Carl Gustav Jung
Mysterium Coniunctionis

Gesammelte Werke 14/2
Walter Verlag 1971

JungMysterium228

mundi principium“ - Ursprungsprinzip der Welt

228 VI Die Konjunktion
Wer asuch nur eine geringe Kenntnis der alchemistischen Literatur besitzt, weiss, dass es den Adepten um eine letzthinige Vereinigung der Substanzen ging. Durch diese Verbindung hofften sie, das Ziel des Werkes, nämlich die Herstellung des Goldes oder eines symbolischen Äquivalentes desselben, zu nerreichen. Die Konjunktion ist zweifellos das Urbild dessen, was wir heute als chemische Verbindung bezeichnen.
Es ist aber kaum möglich, eindeutig nachzuweisen, dass der alte Adept so konkret gedacht hat wie der moderne Chemiker. Wenn jener schon von Vereinigung der „Naturen“, oder von einer „Legierung“ von Eisen und Kupfer, oder von einer Verbindung von S und Hg spricht, so meint er damit zugleich ein Symbol: Fe ist Mars und Cu Venus, und damit ist deren Zusammenschmelzung zugleich eine Liebesaffäre. Die Vereinigung der „Naturen“, die sich „umarmen“, ist nicht so sehr physisch und konkret, denn es sind die „naturae coelestes“, die sich „natu Die“ vermehren.

Wenn „rotes Blei“ mit Gold zusammen geröstet wird, entsteht ein „Geist“, d.h. das Zusammengesetzte wird „geistig“, und aus dem „roten Geist“ geht das „mundi principium“ (
Ursprungsprinzip der Welt) hervor.

231
Selbsterkenntnis - cognitio sui ipsus
Die alchemistische Qualifizierung des Anfangs entspricht psychisch einem primitiven Bewusstsein, das beständig in affektive Einzelvorgänge , gewissermassen nach vier Richtungen, aseinanderzufallen droht. Da die vier Elemente die Ganzheit der physischen Welt darstellen, so bedeutet das Auseinanderfallen eine Auflösung in die Konstituentien der Welt, das heisst in einen bloss physischen und mithin unbewussten Zustand. Umgekeht bedeutet die Verbindung der Elemente...ein Produkt bewusster Bemühung.

Das Resultat der Zusammensetzung wird von dem Adept folgerichtig als
Selbsterkenntnis aufgefasst, wie auch Letztere zur Bereitung des Lapis philosophorum neben der Gottes Erkenntnis nötig ist.
Zum Werke bedarf es der pietas, welche nichts anderes als die
cognitio sui ipsus, die Selbsterkenntnis, darstellt. Dieser Gedanke eignet nicht etwa nur der späteren Alchemie, sondern deutet sich schon in der griechischen Tradition an,… wo gesagt wird, dass eine vollständige Erkenntnis der Seele denn Adepten befähige, die vielen verschiedenen Namen, welche die Philosophen der Arkansubstanz gegeben haben, zu verstehen… Es ist daraus klar ersichtlich, dass die chemische Prozedur der coniunctio zugleich auch eine seelische Synthese darstellt, wobei es bald den Anschein hat, als ob die Selbsterkenntnis die Vereinigung bewirke, bald als ob der chemische Vorgang die causa efficiens wäre.

233 Der Mercurius ist nun allerdings nicht nur das medium coniugendi, sondern zugleich auch das zu Vereinigende, indem er nämlich die Essenz oder die „materia seminalis“ des Männlichen sowohl wie des Weiblichen bildet. Der Mercurius masculinus und der Mercurius foemineus werden in und durch den Mercurius menstrualis (die „aqua“) verbunden.
In seiner „Physica Trismegisti“ gibt Dorneus (Gerhard Dorn) hie für die philosophische Erklärung:

Am Anfang schuf Gott eine Welt. Diese teilte er in die Zweizahl, nämlich in Himmel und Erde. Darin ist ein Drittes und Mittleres, nämlich die ursprüngliche Einheit, verborgen, welche an beiden extremen teilhat. Diese können ohne das Dritte und Letzteres ohne die Ersteren nicht sein. Dieses dritte ist die ursprüngliche Einheit der Welt, das „vinculum sacrati matrimonii“ (Band der geheiligten Ehe). Die Zweiteilung aber war notwendig, um die „eine“ Welt aus dem Zustand der Potentialität in die Wirklichkeit überzuführen. Die Wirklichkeit besteht aus einer Vielzahl von Dingen. Eins ist aber noch keine Zahl. Zwei ist die erste Zahl, mit der die Vielheit und damit die Wirklichkeit beginnt.

Dorneus: Über jener geistigen und physischen Zweiheit war etwas Drittes verborgen, welches das Band der geheiligten Ehe ist. Das ist das Mittlere, das bisher in allem weiterdauert, an seinen beiden Extremen teilhabend. Ohne dfiese kann weder es selbst, das Mittlere, noch können sie, die Extreme, das sein, was sie sing: aqus dreien eines.

234
unus mundus
Aus dieser Erklärung geht nun hervor, dass der verzweifelt evasive und universale Mercurius, jener in tausend Gestalten und in allen Farben schillernde Proteus, nichts anderes ist als der „
unus mundus“, die ursprüngliche, in sich unterschiedlose Einheit der Welt oder des Seins,… die uranfängliche Unbewusstheit.

235 Die Erklärung des Dorneus ist in der Tat insofern erleuchtend, als sie uns einen tiefen Einblick in das mysterium coniunctionis der Alchemisten gewährt. Wenn es sich um nichts geringeres handelt als um die Wiederherstellung des kosmischen Urzustandes und des göttlichen Unbewusstseins der Welt, dann begreift man die ungemeine Faszination, die von diesem Geheimnis ausging: ist es doch die westliche Entsprechung zu den Grundprinzipien der klassischen chinesischen Philosophie, nämlich der Vereinigung von yang und yin im Tao, und zugleich die ahnungsvolle Antizipation jenes „tertium quid“, dass ich aufgrund der psychologischen Erfahrung…als
Synchronizität bezeichnet habe.

236 Der Kausalität unserer wissenschaftlichen Weltanschauung löst alles in Einzelvorgänge auf, welche er sorgsam von allen anderen parallelen Vorgängen zu sondern trachtet. Diese Tendenz ist zwar in Hinsicht zuverlässiger Erkenntnis unbedingt nötig, hat aber in weltanschaulicher Hinsicht den Nachteil, den universalen Zusammenhang der Ereignisse zu lockern, bzw. unsichtbar zu machen, wodurch die Erkenntnis der grossen Zusammenhänge, das heisst der Einheit der Welt, zunehmend verhindert wird. Alles aber, was geschieht, ereignet sich in der selben einen Welt und gehört zu ihr. Aus diesem Grunde müssen die Ereignisse einen apriorischen Einheitsaspekt besitzen, welcher aber mit der statistischen Methode kaum festzustellen ist….
Die Unabhängigkeit von Zeit und Raum bewirkt phänomenologisch ein Zusammentreffen, bzw. eine sinngemässe Koinzidenz, distanter und kausal zusammenhangsloser Ereignisse….Letzteres weist auf einen Zusammenhang bzw. auf eine Einheit kausal nicht verbundener Ereignisse hin und stellt somit einen Einheitsaspekt des Seins dar, welche man wohl als den „unus mundus“ bezeichnen kann.

237
balsamum
Das balsamum, das „höher als die Natur steht“, finde sich, meint Dorneus, auch im menschlichen Körper und sei einer ätherische Substanz ähnlich. Es erhalte und sichere die Fortdauer der elementaren Teile des lebenden Körpers und sei das beste Heilmittel nicht nur für den Körper, sondern auch für den Geist (mens). Es sei zwar von körperhafte Substanz, aber als eine Vereinigung des Geistes (spiritus) und der Seele (anima) des spagirischen Heilmittels wesentlich geistig (spiritalis). In der Überwindung des Körpers durch die „unio mentalis“ bestehe das Wesen der „meditativa Philosophia“. Aber diese rein geistige „unio“ mache noch keinen Weisen, sondern erst die Verbindung des Geistes (mens) mit dem Körper erweise einen Philosophen, der die völlige Vereinigung mit dem unus mundus, der latenten Einheit der Welt, erhoffen und erwarten könne. Gott habe es beabsichtigt, dass wir uns zu diesem Ziel hin entwickeln, und dass er einer sei in allen.

