Hans-Georg Möller
I
n der Mitte des Kreises

Daoistisches Denken
I
nsel Taschenbuch 2001


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Daoismus Ideal der Permanenz

Kreislauf von Leben und Tod

Unter den Texten des Taoismus ist der Zhuangzi - umso mehr, wenn man die Kommentare des Guo Xiang dazu liest - wie kaum ein zweiter auf die Bewältigung der Todes-Problematik konzentriert. Deswegen werde ich mich bei der Darstellung der Konzeption von Leben und Tod im Taoismus auf Textstellen aus dem Zhuangzi und die dazugehörigen Kommentare des Gua Xiang beschränken.

Die
Unterscheidung Leben/Tod korrespondiert mit anderen Unterscheidungen, sie wird analog zu hell/dunkel, Sonne/Mond, Anfang/Ende, Heraustreten/Hineintreten, voll/leer, Himmel/Erde, aber auch analog zu den Unterscheidungen der Jahreszeiten und vor allem zu der Unterscheidung wachsein/träumen vorgestellt.

Stets ist bei diesen Unterscheidungen ihre sozusagen
ultimative Einheit mitgedacht. Hell und dunkel, Tag und Nacht oder die Jahreszeiten bilden in ihrem Wechsel ebenso ein komplementäres Ganzes wie Leben und Tod, es sind jeweils aneinander anschließende Phasen, die einen zeitlichen Kreislauf bilden.

Bedeutsam für die daoistische Konzeption von Leben und Tod ist nun, dass keine der jeweiligen Phasen gegenüber einer anderen als irgend wie privilegiert gedacht wird. Alle jeweiligen Phasen gelten als gleichrangig oder gleich echt. Sie lösen einander ab, weil sie in einen natürlichen Wandlungsprozess gehören... Dabei ist kein Segment des zeitlichen Kreislaufs gegenüber dem anderen "Ursprung" oder "Grund".

Der Wandlungsprozess - die Bewegung des dao ("Die Wende ist des Daos Bewegen", Kap.40, Daodejing) - allein ist "Ursache" der jeweiligen Zustände...

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in diesem Zusammenhang kann man auch von einer "Prozessontologie" im Gegensatz zu einer "Substanzontologie" sprechen. Im Rahmen der Prozessontologie "ist" eigentlich oder wesentlich nur der Prozess. Ihnen gegenüber, oder besser, in seinem Verlauf sind alle Phasen nur unbeständiges, vorübergehendes, zeitweiliges Sein. Was hier zählt, ist der Wandlungsprozess selbst, ihm sind alle verschiedenen "Substanzen" einverleibt.

Eine Substanzontologie, wie sie etwa im Christentum vorkommt, behauptet demgegenüber, dass im Verlauf einer prozessualen Wandlung - etwas vom Leben zum Tod - eine Substanz, namentlich die "Seele", kontinuierlich erhalten bleibt. Somit sind in der Substanzontologie die Substanzen das Wirklichere, das Eigentliche, das, was erhalten bleibt, während den Phasen nur ein unbeständiges, vorübergehendes und zeitweiliges Sein zukommt. Hier ist der Prozess des Wandels nur ein der kontinuierlichen Substanz anhaftendes sekundäres Merkmal. Im Rahmen der Substanzontologie ist dasselbe Seiende erst lebendig, lang tot und dann im ewigen Leben...Angesichts der prozessontologischen Konzeption von Leben und Tod im Daoismus kann der gläubige Daoist dem Tod gelassen entgegentreten... Indem das Lebende im Tod von etwas Totem ganz und gar abgelöst wird, muss man sich im Leben nicht über den Tod sorgen.

Wer sich vor den Verwandlungen fürchtet, der hat den Lauf der Dinge noch nicht verstanden, er hat noch nicht verstanden, dass alle Phasen des Prozesses gleich-gültig sind und keine die "eigentliche" ist. (Zhuangzi 2.12)

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Die daoistische Konzeption von Leben und Tod lässt sich gleichermaßen anhand des Schmetterlings Traumes (Zhuangzi 2.12) verdeutlichen. Der Schmetterlings Traum schildert, wie unsinnig es angesichts der totalen Wandlung ist, sich wegen des Todes im Leben schwermütige Gedanken zu machen... Genauso wenig wie man im Wachen an den Traum denken soll, soll man im Leben an den Tod denken.

Denn es gibt genauso wenig ein kontinuierliches "Ich", das die Wandlung von Zhuangzu zum Schmetterling begleitet, wie es ein kontinuierliches "Ich" gibt, dass in der Wandlung vom Leben zum Tod erhalten bliebe. Ein "Ich" ist an eine Phase, an einen jeweiligen Zustand gebunden und wird mit dem Wandlungsprozess in ein ganz anderes "Ich" verwandelt. Gerade das "Ich" ist im Rahmen der Prozessontologie keine stabile Größe.

Deshalb sollte man auch keinesfalls in Zweifel geraten, welches "Ich" oder welche Zustand der "eigentliche" ist. Nicht Zweifel über die Beziehung zwischen Leben und Tod bestimmen das daoistische Denken, sondern vielmehr die Gewissheit darüber, dass beide Zustände zwei gleichrangige Segmente eines Prozesses sind.

Außerdem ist es gerade die völlige Abgrenzung zwischen Leben und Tod, die den Sprung von einem Zustand zum anderen Zustand möglich macht. Genauso wenig wie die Grenzen zwischen Zhuang Zou und Schmetterling verwischt oder überschritten werden, genauso wenig dürfen die Grenzen zwischen Leben und Tod überschritten werden. Wer im Leben über den Tod nachdenkt, der verletzt die Unmittelbarkeit des "Lebensgefühls", er macht sich selbst unsinnigerweise das Leben schwer.

Schließlich dient das Schmetterlingsgleichnis dazu, die gleichrangige Echtheit von Traum und Wachsein zu demonstrieren. Keine der beiden Phasen relativiert die Gültigkeit der anderen; beide bestätigen einander vielmehr gerade. Analog soll der Daoist Leben und Tod als genau gleichermaßen echte Zustände anerkennen. Die Erfahrungswelt ist in jeweils beiden Zuständen gleichermaßen "authentisch".

Und in genauer Analogie zum Schmetterlingstraum lässt sich auch schließlich erklären, was das "große Erwachen" ist. Zwischen kleinen und großen Erwachen muss man genauso unterscheiden will zwischen Zhuang Zou und Zhuangzi, dem daoistische Heiligen.Zhuang Zou, der vom Schmetterlingstraum erwacht, ist genau wieder Schmetterlingstraum ein Prozesssegment, einer "Wandlungsphase" zugehörig. Das kleine Erwachen ist das Erwachen aus dem "kleinen Traum", es ist der Übergang von einer Phase in die nächste. Innerhalb der jeweiligen Phasen gilt es für jeden, voll und ganz in dieser Phase zu sein und nicht deren Grenzen zu überschreiten. Wenn man wach ist, sondern nur wach sein, wenn man träumt nur träumen; und genauso soll man, wenn man lebt, nur leben, und wenn man tot ist, sondern nur tot sein. Das kleine Erwachen gilt denjenigen, die an der Wandelung teilhaben, denjenigen, die sich im Wandlungskreislauf drehen, den Speichen im Rad. Ihr Erwachen bedeutet, dass sie, wenn sie in einem Zustand sind diesen Zustand voll und ganz akzeptieren sollen und mit diesem zeitweiligen Zustand gewissermaßen vorkommen verschmelzen. Das kleine Erwachen ist die Lehre für den kleinen Mann, der noch nicht Heiliger ist, aber nichtsdestoweniger ganz authentisch in der Welt des Wandels, die den Heiligen umgibt, hinein gehört.

Das große Erwachen ist das Erwachen von Zhuang Zhou und Schmetterling zu Zhuangzi, es ist das "Erwachen" aus dem Kreislauf von Traum und Wachsein, von Tod und Leben zur daoistischen Heiligkeit inmitten von Leben und Tod.

Der daoistische Heilige identifiziert sich, wie die Nabe im Rad, nicht jeweilig mit dem, was ihn umkreist. Die Nabe wird als Mittelpunkt des Geschehens mit dem ganzen Kreislauf identifiziert. Die "Nullperspektive" der Nabe oder die Nullperspektive aus der Zhuangzi die Wandlung von Zhuang Zhou zu Schmetterling und wieder zu einem Zhuang Zhou beschreibt, ist die Perspektive des Heiligen auf den Wandel von Leben und Tod... Es muss gewissermaßen ein Sprung in die Mitte von Leben und Tod erfolgen. Indem sich der daoistische Heilige im Leben weder mit dem Leben noch mit dem Tote identifiziert, identifiziert er sich mit dem Wandlungsprozess als Ganzem und tritt in die Nullperspektive ein.
Er muss die Position der Mitte einnehmen, er muss im Angelpunkt des Dao (dao shu) verweilen...

Der daoistische Heilige, der gross Erwachte, hat sich aller Körperlichkeit und aller Geistigkeit - entzogen und ist in einem Zustand völliger Leere gekommen.

Hans-Georg Möller
Daoismus
Buddhismus - bodhi

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