Gesellschaft: Beobachtung und Selbstreferenz.
Das erste Gebot im Kanon der Systemtheorie heißt, du sollst dir ein Bild von dir machen. Wenn dies gelingt, sobald also Beobachtung Formen generiert, und es gelingt bislang wohl nur der Menschen, dann führt Beobachtung unvermeidbar zu Kommunikation und Selbstreferenz unvermeidbar zur Systembildung. Beides zusammen ergibt Gesellschaft als operativ geschlossenen Zusammenhang von Kommunikationen, die sich aufeinander beziehen, also selbstreferentiellen und rekursiv vernetzt sind. Genau dies ist Luhmanns Definition von Gesellschaft. Und natürlich macht diese Definition nur Sinn, wenn man dazu die theoretische Schwerarbeit zur Kenntnis nimmt, die in die Elaboration der Ideen von Beobachtung und Selbstreferenz als Grundbedingungen der Möglichkeit von Gesellschaft eingegangen ist.

Allerdings ist ein Gesellschaftsbegriff noch keine Gesellschaftstheorie. Der Zusammenhang zwischen diesen beiden Momenten ist gerade bei Luhmann nicht ohne weiteres zu durchschauen. Luhmanns Hauptsorge galt nicht der Gesellschaftstheorie, sondern der Entwicklung der Systemtheorie im Sinne einer allgemeinen Theorie sozialer Systeme.

Im Verlauf des Ausbaus dieser Systemtheorie sah sich Luhmann zu grundlegenden Umstellungenin der begrifflichen und konzeptionellen Fundamente der Soziologie veranlasst:

von Struktur auf Prozess,
von Handlung auf Kommunikation,
von Individuum auf System,
von Sicherheit auf Kontingenz
von Simplizität auf Komplexität
von Sprache auf Kommunikationsmedium
von Linearität auf Rekursivität
von Gefahr auf Risiko,
von Reduktionismus auf Autopoiesis
von Einheit auf Differenz.

Im Zuge dieser und vieler anderer Umstellungen formte Luhmann mit der evolvierenden Architektur seiner Systemtheorie neue Grundbegriffe wie etwa Beobachtung, Kommunikation und Selbstreferenz, die seinen extremen Ansprüchen an Abstraktionen und Generalisierung entsprechen. Luhmanns Theoriedesign kennt drei Ebenen sozialer Systeme: Interaktionen, Organisation und Gesellschaft.

Seite 123: Kommunikationsdesign atopischer Gesellschaft
Man muss heute nicht mehr mit dem Scheiterhaufen rechnen, wenn man postuliert, die Gesellschaft bestehe nicht aus Menschen sondern aus Kommunikationen...Schwierigkeiten macht aber nach wie vor die Idee, Kommunikationen seien die elementaren Operationen gesellschaftlicher Systembildung - und nicht Personen, Rollen, Handlungen, Transaktionen oder ähnliches.

Noch schwieriger dürfte es sein, die Vorstellung zu normalisieren, dass Kommunikation von der Differenz von Wissen und Nichtwissen getrieben ist und deshalb Strategien des Umgangs mit Wissen und Nichtwissen der Kommunikation ganz bestimmte, gestaltete Formen aufprägen: designs - intentional gestaltete Formen, systemische Kommunikationsdesigns, die weniger auf den bislang vorherrschenden Ressourcen Macht, Geld und Solidarität gründen,dafür aber stärker auf der Ressource Wissen.

Kommunikationsbegriffe und Kommunikationstheorie kommen damit in eine ziemlich ungewohnte Nähe zur Wissenstheorie und zur Steuerungstheorie. Die Überzeugungskraft diese Idee hängt entscheidend daran, inwieweit es gelingt, den Begriff der Kommunikation gesellschaftsadäquat zu entfalten und ihn aus der Trivialisierung durch eine technizistische Telefontheorie der Kommunikation zu befreien.