Dorneus: „unio vero mentis cum corpore secunda, sophum exhibet, completam illam et beatam unionem tertiam cum unitate prima sperantem et expectantem.“

Ich komme zum Schluss, dass die meditative Philosophie in der Überwindung des Körpers durch die unio mentalis (Vereinigung von Geist und Seele) bestehe. Aber diese Erstere Einigung macht noch keinen Weisen, sondern nur einen geistigen Schüler der Weisheit. Erst die zweite Vereinigung des (geeinten) Geistes mit dem Körper, macht den Weisen, der auf jene völlige und selige dritte Einswerdung mit der ursprünglichen Einheit hoffen und sie erwarten darf.“

238 Die Alchemisten haben darum die unio mentalis durch Vater und Sohn und deren Verbindung durch die Taube (die dem Vater und dem Sohne gemeinsame spiratio), die Körperwelt dagegen durch das Weibliche oder patiens, nämlich Maria, dargestellt. Sie haben damit auf ihre Weise, durch mehr als ein Jahrtausend hindurch, dem Dogma der Assumptio vorgearbeitet. Aus dem Dogma und dessen Begründung sind allerdings die weit reichenden Implikationen einer Vermählung des väterlichen Geistprinzips mit dem „materiellen“, d.h. mit der mütterlichen Leibhaftigkeit, nicht ohne weiteres ersichtlich.

Es wird aber durch das Dogma ein Abgrund überbrückt, der unauslotbar tief erscheint, nämlich die unvereinbar erscheinende Trennung von Geist und Natur bzw. Körper. Auf die Hinter- und Untergründe desselben fällt von der Alchemie her ein helles Licht: der neue Glaubenssatz spricht in symbolischer Form genau das aus, was die Adepten als das Geheimnis ihrer coniunctio erkannt hatten.

Boe: jai – Bateson necessary unity – Bohm Thought = System

242 Stufen der Konjunktion
Die Idee der Konjunktion stellt ein anderes Beispiel für die allmähliche Entwicklung eines Gedankens im Laufe der Jahrtausende dar. Seine Geschichte verläuft in zwei voneinander grossenteils unabhängigen Strömungen, wovon die eine der Theologie, die andere der Alchemie zu gehört. Während Letztere seit etwa zweihundert Jahren bis auf geringe Reste erloschen ist, hat Erstere im Assumptionsdogma eine neue Blüte getrieben, woraus man ersehen kann das der Entwicklungsfluss noch keineswegs zum Stillstand gekommen ist.
Zwar hat die Differenzierung der beiden Zweige den Rahmen des archetypischen Hierosgamos noch nicht überschritten, d.h. die coniunctio ist immer noch als eine Vereinigung eines Mutter- Sohn- oder Schwester-Bruder-Paares dargestellt.
Es muss allerdings sogleich erwähnt werden, dass im 16. Jahrhundert schon Gerardus Dorneus den psychologischen Aspekt der
chymischen Hochzeit erkannt und deutlich als das verstanden hat, was wir heute als Individuationsprozess auffassen.

Meines Erachtens bedeutet dieser Versuch einen Schritt über jene Grenze hinaus, welche durch die archetypische Symbolik in der Kirchenlehre sowohl wie in der Alchemie der Auffassung gezogen ist. Auch scheint mir die Auffassung bei Dorneus als einen zweifacher Hinsicht logisches Verständnis; einmal weil der Unterschied zwischen der chemischen Operation und dem damit verbundenen psychischen Geschehen einem aufmerksamen und kritischen Beobachter auf die Dauer unmöglich verborgen bleiben konnte, und sodann, weil die Hochzeitssymbolik offenkundig den alchemistischen Denker insofern nie ganz befriedigt hat, als er sich immer wieder veranlasst fühlte, neben den verschiedenen Varianten des Hierosgamos noch andere „vereinigende Symbole“ zu benützen, um die schwer fassbare Natur seines Mysteriums auszudrücken.

So finden wir die Konjunktion auch dargestellt durch den Drachen, der das Weib im Grabe umschlingt oder durch zwei sich bekämpfende Tiere oder durch den König, der sich im Wasser auflöst und anderes mehr. Ähnlich ist auch in der chinesischen Philosophie mit dem männlichen der Sinn des yang keineswegs erschöpft; es bedeutet ebenso wohl das trockene, helle und die Südseite des Berges. Gleicherweise entspricht dem weiblichen yin das feuchte, dunkle und die Nordseite des Berges.

243 Obwohl also die esoterische Symbolik der coniunctio einen hervorragenden Platz einnimmt, stellt sie keineswegs den Gesamtaspekt des Mysteriums dar. Neben ihr kommen in bedeutendem Masse die Tod- und Grabsymbolik und nicht zuletzt auch das Kampfmotiv in Betracht. Offenbar waren sehr verschiedene, ja gegensätzliche Symbolismus nötig, um das paradoxe Wesen der Konjunktionsidee umfassend zu beschreiben. Wo immer ein ähnlicher Sachverhalt vorliegt, kann man mit Sicherheit darauf schliessen, dass keines der verwendeten Symbole genügt, um das Ganze auszudrücken…

Dorneus hat diesen Versuch mit den Mitteln, die der damaligen Zeit zur Verfügung standen, gewagt. Er konnte dies umso eher tun, als die damals noch geltende Idee der correspondetia seinem Versuch zu Hilfe kam. Es bedeutet für jene Zeit keine denkerische Schwierigkeit, eine veritas anzunehmen, welche in Gott, im Menschen und im Stoffe die gleiche ist. Unterstützt von dieser Idee konnte er ohne weiteres einsehen dass die Versöhnung der feindlichen Elemente und die Vereinigung der alchymischen Gegensätze überhaupt eine Entsprechung zur unio mentalis bildeten, die im Geiste des Menschen sich gleichzeitig vollzog, und nicht nur im Menschen, sondern auch in der Gottheit („ut ipse Deus sit in omnibus unus“).


243
Selbst
Als das Wesen, in welchem die Vereinigung stattfand, erkannte Dorneus schon recht deutlich jede Instanz, die ich von der Psychologie her als das Selbst bezeichnet habe. Die unio mentalis, das innere Einswerden, dass wir heutzutage als Individuation bezeichnen, dachte sich Dorneus als eine psychische Ausgleichung der Gegensätze in „superatione corporis“, also eine Art von aequanimitas jenseits der körperbedingten Affektivität und Triebhaftigkeit.

Dorneus: „
Mens igitur bene dictur esse composita, quoties animus cum anima tali vinculo iunctus est, ut corporis appetitus et cordis affectus frenare valeat - Und der Geist heisst dann richtig zusammengesetzt, wenn die Gesinnung mit der Seele so verbunden ist, dass sie die Begehren des Körpers und die Affekte des Herzens zu zügeln vermag.

Den Geist (animus), der sich in der unio mentalis mit der Seele (anima) einen soll,, nennt er ein „spiraculum vitae“ (wörtlich: ein Luftloch des ewigen Lebens), also eine Art Fenster in die Ewigkeit, während die Seele ein Organ des Geistes darstellt, wie seinerseits der Körper ihr Werkzeug ist. Sie steht zwischen Gut und Böse und hat die freie Wahl (optionem) beider.

245 Die Alchemisten haben mit Recht die „unio mentalis in superatione corporis“ nur als die erste Stufe der Konjunktion bzw. Individuation aufgefasst…Insgesamt haben die Alchemisten (symbolisch) eine totale Gegensatzvereinigung angestrebt und für die Heilung aller Übel als unumgänglich erachtet. Darum forderten sie nicht nur, sondern suchten auch Mittel und Wege ausfindig zu machen wie man jenes Wesen, das alle Gegensätze in sich vereinigt, herstellen könnte. Es muss der geistig sowohl wie stofflich, Lebens sowohl wie unbeliebt, männlich wie weiblich, alt wie jung und (vermutlich) moralisch neutral sein.

Als der Zweite Schritt auf dem Wege zur Erzeugung dieses Wesens wurde die Wiedervereinigung der geistigen Position mit der Körpersphäre verstanden. Für diese Prozedur kennt die Alchemie viele Symbole. Eines der Hauptsymbole ist die „chymische Hochzeit“, welche sich in der Retorte vollzog.

Die ältere Alchemie war sich der psychologischen Implikation ihres Opus noch dermassen unbewusst, dass sie ihre eigenen Symbole als blosse Allegorien oder gar semiotisch als Geheimsnamen für chemische Verbindungen verstand, wobei sie die reichlich verwendete Mythologie ihres eigentlichen Sinnes entleerter und als blosse Terminologie benutzte.
Schon mit dem 14. Jahrhundert begann die Einsicht zu dämmern, dass der lapis mehr als eine bloss chemisch Verbindung bedeutete. Gerardus Dorneus ist aber wohl der erste, der die psychologische Implikation als solche erkannte, soviel ihm dies mit den intellektuellen Mitteln seinerzeit überhaupt möglich war. Im Individuum nämlich liegt die nur wenigen bekannte „substamtia caelestis naturae“, das „medicamentum incorruptum“, welches „aus seinen Fesseln befreit werden kann“, und zwar durch das, „was ihm ähnlich und nicht entgegengesetzt“ ist.

249 Die zweite Stufe der coniunctio bestehe darin, sagt Dorneus, dass die unio mentalis wieder mit dem Körper vereinigt werde. Dieser Schritt scheint von besonderer Bedeutung zu sein, weil erst von hier aus die vollendete coniunctio erreicht werden könne, nämlich die Vereinigung mit dem „unus mundus“.

Die Wiederverbindung der geistigen Position mit dem Körper will offenbar besagen, dass die gewonnene Erkenntnis wirklich werden solle. Eine Erkenntnis kann ja ebenso gut suspendiert bleiben, indem sie einfach nicht angewendet wird. Die zweite Stufe der coniunctio besteht aber in der Verwirklichung des Menschen, der über seine paradoxe Ganzheit annähernd Bescheid weiss.

Die grosse Schwierigkeit besteht in der Tatsache, dass man nicht weiss, wie das paradoxe Ganzheitsbild des Menschen sich je verwirklichen liesse. Das ist die crux der Individuation, die allerdings nur dann vorhanden ist, wenn der Ausweg des „wissenschaftlichen“ und anderweitigen Zynismus nicht beschritten wurde. Weil die Verwirklichung der bewusst gewordenen Ganzheit ein anscheinend unlösbares Problem bildet und die moderne Psychologie vor Fragen stellt, an deren Beantwortung sie nur mit Zögern und Unsicherheit herantritt, so ist es wohl von höchstem Interesse zu sehen, wie das unbeschwerte symbolische Denken eines mittelalterlichen Philosophen diese Aufgabe zu lösen versucht.

250 Die Herstellung der Quintessenz
Das Argument des Dorneus bewegt sich zum grossen Teil in der Sphäre der Symbole und wandelt mit beschwingten Sohlen auf Wolken. Das hindert aber nicht, dass seine Symbole auf einen hintergründigen Sinn hindeuten, der unsere Psychologie als mehr oder weniger fassbar erscheint. So weiss er, dass auch der Weise die Gegensätze nicht versöhnen könnte, wenn ihm nicht eine „gewisse himmlische Substanz, die im menschlichen Körper verborgen liegt“, zu Hilfe käme, nämlich das balsamum,quinta essentia, das vinum philosophicum , ein „Vermögen und eine himmlische Kraft“,die „Wahrheit“ schlechthin. Sie ist das Allheilmittel.

Diese Wahrheit ist allerdings insofern nur indirekt im Körper verborgen, als sie in Wirklichkeit in der der Menschen aufgeprägten imago Dei besteht. Diese ist in Wahrheit die quinta essentia und die virtus des philosophischen Weins.

260 Dies ist der „
Himmel“. Dieser „Himmel“ stellt ihm die substantia caelestis, die im Menschen verborgen liegt, dar, die geheime veritas, die „summa virtus“.

268 Die Herstellung des „Himmels“ ist ein symbolischer Ritus, der im Laboratorium vorgenommen wird. Er soll in Gestalt eines Stoffes jene veritas, substantia caelestis, jenes balsamum oder Lebensprinzip, welches mit der imago Dei identisch ist, hervorbringen.

Aktive Imagination
Psychologisch bedeutet dies nichts anderes als eine Veranschaulichung des Individuationsprozesses mittels chemischer Substanzen und Prozeduren, also das, was wir heute als
Aktive Imagination bezeichnen. Diese stellt sozusagen eine Methode dar, die spontan von der Natur selber verwendet oder durch Instruktion von seiten des Arztes dem Patienten beigebracht wird. In der Regel entsteht sie und ist indiziert, wenn die Auflösung (Analyse!) die Gegensätze in solchem Masse konstituiert hat, dass eine Vereinigung oder Zusammensetzung (Synthese!) Der Persönlichkeit zur gebieterischen Notwendigkeit wird.

269 Der Konflikt verlangt eine wirkliche Lösungen und fordert ein Drittes, in welchem sich die Gegensätze einigen können. Hier pflegt der Intellekt mit seiner Logik zu versagen, denn in einem logischen Gegensatz gibt es kein Drittes. Das lösende kann nur irrationaler Art sein.

Der Ausgleich von Gegensätzen ist in der Natur stehts ein Prozess, d.h. ein energetischer Vorgang: es wird symbolisch in des Wortes eigentlicher Bedeutung gehandelt. Man tut nämlich das, was beide Seiten ausdrückt, so wie ein Wasserfall Oben und Unten veranschaulicht und vermittelt. Der Wasserfall ist in diesem Fall das inkommensurable Dritte.

Im Zustand des offenen und unentschiedenen Konfliktes treten Träume und Fantasien auf, welche, wie der Wasserfall, die Spannung und die Art der Gegensätze veranschaulichen, womit sie die Synthese einleiten und in Gang bringen. Dieser Prozess kann, wie gesagt, spontan eintreten oder durch Kunst Hilfe veranlasst werden in Letzterem Fall wählt man zweckmässigerweise einen Traum oder ein sonstiges Fantasiebild und konzentriert sich darauf, indem man es einfach festhält und anschaut. Man kann auch eine affektive Verstimmung als Ausgangspunkt benutzen.

Boe: Tertium semper datur - Weisheit der Unsicherheit

270 Man träumt mit offenen Augen. Was auf der Bühne dargestellt wird, ist immer noch Hintergrundvorgang, der den Beobachter eigentlich nichts angeht, und je weniger er davon berührt ist, desto geringer ist auch die kathartische Wirkung dieses Privattheater. Das Stück, das gespielt wird, will nicht bloss unbeteiligt betrachtet werden, sondern zur Teilnahme überreden. Wenn der Beobachter versteht, dass auf dieser inneren Bühne sein eigenes Drama aufgeführt wird, dann können ihm die Peripetie und die Lysis nicht gleichgültig bleiben…Er fühlt sich deshalb gedrängt selber sich in das Schauspiel zu Mengen und aus dem anfänglichen Theaterstück eine wirkliche Auseinandersetzung mit seinem eigenen gegenüber zu machen. Nichts bleibt ja in uns ganz unwidersprochen, und es gibt keine Position des Bewusstseins, die nicht irgendwo in den dunkeln Winkeln der Seele eine Negation oder eine kompensatorische Ergänzung, eine verstärkende Bestimmung oder ein Ressentiment hervorruft. Die Auseinandersetzung mit dem andern in uns lohnt sich, denn auf diese Weise lernt man Seiten seines Wesens kennen, die man sich nie von einem andern hätte zeigen lassen und die man sich selber nie zugegeben hätte.

271 Die Selbsterkenntnis - Meditation
In der Sprache der hermetischen Philosophen ausgedrückt, entspricht die Auseinandersetzung des Bewusstseins (der Ich-Persönlichkeit) mit dessen Hintergrund, dem so genannten Schatten, der Vereinigung von Geist und Seele in der unio mentalis, welche den ersten Grad der coniunktio darstellt. Was ich als Auseinandersetzung mit dem Unbewussten bezeichne, bedeutet für den Alchemisten die „Meditation“ – „Man spricht von Meditation, wenn eine mit irgendeinem anderen, der aber unsichtbar ist, innere Zwiesprache hält, etwa wie mit Gott, den er anruft, oder mit sich selber oder mit seinem eigenen guten Engel“.

Um den zweiten Grad, nämlich die Vereinigung der unio mentalis ihrerseits mit dem Körper psychologisch zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, wie jener psychische Zustand, der sich aus einer annähernd vollständigen Erkenntnis des Schattens ergibt, aussieht.
Der Schatten steht bekanntlich meist in prinzipiellen Gegensatz zur bewussten Persönlichkeit.

Dieser Gegensatz ist die Voraussetzung für jenes Gefälle, aus dem die psychische Energie hervorgeht. Ohne dieses würde die nötige Spannung fehlen. Wo eine beträchtliche psychische Energie am Werke ist, darf man darum nicht nur, sondern muss auch eine entsprechende Spannung und innere Gegensätzlichkeit erwarten. Die Gegensätze sind notwendigerweise charakterologischer Natur….

Die extreme Gegensätzlichkeit des Schattens im Verhältnis zum Bewusstsein wird gemildert und vermittelt durch die komplementäreren und kompensatorischen Vorgänge im unbewussten.
Aus dem Zusammenstoss dieser mit dem Bewusstsein entstehen schliesslich die vereinigenden Symbole.

Die Konfrontierung mit dem Schatten verursacht zunächst ein totes Gleichgewicht, einen Stillstand, der moralische Entscheidungen verhindert und Überzeugungen unwirksam macht bzw. verunmöglicht.

272 Alles wird zweifelhaft, weshalb die Alchemisten diesen Anfangszustand passenderweise als
nigredo, tenebrositas, Chaos und melancholia bezeichnet haben. Mit Recht nimmt hier das magnum opus seinen Anfang, denn es ist wirklich eine fast unbeantwortete bare Frage, wie man in diesem Zustand der Gespaltenheit und Zerrissenheit der Wirklichkeit gegenüber treten soll.

297 Selbsterkenntnis ist kein isolierter Prozess, sondern nur möglich, wenn auch zugleich die Wirklichkeit der umgebenden Aussenwelt erkannt wird. Niemand kann sich selber erkennen und von seinem Leben Menschen unterscheiden, wenn er von diesem einen stellte Bild hat wie auch niemand den andern verstehen kann, wenn er zu sich selber keine Beziehung hat.

298 Selbsterkenntnis ist ein Abenteuer das in unerwartete Weiten und Tiefen führt. Allein schon eine einigermassen umfassende Kenntnis des Schattens kann genügen, um eine erhebliche Verwirrung und Verdunkelung auszulösen, denn sie erzeugt eine Persönlichkeitsproblematik, an die man zuvor meist nicht im entferntesten gedacht hat. Man kann schon daraus verstehen, warum die Alchemisten ihre nigredo als „melancholia“,“
afflictio animae“, „confusio“ oder, noch anzügliche, als „schwarzen Raben“ bezeichnet haben. Dem mittelalterlichen Adepten war er eine bekannte allegoria diaboli.

304 Die alchemistische Operation erscheint uns als das Äquivalent eines psychologischen Verfahrens, nämlich der Aktiven Imagination.

Boe: I Ging

306 Das Licht, das einem allmählich aufgeht, besteht nämlich darin, dass man seine Fantasie als einen wirklichen psychischen Vorgang versteht, der einem selber zustösst. Obschon man gewissermassen von aussen und unbeteiligt zuschaut, ist man auch selber handelnde und erleiden der Figur im Drama der Seele. Diese Erkenntnis bedeutet einen ebenso wichtigen wie unerlässlichen Fortschritt. Solange man nämlich nur Fantasiebilder anschaut, ist man wieder törichte Parzival, der zu Fragen vergisst, weil man nämlich sein eigenes Beteiligtsein nicht wahrnimmt.

