Luhmann - Glossar

 



Kommunikation:
Von der Operation her gesehen, ist die Einheit von Leben in einem strengen Sinne garantiert. Die Voraussetzung besteht darin, dass die Operation systembildend wirkt. Leben muss weiterleben, an Leben muss Leben anschließen, man darf nicht mit der Geburt schon gleich wieder sterben. Zusatzerfindungen wie Bisexualität (Zweigeschlechtlichkeit), das Zentralnervensystem und anderes setzen diese Operationsweise voraus. Das heißt im Übrigen - und das ist ein Punkt, auf den ich zurückkommen werde -, dass mit dem Begriff Autopoiesis so gut wie nichts erklärt wird, außer eben dieses Starten mit Selbstreferenz: eine Operation mit Anschlussfähigkeit.
Diese Gedanken kann man auf soziale Systeme übertragen, wenn es gelingt, die Operation zu identifizieren, die diese Voraussetzung erfüllt: Es darf sich nur um eine Operation handeln, es ist immer dieselbe und sie ist anschlussfähig. Sie ist also das, was entweder aufhört oder mit derselben Operation weitergeht. Ich denke, dass wir hier keine großen Wahlmöglichkeiten haben. Eigentlich bietet sich nur Kommunikation als der Typ von Operation an, der diese Voraussetzung erfüllt: Ein Sozialsystem entsteht, wenn sich Kommunikation aus Kommunikation entwickelt. luhmann_system72

Kommunikation als selbstbeobachtende Operation

Theoriefestlegungen, dass das System völlig von der Operation her produziert und dann auch in der Beobachtung so definiert wird. Wir haben eine Operation als den Systemproduzenten, wir müssen die Theorie so einstellen, dass sie auf diese Operation bezogen wird, und das heißt, dass Systemtheorie und Kommunikationstheorie zusammengedacht werden müssen. Denn diese Operation, das hatte ich bereits gesagt, ist die Kommunikation.

Vorverständnis von Kommunikation: im Allgemeinen werden Sie - und wenn man nachliest, findet man das auch in der Literatur - Kommunikation als einen Übertragungsvorgang denken. Sie selbst sind ein Autor oder ein Empfänger einer Kommunikation, und der andere, der Partner, übernimmt die Mitteilung, die Nachricht, die Information, wie immer man das formulieren will. Erst ist sie hier, dann ist sie dort, und Sie sind aktiv oder passiv daran beteiligt. Das war auch in der kybernetischen Literatur der 50erjahre eine unbefragte Voraussetzung.

Inzwischen gibt es Kritik an diesem Übertragungsmodell, aber relativ versteckt. Maturana zum Beispiel will ganz eindeutig Kommunikation oder Sprachbenutzung, wie es bei ihm heißt, nicht als Übertragungsvorgang verstanden wissen, sondern als eine Superkoordination der Koordination von Organismen.

Wenn es also nicht Ubertragung ist, was ist es dann? Die Vorstellung, die ich jetzt skizzieren möchte und die im Buch Soziale Systeme ausführlicher behandelt wird, benutzt eine Einteilung, die antike Wurzeln hat, jedenfalls in der Stoa bereits vorhanden war und in der neueren Diskussion vor allem durch die Sprachtheorie von Karl Bühler Anfang der 30er Sprachfunktionen, also nicht von unterschiedlichen Akten, sondern davon, dass die Sprache es leisten muss, Mitteilungsmöglichkeiten anzubieten, Information zu fixieren und Ubertragungseffekte, pragmatische Effekte oder Verstehenseffekte vorzusehen.

Wenn wir die Fragestellung auf das Problem zuschneiden, was eine Kommunikation ist, was ihr unit act ist, worin die elementare Einheit eines Systems besteht, dann kann man diese Unterscheidung von Information, Mitteilung und Verstehen benutzen, allerdings in der Form von Komponenten einer Einheit. Das würde die These implizieren, dass eine Kommunikation nur dann zustande kommt, wenn diese Einheit aus Mitteilung, Information und Verstehen zustande kommt.