Boe: Übertragungs Metapher: Unterscheidung von Daten und Information

Luhmann hatte eine dreistellige Architektur des Kommunikationsbegriffs vorgeschlagen. Er versteht Kommunikation als "dreistelligen Selektionsprozess", der zustande kommt wenn eine Information vorliegt, die (medial vermittelte) Mitteilung dieser Information und das Verstehen der Mitteilung beim Kommunikationspartner gelingen und rekursiv zusammen spielen: "Dass Verstehen ein unerlässliches Moment des Zustandekommens von Kommunikation ist, hat für das Gesamverständnis von Kommunikation eine sehr weit tragende Bedeutung. Daraus folgt nämlich, dass Kommunikation nur als selbstreferentieller Prozess möglich ist. Begreift man Kommunikation als Synthese dreier Selektionen, als Einheit aus Information, Mitteilung und Verstehen,so ist die Kommunikation realisiert, wenn und soweit das verstehen zu Stande kommt." Luhmann, Soziale Systeme, Seite 194

Gegenüber den Datentheorien der früheren "Kommunikationswissenschaften", Shannon, Weaver, Wiener u.a., ist diese beziehungsreiche Definition soziologisch so attraktiv, dass sie auf breiter Front in die Sozialwissenschaften difundiert, auch wenn ihre Implikationen oft nicht mitthematisiert werden.
Sie überwindet die Sender-Empfänger-Metaphorik und nimmt die dem Konstruktivismus zu Grunde liegende Kernidee der Rekonstruktion von Bedeutung in den Köpfen der Kommunikanten ernst. Kommunikation transportiert nicht fertige Bedeutungselemente, sondern medial dekomponierte Signalfrequenzen, die im mentalen System nach dessen Regeln, Kriterien und Erfahrungen zu Bedeutungen (Verstehen) aufbereitet werden.

Wichtiger noch als die begriffliche Konstruktion ist die Antwort auf die Frage, welches Problem Kommunikation löst oder, noch deutlicher, welche evolutionären Möglichkeiten medial vermittelte, symbolisch abstrahierte Kommunikation eröffnet.
Luhmanns eher überraschende Antwort ist: Kommunikation setzt an der Differenz von Wissen und Nichtwissen an. Sie kristallisiert an einem Bedarf, eine Situation des Nichtwissens schneller zu entschärfen als durch evolutionäres Lernen. Verstehen wird relevant und zum evolutionären Vorteil, wenn Einsichten von Ego Alter mitgeteilt und von Alter verstanden werden können, so dass Alter nicht selbst die der Einsicht zu Grunde liegende extensive, evolutionär vermittelte, Geschichte durchleben muss, sondern sich mit dem Surrogat intensiver, symbolischer vermittelter Lernerfahrung begnügen kann.

Allerdings ist diese Verdichtung des Lernprozesses sehr voraussetzungsvoll, da in der Kommunikation nicht fertige Einsichten "transportiert" werden können, müssen die beteiligten mentalen Systeme zunächst das Lernen lernen und eine entsprechende kognitive Komplexität aufbauen. Erst diese systemintern aufgebaute Eigenkomplexität erlaubt es Alter, aus den mitgeteilten Informationen selbst entsprechende Einsichten über "Verstehen" zu rekonstruieren. Die zweite Voraussetzung dafür ist die koevolutionäre Ausbildung von Sprache als Medium der Mitteilung.
Beide Bedingungen der Möglichkeit von Kommunikation setzen zugleich unterschiedliche Restriktionen, die im Lauf der weiteren Evolution und Gesellschaftsgeschichte vor allem zur Bildung von symbolisch generalisierten Steuerungsmedien (Erfolgsmedien) als Steigerungsformen von Sprache führen und neue Formen und Niveaus der Verdichtung von "Verstehen" ermöglichen.