311
Die Dritte Stufe der Konjunktion: der unus mundus
Die Herstellung des lapis ist das Endziel der Alchemie im allgemeinen. Dorneus aber bildet eine bedeutsame Ausnahme. Für ihn ist damit erst der zweite Grad der coniunctio vollendet. Hierin stimmt er durchaus mit der psychologischen Erfahrung überein. Für diese nämlich bedeutet die effektive und anschauliche Gestaltung der Idee des Selbst einen blossen rite d‘entrée, eine sozusagen propädeutische Handlung und blosse Antizipation der Verwirklichung.

Das Vorhandensein einer gewissen inneren Sicherheit beweist noch keineswegs die Stabilität des erreichten gegenüber den störenden oder gar feindlichen Einflüssen der Umwelt. Der Adept musste erleben, wie immer wieder entweder durch Ungunst der äusseren Umstände oder durch technische Fehler oder durch dämonische Zwischenfälle - wie es ihm schien - die Vollendung seines Opus verhindert wurde.

Wer immer in der heutigen Zeit auf analogem psychischem Wege versuchen wollte, seine Sicherheit in der Wirklichkeit zu erproben, würde ähnliche Erfahrungen machen. Mehr als einmal wird das, was er sich geschaffen, beim Zusammenstoss mit der Welt in die Brüche gehen, und er darf es sich nicht verdriessen lassen, immer wieder aufs Neue zu untersuchen, wo seine Einstellung noch Lücken hat und welches die blinden Flecken in seinem seelischen Gesichtsfeld sind. Wie niemals ein lapis philosophorum mit seinen Wunderkräften hergestellt wurde, so wird auch nie eine psychische Ganzheit empirisch erreicht, denn das Bewusstsein ist viel zu eng und zu einseitig, um das vollständige Inventar der Seele zu umfassen.

322 Das Selbst und die erkenntnistheoretische Beschränkung
Wie ich schon mehrfach ausgeführt habe, beschreiben die Aussagen über den lapis, wenn psychologisch betrachtet, den
Archetypus des Selbst. Die Phänomenologie desselben ist durch die Mandala Symbolik dargestellt. Diese beschreibt das Selbst als ein konzentrisches Gebilde, öfters in der Form der Zirkelquadratur…. Das Gebilde wird durchgehend durch die Darstellung eines zentralen Zustandes oder eines Zentrums der Persönlichkeit, das vom Ich wesentlich verschieden ist, empfunden.






Alle diese Aspekte lassen sich schon in der Alchemie konstatieren, nur mit dem Unterschied, dass sie dort als in den Stoff projiziert erscheinen, während sie hier als psychische Symbole verstanden sind.

Das archanum chymicum hat sich also in ein psychisches Ereignis umgewandelt, ohne etwas von seiner ursprünglichen Numinosität eingebüsst zu haben. Wenn wir uns nun daran erinnern, in welchem Masse sich die Seele Ferment schlecht respektive verwirklicht hat, so können wir ermessen, wie sehr sie heute auch zugleich den Körper, mit dem sie koexistent ist, ausdrückt.

Es liegt darin eine coniunctio zweiten Grades vor, von der der Alchemist höchstens träumen, aber nichts bewusst machen konnte. Insofern bedeutet die Wandlung ins Psychologische einen beträchtlichen Fortschritt; aber allerdings nur dann, wenn das erlebte Zentrum sich auch als spiritus rektor des täglichen Lebens erweist.

Boe: Alltagstauglichkeit

334 Heutzutage sind wir in der Lage zu sehen, wie sehr die Alchemie der Psychologie des Unbewussten vorgearbeitet hat, indem sie einerseits unabsichtlich durch die auf Häufung ihrer Symbolik ein für moderne Symbol Bedeutung ungemein wertvolles Anschauungsmaterial hinterlassen, andererseits durch ihre absichtlichen synthetischen Bemühungen symbolische Prozeduren, die wir in den Träumen unserer Patienten wieder entdecken, angedeutet hat wir können heute sehen, wie der gesamte Alchemisten Gegensatz Prozess ebenso gut den Individuationsweg eines einzelnen Individuums darstellen kann, mit dem nicht zu übersehenden Unterschied allerdings, dass kein einziges Individuum jemals die Fülle und den Umfang der Alchemisten Symbolik erreicht.

Boe: homo – die Zwischenwelt (tien – Mensch – kun) – Grenzgebiet – potential being (Pauli/Jung)

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