Wenn Sie wissen wollen, was an Information, welche Vorgaben und Vorwegeinschränkungen des Auswahlhorizontes relevant sind, dann müssen
Sie das System beobachten, in dem das wirkungsvoll passiert. Und wenn Sie ein anderes System haben, haben Sie andere Informationen. Das passt zu der These der operativen Schliessung, zu Autopoiesis in dem Sinne, dass man sagt, Information sei immer ein systeminterner Vorgang, ein Aspekt einer systeminternen Operation.

Dasselbe würde dann, da braucht man nicht so viele Argumente, auch für Mitteilung gelten, denn ohne Mitteilung kommt keine Information zustande, ohne Mitteilung kommt auch kein Verstehen zustande. Es muss also jemand die Kopplung zur Information herstellen und dabei beobachtbar sein. Ich glaube, das brauche ich jetzt nicht weiter auszuführen, denn wahrscheinlich hat sich noch niemand eine Kommunikation ohne Mitteilung vorstellen können, wenn man konzediert, dass es sich dabei auch um unabsichtliche Mitteilungen handeln kann und dass die Konstruktion von Absichten für bestimmte Zwecke nötig, aber normalerweise nicht nötig ist.

Dann die dritte Komponente, Verstehen. Auch hier ist von vornherein evident, dass man nur etwas verstehen kann, was gesagt worden ist, dass also das Verstehen nicht etwas ist, das herausgelöst aus der Kommunikation begriffen werden kann. Das kann man natürlich ändern, wenn man einen hermeneutischen Begriff von Verstehen hat und damit aus dem Bereich der für Kommunikation verwendeten Texten ausschert und die Welt als ein Verstehensproblem oder was immer behandeln will. Der Hermeneutiker tendiert dazu, mit dem Textbegriff zu starten, dann aber den Textbegriff über den Bereich des für Kommunikation Gebrauchten hinaus auszuweiten, und entsprechend hat man dann einen anderen Verstehensbegriff. Mindestens seit Schleiermacher hat man es hier mit einer engen Kopplung an psychisches Verstehen zu tun. Wenn man verstehen will, warum jemand so handelt, wie er handelt, braucht man nicht unbedingt Kommunikation und ist auch nicht unbedingt auf Kommunikation angewiesen. Man braucht Kenntnisse und muss das, was man beobachtet, ein Verhalten etwa, zurückrechnen können auf den internen Horizont des anderen, auf das, was er oder sie damit gemeint haben wollte und warum er oder sie das so sieht und nicht anders.

Der Verstehensbegriff ist in anderen wissenschaftlichen Kontexten ausweitbar, aber wenn wir für unsere Zwecke einer Kommunikationstheorie von Verstehen sprechen, ist immer eine Komponente gemeint, ohne die die Kommunikation nicht abgeschlossen werden kann und die zur Realisation, zur Aktualisierung von Kommunikation beiträgt. Hier ist ebenso wie bei dem Begriff der Information kein Außenzustand gemeint, also nicht der psychische Zustand des Verstehenden selbst, sondern eine Bedingung dafür, dass die Kommunikation weitergeht. Das heißt, dass man Verstehen und Nichtverstehen unterscheiden muss. Wenn jemand nicht versteht, was gesagt wurde, also zum Beispiel die Sprache nicht kann, läuft die Kommunikation nicht weiter oder auf ganz elementaren Grundlagen. Man versucht es mit Englisch, das geht auch nicht, dann versucht man es mit Körperzeichen, und irgendwie versteht man, dass man nicht versteht, und dann kann es immer noch ziemlich lange . weitergehen, wenn es gelingt, die Kommunikation auf andere Ebenen zu übertragen. Typischerweise jedoch ist das Nichtverstehen der Anlass zur Rückfrage und zur Klärung innerhalb des Kommunikationsprozesses, wird also in die Kommunikation selbst wieder eingespeist. Wenn jemand zu leise gesprochen hat und man gehört hat, dass er etwas sagen wollte, aber nicht deutlich verstanden hat, . was er sagen wollte, dann fragt man nach, und dann kann das korrigierbar sein.