Die Bindung des Kommunikationsbegriffes an Verstehen bringt die Differenz von Wissen und Nichtwissen ins Spiel. Was Kommunikation vom Austausch semantisch nicht rekonstruierbarer Signale unterscheidet, ist das Prozessieren von Unterschieden, die einen Unterschied ausmachen, also die Nutzung relevanter Unterschiede, also die Beantwortung von Fragen, also ein Beitrag zur Lösung eines Problems.
Nimmt man mit Gregory Bateson an, dass Kommunikation damit beginnt, dass der Unterschied zwischen Spiel und Ernst - etwa im Verhalten von Tieren - sehr schnell verlässlich geklärt wird, dann drängt sich der Zusammenhang von Kontingenzerweiterung und Lernbedarf als Logik der Evolution im Allgemeinen und als Logik der Gesellschaftsgeschichte im besonderen auf.
Kommunikation erweitert die Möglichkeiten sozialer Kooperation über koordinierte Arbeitsteilung hinaus in Richtung auf den Aufbau und die Nutzung eines kollektiven Gedächtnisses.

Boe: Kultur, Sprache, Erfahrung, Wissen

Das Symbolsystem der Sprache erlaubt es, personengebundene implizite Erfahrungen in explizite, von der konkreten Person abgelöste Erfahrungen zu transformieren, die Andere nutzen können. Dieser Sprung vom langsamen, an die Genome und Generationenfolgen gebundenen Lernfortschritte zu schnellem, kommunikativ dynamisiertem Lernen eröffnet kommunikativ konstituierten Sozialsystemen die Möglichkeit einer nahezu beliebig steigerbaren Verdichtung von Kommunikation und von Lernen.

Boe: die "Erfindung von Zeit", Unsicherheit, Kontingenz

Seite 127: Die Differenz von Wissen und Nichtwissen weist weit über jede mögliche Evolutionstheorie hinaus. Evolution weiß nichts von ihrem nicht wissen. Für den vorausschauenden Menschen dagegen kommt mit der Konstruktion von Futurität auch ihre andere Seite, Unsicherheit, ins Spiel, und Handeln unter Unsicherheit wird zum Standardmodell des Handelns in nicht-trivialen, unbekannten Situationen.
Lernen und die Akkumulation von erfahrungsbasiertem Wissen in den Genomen der Überlebenden verstehen wir seit Darwin als den Grundmechanismus einer Evolution, welche Lernen als optimierende Anpassung an Umweltbedingungen begreift, wobei die Anpassung dadurch zu Stande kommt, dass in der Generationenfolge diejenigen Genome überleben, die in der Gegenwart optimal an ihre gegenwärtige Umwelt angepasst sind.

Mit der Evolution von Sprache, der Ausbildung eigendynamischer Symbolsysteme und Medien der Kommunikation gelingt es der Evolution, ihre eigenen Begrenzungen zu überwinden und mit Zukunft eine Dimension zu entfalten,die nicht vom Zufall und Notwendigkeit beherrscht ist, sondern welche die zusätzliche Option der Möglichkeit bietet. Die Modalität der Möglichkeit eröffnet den Raum für Steuerung, sobald Kontingenzen am Maßstab von Kriterien gewichtet und auf Vorstellungen, also auf Projektionen als zukünftige gewünschte Realitäten, bezogen werden. Steuerung als bewusste Gestaltung möglicher Zukünfte erweitert auch den Raum des Lernens in die Zukunft. Lernen ist nicht mehr an die langwierige Abfolge von Generationen gebunden. Vielmehr können über das körpergebundene implizite Wissen hinaus in einem ersten Schritt erfolgreiche Praktiken und Einsichten in Sprache expliziertund in Symbolen dokumentiert werden. Dies erlaubt als ein symbolisch vermitteltes Lernen eine radikale Steigerung des Lerntempos. In einem weiteren Schritt lässt sich die Qualität des symbolisch vermittelten Lernens durch Reflexivität und Reflexionen steigern zu dem, was Gregory Bateson Lernen zweiter Ordnung genannt hat.

Boe: Denken - Nachdenken - Unterscheiden - Beobachten - SpencerBrown

Willke

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