Luhmann Glossar


 

Re-entry:
Begriff des "reentry", des Wiedereintritts der Form in die Form oder der Unterscheidung in das, was unterschieden worden ist. Darüber hatte ich zunächst einmal nichts explizit gesagt, als ich Spencer Brown vorstellte. Deswegen muss ich jetzt einige Bemerkungen nachliefern. Sie erinnern sich, dass schon die Anfangsweisung: Draw a distinction, Mach eine Unterscheidung, eine Weisung ist, die eine Operation betrifft, die aus zwei Komponenten besteht, nämlich der Unterscheidung selbst und der Bezeichnung der einen Seite, dem Hinweis, wo man sich befindet, wo man weitermachen soll. Die Unterscheidung ist in der Unterscheidung bereits vorgesehen. In der Terminologie von Kauffman ist sie in die Unterscheidung bereits hineinkopiert. Im Laufe der Entwicklung des Kalküls kommt Spencer Brown schließlich an den Punkt, an dem er diese Prämisse explizit macht und den Wiedereintritt der Form in die Form oder der Unterscheidung in die Unterscheidung als eine theoretische Figur vorführt, die sich dem Kalkül entzieht, die also nicht mehr in der Form von Arithmetik oder Algebra behandelt werden kann, die aber in dem Sinne, dass man bestimmte mathematischen Probleme nur über diese Form lösen kann, gleichsam zu den Eckpfeilern des ganzen Systems gehört. Das führt in die Theorie imaginärer Zahlen hinein...
...dass ein System sich selbst von seiner Umwelt unterscheiden kann. Die Operation als Operation erzeugt die Differenz, deswegen spreche ich an dieser Stelle von Differenz. Eine Operation schließt an eine andere an, dann kommt eine dritte, eine vierte, eine fünfte, dann kommt eine Thematisierung dessen, was man bisher gesagt hat, hinzu und so weiter. Das alles geschieht im System. Draußen geschieht gleichzeitig etwas anderes oder nichts. Es ist eine Welt, die nur begrenzt für die Folgen von Kommunikation Bedeutung hat. Wenn das System entscheiden muss oder, sagen wir einmal vorsichtiger, zwischen einer Kommunikation und einer weiteren Kommunikation Kopplungen herstellen muss, dann muss es ausmachen, beobachten, festlegen können, was zu ihm passt und was nicht. Ein System, das die eigene Anschlussfähigkeit kontrollieren will, muss also über etwas verfügen, was wir zunächst einmal Selbstbeobachtung nennen können. Ich komme auf den Beobachter zurück.
...dass in die Operation selbst immer schon die Differenz von Fremdreferenz qua Information und Selbstreferenz qua Mitteilung eingebaut ist. Dies ist wiederum eine Erläuterung des allgemeinen Themas des "reentry": Das System tritt in sich selbst wieder ein oder kopiert sich in sich selbst hinein. luhmann_system72

Psychische und soziale Systeme bilden ihrer Operationen als beobachtende Operationen aus, die es ermöglichen das System selbst von seiner Umwelt zu unterscheiden - und dies obwohl die Operation nur im System stattfinden kann. Sie unterscheiden anders gesagt, Selbstreferenz und Fremdreferenz. Für sie sind Grenzen daher keine materiellen Artefakte, sondern Formen mit zwei Seiten. Abstrakt gesehen handelt es sich dabei um ein "re-entry" einer Unterscheidung in das durch sie selbst Unterschiedene. Die Differenz System/Umwelt kommt zweimal vor: als durch das System produzierter Unterschied und als im System beobachteter Unterschied. Das System wird für sich selbst unkalkulierbar. Es erreicht einen Zustand von Unbestimmtheit, der nicht auf die Unvorhersehbarkeit von Ausseneinwirkungen zurückzuführen ist, sondern auf das System selbst. Es braucht deshalb ein Gedächtnis, eine"memory function", die eben die Resultate vergangener Selektionen als gegenwärtigen Zustand verfügbar machen. Es versetzt sich selbst in den Zustand des Oszillierens zwischen positiver negativ gewerteten Operationen und zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz. luhmann_ges45




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