Die zentrale Frage, nachdem wir diese drei Komponenten durchgegangen sind, ist, wie die Einheit der Operation konstituiert wird beziehungsweise was die Kommunikation zu einer Einheit macht. Es müssen ja nicht bloß Information, Mitteilung, Verstehen vorkommen, sondern es muss etwas passieren, das eine Synthese leistet. Wie kommt das zustande?
Wenn man sagt, dass wir nicht zu hohe Anforderungen an richtiges Verstehen stellen, dass der Mitteilende nicht wirklich seinen inneren Zustand bekannt geben muss und dass man nicht unbedingt wissen muss, aus welchen Horizonten die Information ausgewählt wird - alle diese pragmatischen Abschwächungen zugestanden -, ist immer noch nicht klar, wie die Einheit zustande kommt. Hier würde ich - das unterscheidet uns recht deutlich von jeder Handlungstheorie - beim Verstehen ansetzen.

Im Aufbau einer Theorie, die differenzialistisch und unterscheidungstheoretisch und vom Beobachter her angesetzt ist, fällt eine Trias immer auf. Wieso 3? Meistens haben wir es ja mit zwei Seiten zu tun: gut und böse, groß und klein, Allgemeines und Besonderes und was immer, und schließen das Dritte gerne aus. Aber jetzt haben wir es plötzlich mit einer Dreierunterscheidung zu tun, wie ist das zu denken? Vielleicht so, dass der dritte Faktor die Aufgabe hat, die beiden anderen dual zu sehen, als Unterscheidung, und sie zusammenzufügen? Wenn man Ebenenmodelle liebt, würde man sagen, dass sich dies auf einer anderen Ebene abspielt. Aber das braucht uns nicht zu irritieren. Wir können uns zunächst einmal einfach darüber wundern, dass die Stiftung der Einheit daneben geordnet ist: dass sozusagen von drei Komponenten eine zuständig ist, um die Zweiheit, die Unterscheidung von Information und Mitteilung, als Einheit zu behandeln - sozusagen ein Sprung in die Einheit, damit es weitergehen kann.

Sie erinnern sich vielleicht daran, dass ich bei der Behandlung der Zeichentheorie oder der Semiotik ein ähnliches Problem hatte. Es gibt Bezeichnendes und Bezeichnetes, und was ist die Einheit dieser Unterscheidung, was ist das Zeichen? Da haben wir auch so eine Trias, die in der Literatur seit Peirce diskutiert und in Richtung auf Pragmatik aufgelöst wird. Von einem unterscheidungstheoretischen, differenztheoretischen oder beobachtungstheoretischen Ansatz her fällt auf, dass die eine Komponente die zwei anderen gleichsam beobachtet beziehungsweise die Beobachterposition innerhalb dieses Modells hat. Wenn also in der Position des Verstehens zwischen Mitteilung und Information nicht unterschieden wird, kommt keine Kommunikation zustande. Die Kommunikation erzeugt in ihrer Verstehenskomponente überhaupt erst die Zweiheit: Information und Mitteilung, die sie zur Kommunikation macht. Entschuldigen Sie diese komplizierte Ausdrucksweise, aber ich glaube, in diesem Punkt kommt es auf Genauigkeit an.

Wir haben die Frage, wie Einheit zustande kommt, und wir können keinen Außenfaktor dafür verantwortlich machen, der als höhere Instanz gnädig eingreift und die Komponenten zusammenfügt, sondern das muss autopoietisch in der Operationsweise selber geschehen. Die Vorstellung ist, dass das im Verstehen geleistet wird, wie explizit, ist eine andere Frage, aber immer so, dass man Kommunikation nur wahrnimmt, wenn man sieht, feststellt, dass jemand etwas gesagt hat und dass man dieses "jemand" und das "etwas" unterscheiden kann. Das schließt ein, dass jemand über sich selber spricht, dass er sagt, "Ich bin heute aber müde" oder "Ich habe keine Lust" oder "Ich möchte gerne das tun". Dann teilt er eine Information über sich selber mit, und wir sind raffiniert genug, um Informationen, die jemand über sich selber gibt, nicht ohne weiteres abzunehmen, sondern sofort den Gedanken zu haben, wieso er das jetzt wünscht, wieso er in dem Zustand ist oder wieso er sich als jemanden bezeichnet, der in dem Zustand ist, dass er sich etwas wünscht....

Die These ist, dass der Unterschied zu den Informationen und Mitteilungen im Verstehen fundamental ist. Andernfalls erleben wir nur Verhalten. Das kann auch Aufschlüsse über andere Menschen geben, ist aber eben nicht Kommunikation. Im Verstehen wird die Verbindung zwischen Information und Mitteilung geleistet, und zwar weitgehend über Sprache, denn wenn jemand sich sprachlich ausdrückt, ist klar, dass er das, was er sagt, mitteilen will. Dann ist der Inhalt durch die Sprache fixiert, und das Sprechen macht deutlich, dass er es mitteilen will. Das Sprechen passiert einem nicht, jedenfalls im Normalzustand passiert einem das Sprechen nicht, sondern man will etwas mitteilen, und zwar das, was man gesagt hat - mit einer gewissen Zugabe an Unschärfe, natürlich kann es sich auch um eine Lüge handeln, und man kann, wenn man etwas sagt, zu verstehen geben, dass man in Wirklichkeit etwas anderes sagen wollte als das, was man gesagt hat. Hier bekommen wir wieder Zugang zu den Subtilitäten der Alltagskommunikation, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass diese Synthese im Verstehen geleistet wird und auf eine Weise, dass das Verstehen sich selber einbezieht. Das Verstehen versteht, dass es versteht, wenn man so will. Es versteht, dass damit etwas anzufangen ist, dass es sich nicht einfach um eine Welterklärung, sondern um die Bedingung der Teilnahme an der Kommunikation oder, vom Kommunikationssystem her gesehen, um die Bedingung der Fortsetzung von Kommunikation handelt. Wenn man nicht so viel herausbekommt, dass man selber reagieren kann oder dass man dem weiteren Verlauf der Kommunikation folgen kann, schaltet man ab und schließt sich selber aus. Dann hat die Kommunikation in Bezug auf die Inklusion von Teilnehmern einen Teil ihrer Kapazität verloren. Und das ist im Verstehen bewusst. Man passt auf, man hört hin, man denkt mit, wie immer schwach oder, das hängt natürlich von dem Kontext ab, wie immer fasziniert, und schafft ständig die Möglichkeit, die Fortsetzung der Kommunikation mitzutragen. Diese Beschreibung klingt psychologisch, aber gemeint ist immer die Ebene der Kommunikation. Das heißt, wenn die Kommunikation läuft, kann unterstellt werden, dass ausreichendes Verstehen vorhanden war - immer eingeschlossen ausreichendes Missverstehen

Dies ist der Grund dafür, dass man Kommunikation auch als selbstbeobachtende Operation beschreiben kann. Sie erinnern sich an die Abstraktion des Begriffs der Beobachtung. Es geht darum, eine Unterscheidung zu benutzen, um etwas zu bezeichnen. Die Unterscheidung, die in der Kommunikation zur Selbstbeobachtung der Kommunikation benutzt wird, ist die Unterscheidung von Mitteilung und Verstehen. Ohne diese eingebaute Selbstbeobachtung würde Kommunikation überhaupt nicht laufen. Dies ist ein Merkmal, das in vielen Hinsichten nicht typisch ist, weil wir ja deutlich zwischen Operation und Beobachtung unterscheiden. In normale Lebensprozesse, biochemische Prozesse oder auch in organisches Verhalten ist die Selbstbeobachtung nicht in dieser Weise eingebaut. Es gibt komplizierte Feedbackapparate, die voraussetzen, dass Zustände diskriminiert werden können. Wenn man das Beobachtung nennen will, hat man einen anderen Beobachtungsbegriff und kann sich dann auch eine ständige Selbstbeobachtung etwas des Immunsystems oder des Nervensystems vorstellen, aber der Unterschied ist deutlich, und in der Kommunikation ist das eine Unvermeidbarkeit. Wir kommen, wenn wir die Begriffe so setzen, nicht mehr umhin zu sagen, dass Operation und Beobachtung nur uno actu, nur in einem Zug vollzogen werden können. Und die Frage ist, wozu das vorgesehen ist, warum das der Fall ist oder was das System davon hat, dass es mit solchen Operationen operiert. Die Antwort darauf hängt mit der Frage zusammen, was eine Kommunikation erreicht, bewirkt, was der Effekt oder die Funktion einer Kommunikation ist. luhmann_system288

Fritjof Capra 
Ursprung von Geist und Bewusstsein - Kommunikation


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