Hans-Georg Möller
In der Mitte des Kreises
Daoistisches Denken
Insel Taschenbuch 2001

Möller 124

Der Aufgerichtete Baum (jian mu) – Gnomon
Dao - ziran

In der Mitte der Welt steht der aufgerichtete Baum, ein Gnomon, als Angelpunkt, um den sich der Kreislauf der Natur dreht. Er, der - weil er genau im Zentrum steht - im Mittag schattenlos ist, ist das dao als Nabe des natürlichen Rades, des kosmischen Kreislaufs...

Das Wechselspiel von Licht und Schatten, von Yang und Yin (die ursprünglich die Licht und Schattenseite eines Hügels bezeichnen) in der Natur, entspricht der Struktur nach ganz und gar dem Wechselspiel von Traum und Wachsein, von Leben und Tod. Um die schattenlose ( und echo-lose) Mitte herum wechseln Licht und Schatten einander rhythmisch ab. Der Lauf der Zeit ist auch der Lauf des Raumes, der sich um den unbewegten Angelpunkt herum vollzieht.

Der Mittelpunkt der natürlichen Welt ist zugleich Mittelpunkt der politischen Welt: in der Mitte der Welt liegt die Hauptstadt, welcher die den vier Himmelsrichtungen zugeordneten Gebiete als Zeichen der Unterwerfung und Unterordnung Tribute leisten müssen. Aber diese politische Struktur ist zugleich auch eine Struktur des natürlichen Raumes. Erst durch die Besetzung der Mitte ergibt sich die Unterteilung der Welt in einen strukturierten Raum. Erst indem das Zentrum feststeht, haben Osten, Süden, Westen und Norden ihren Platz, ihre räumliche Verankerung, um die herum sie sich gruppieren. Auch die den vier Himmelsrichtungen entsprechenden vier Jahreszeiten sind um die Sommermitte, die Mitte des Jahres, herum gruppiert. Der Gnomon - und das heißt zugleich das dao - ist Mittelpunkt des Raumes, denn er steht in der Mitte des Kosmos, aber er ist auch in der Mitte der Zeit - am Mittag in der Sommermitte wirft er allein keinen Schatten - und er ist, inmitten der Hauptstadt, genau in der Mitte des Staates - die Weltachse, also nichts anderes als die Nabe der Welt.

Das Dao ist die Mitte, die Einheit und die Synthese. So wie es der Heilige im Zhuangzi erreichen muss, in die Mitte des Kreislaufs von Leben und Tod zu kommen, auch um diesen Kreislauf erst reibungslos als Einheit zu ermöglichen, so muss die Natur, der Wechsel von Tag und Nacht, durch eine diesem Wechsel selbst nicht unterliegende, schattenlose (und d.h. analog auch Tod-lose) Mitte zur reibungslosen Einheit eines unablässigen Prozesses zusammengeschlossen werden. Die leere Mitte ist zugleich die Ganzheit des Geschehens.

Das Dao ist zugleich Nabe und ganzes Rad, es ist zugleich das Zentrum und die Totalität, und das gilt eben auch für die Konzeption der Natur oder des Kosmos.

Im Zhuangzi wird deshalb die Perspektive des Heiligen im selben Kontext einmal als die Perspektive des Angelpunktes ( dao shu ) oder die der Mitte des Kreises ( huan zhong ) und einmal als die Perspektive des "Himmels" oder der "Natur" ( tian ) beschrieben. Die Perspektive des Gnomons, des Dao, ist zugleich die Perspektive des Ortes, um den sich die Natur (Licht und Schatten, Tag und Nacht, Raum und Zeit) dreht, und die Perspektive des natürlichen Zusammenhanges.

Es ist gleichzeitig die Nullperspektive und die Allperspektive.... im Zentrum der Natur zu stehen, heißt deshalb, die Dinge aus der Perspektive der Natur (oder des Himmels zu betrachten zhao zhi yu tian). Dies kann nur der Heilige. Er allein ist im Wortsinne mitten in der Natur und deshalb mit dieser synthetisch zu einem Prozessganzen vereint.

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... das Konzept der Natur als eines sich um eine Mitte drehenden Wechsels von Yin- und Yang-Segmenten.
Die Natur ( tian ) ist bei den Daoisten zuerst ein Prozessgeschehen, dass nach dem Bild des Rates funktioniert... der Lauf der Natur ist der Lauf des dao... das eigene Herz zu entleeren bedeutet, es gewissermaßen als Gnomon zu installieren, um das sich dann die ganze Natur drehen kann. Gelingt die Entleerung des Herzens, ist die Inbesitznahme der Mitte geglückt.

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I
nsofern man unter der Natur den kosmischen Zusammenhang, das Geschehen in Zeit und Raum versteht, kann man den alt chinesischen Ausdruck ( tian), der wörtlich eigentlich Himmel (im Gegensatz zur Erde, di ) bedeutet, in vielen daoistische Texten durchaus mit Natur wiedergeben. Denn tian bezeichnet hier oft in einem umfassenderen Gebrauch - sozusagen als pars pro toto - nicht allein den Himmel, sondern das ganze natürliche Prozessieren. Versteht man aber unter Natur nicht in erster Linie das kosmische Geschehen, sondern vielmehr das was ohne künstliche Veränderung oder Eingriffe eben ist, wie es ist, also als gewissermaßen "Naturbelassene" oder "Unverfälschte", dann muss ein anderer altchinesische Ausdruck betrachtet werden, der im Daoismus von größter Bedeutung ist: nämlich ziran, was wörtlich soviel heißt wie "von selbst so sein".

Laozi 25
Es gibt ein Ding -
im Mischmasch vollbracht,
vor Himmel und Erde lebendig gemacht.
Welche Stille! Welche Leere!
Allein steht es fest und ändert sich nicht.
Es kann Himmel und Erde Mutter sein.

Ich kenne nicht seinen Namen.
Man bezeichnet es »Dao«.
War ich gezwungen, ihm einen Namen zugeben,
sagte ich »Größe«.
»Größe« heißt »Fortgang«
»Fortgang« heißt »Ferne«
»Ferne« heißt »Wende«.

Das Dao ist groß.
Der Himmel ist groß.
Die Erde ist groß.
Der König ist auch groß.

Im Staat gibt es vier Größen -
und der König besetzt die Einheit darin.

Dem Mensch ist die Erde Gesetz.
Der Erde ist der Himmel Gesetz.
Dem Himmel ist das Dao Gesetz.
Dem Dao ist der eigene Lauf ( ziran ) Gesetz.

Das dao selbst hat nur das ziran, das Von-selbst-so-sein" zum Gesetz. Die perfekte Geschehensform hat nur ihren eigenen Lauf zum Antrieb und zur Regel. Das dao ist eine Konzeption der Immanenz, des Minismus und der Autopoiesis. Seine Mechanik ist ganz und gar natürlich, weil sie nicht transzendent in einer höheren Instanz verankert ist, kein irgendwie Anderes noch "dual" neben sich hat und als geschlossener Organismus sich selbst erschafft und erhält.


Konzepte:

jian mu (Gnomon) - yang/yin - tian (Natur)

Hans-Georg Möller
Daoismus
Laozi

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