Luhmann Glossar

 


Sinn
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Medium Sinn

Die Eigenart des Medium Sinn ist ein notwendiges Korrelat der operativen Schließung von erkennenden Systemen. Sinn gibt es ausschließlich als Sinn und der ihn benutzenden Operationen, also auch nur in dem Moment, in dem er durch Operationen bestimmt wird, und weder vorher noch nachher. Sinn ist demnach ein Produkt der Operationen, die Sinn benutzen, und nicht eine Weltqualität, die sich einer Schöpfung, einer Stiftung, einem Ursprung verdankt. Es gibt demnach keine von der Realität des faktischen Erlebens und Kommunizierens abgehobene Idealität.

Platon hatte zwar recht, dass Ideen mit Gedächtnis zusammenhängen. Aber die Erinnerung führt nicht zurück zum eigentlichen, fast vergessenen Sinn des Seienden, seinen Wesensformen, den Ideen; sondern das Gedächtnis konstruiert Strukturen nur für momentanen Gebrauch zur Bewahrung von Selektivität und zur Einschränkung von Anschlussfähigkeit. Es ist eine Selbstillusionierung sinnkonstitutionierender Systeme, wenn sie meinen, zeitüberdauernde Identitäten habe es immer schon gegeben und werde es weiterhin geben, und man könne sich daher auf sie wie auf Vorhandenes beziehen. Alle Orientierung ist Konstruktion, ist von Moment zu Moment reaktualisierte Unterscheidung.

Über diese Feststellung, wie zuletzt wie eine bloße Behauptung klingt (es gibt keinen Sinn außerhalb der Systeme, die Sinn als Medium benutzen und reproduzieren) gelangt man hinaus, wenn man sich eine Konsequenz operativer Schließung für die Beziehungen des Systems zu seiner operativ unerreichbaren Umwelt vor Augen führt. Lebende Systeme schaffen für ihre Zellen eine Sonderumwelt, die sie schützt und ihre Spezialisierung erlaubt, nämlich Organismen. Sie schützen sich durch materielle Grenzen im Raum. Psychische und soziale Systeme bilden ihrer Operationen als beobachtende Operationen aus, die es ermöglichen das System selbst von seiner Umwelt zu unterscheiden - und dies obwohl die Operation nur im System stattfinden kann. Sie unterscheiden anders gesagt, