Richard David Precht
Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Eine philosophische Reise
Goldmann 2007


Precht-Reise300: Niklas Luhmann -Systemtheorie

Luhmanns Anliegen war es herauszufinden, wie die Gesellschaft funktioniert. Einen viel versprechenden Ausgangspunkt für seine Überlegungen fand er dabei in der Systemtheorie von Parsons. Einen andern in der Biologie. Das war nicht ungewöhnlich: schon einer der Begründer der Soziologie, Darwins Zeitgenosse Herbert Spencer, hatte die Soziologie aus der Psychologie abgeleitet und die Psychologie ihrerseits aus der Biologie. Doch über ein solches Modell, das von den einfachen Organismen auf die Gesellschaft als einen großen Gesamtorganismus schließt, schüttelte Luhmann nur den Kopf. Die Entwicklung sozialer Systeme, so meinte Luhmann, ließe sich zwar mit Begriffen der Evolutionstheorie erklären. Aber soziale Systeme waren damit keinesfalls eine besonders komplizierte Form von biologischen Systemen, auch wenn Menschen unzweifelhaft Lebewesen sind. Warum nicht? Weil sozialer Systeme, so Luhmann, nicht aus dem Austausch von Stoff und Energieumsätzen von Lebewesen bestehen, sondern aus dem Austausch von Kommunikation und Sinn.

Kommunikation und Sinn sind aber etwas so grundsätzlich anderes als etwa Proteine, dass es sich für eine Soziologin nicht einmal lohne, über solche biologische Grundlagen allzu viel nachzudenken. Das Menschen Lebewesen, mithin so etwas wie „soziale Tiere“ sind, interessierte Luhmann überhaupt nicht. Von der Biologie zu lernen, bedeutete für ihn etwas ganz anderes.

Seine Anreger waren die chilenischen Hirnforscher Humberto Maturana und dessen Schüler Francisco Varela. Maturana gehört zu den Begründern der "theoretischen Biologie". In den sechziger Jahren beschäftigte sich der Spezialist für Farbenwahrnehmung im Gehirn mit der Frage: Was ist Leben? Er erklärte Leben als ein System, das sich selbst hervorbringt und organisiert. So wie das Gehirn den Stoff selbst erzeugt, mit dem es sich beschäftigt, so hätten Organismen fortwährend damit zu tun, sich am Leben zu erhalten und sich dadurch zu erzeugen. Diesen Prozess nannte Maturana Autopoiese (Selbsterzeugung).
Maturana hatte nicht nur die Selbsterzeugung des Lebens und des Gehirns beschrieben, sondern auch den Begriff Kommunikation neu definiert. Wer kommuniziert, so Maturana, übermittelt nicht einfach eine Information. Vielmehr organisierte er mithilfe seiner wie auch immer beschaffenen Sprache ein System.
Bakterien tauschen sich miteinander aus und bilden so ein ökologisches System. Hirnregionen kommunizieren und erzeugen so ein neuronales System, das Bewusstsein. Sind dann nicht auch soziale Systeme, so dachte Luhmann weiter, ein autopoietisches System, entstanden durch sprachliche (also symbolische) Kommunikation?

Luhmanns Plan war schon lange zuvor gefasst: die genaue Beschreibung der sozialen Systeme eine Gesellschaft auf der Grundlage des Begriffs Kommunikation. In der Idee der Autopoiese fand er einen wichtigen bislang noch fehlenden Baustein. Der Ansatz beim Begriff Kommunikation war eine Revolution. Bislang hatten die Soziologen von Menschen gesprochen, von Normen, von sozialen Rollen, von Institutionen und von Handlungen. Doch bei Luhmannhandel keine Menschen mehr: es geschieht Kommunikation. Und es ist weit gehend egal, wer da kommuniziert. Entscheidend ist nur die Frage: mit welchem Ergebnis? In der menschlichen Gesellschaft tauschen sich keine Stoffe und Energien aus wie bei Bakterien, keine Neuronen wie im Gehirn, sondern Erwartungen. Doch wie werden Erwartungen ausgetauscht? Welche Erwartungen werden erwartet? Und was entsteht daraus? Mit anderen Worten: wie schafft es die Kommunikation, Erwartungen so auszutauschen, dass moderne soziale Systeme entstehen, die tatsächlich weitgehend stabil und unabhängig von anderen Einflüssen funktionieren: Systeme wie die Politik, die Wirtschaft, das Recht, die Wissenschaft, die Religion, die Erziehung, die Kunst oder die Liebe.

Auch die Liebe ist demnach ein soziales System, gebildet aus Erwartungen. Oder noch genauer: aus weit gehend erwarteten und somit festgeschriebenen Erwartungen: aus Codes. Was wir heute unter Liebe verstehen, so Luhmann, ist weniger ein Gefühl als ein Code, ein sehr bürgerlicher Code übrigens, entstanden im späten 18. Jahrhundert. Gemeint ist ein ganzes System von Versprechen und Erwartungen. Wer seine Liebe versichert, verspricht, was er sein Gefühl für zuverlässig hält und dass er für den Geliebten Sorge trägt. Das Bedürfnis nach Liebe entspringt dabei einer bestimmten Art des Selbstverhältnisses. Je weniger der Mensch durch einen festen Rahmen der Gesellschaft bestimmt und an seinen Ort gestellt wird, umso stärker wird sein Bedürfnis danach, sich selbst als etwas besonderes zu fühlen - als ein Individuum. Doch moderne Gesellschaften machen es dem Individuum nicht leicht. Sie zerfallen in lauter einzelner sozialer Systeme, autopoietisches Welten, die nur eine Sorge haben: die Fortsetzung des Systems zu sichern. In Luhmanns Beschreibungen verhalten sich Systeme somit tatsächlich wie Organismen unter den Bedingungen des Darwinismus. Sie bedienen sich aus der Umwelt, um sich selbst zu erhalten. Viel Platz für Individuen bleibt da nicht. Eine einheitliche Identität bildet sich auf diese Weise nur schwer. Was fehlt, ist eine Bestätigung, in deren Spiegel sich der einzelne als etwas Ganzes erfährt, eben als Individuum.

Richard David Precht


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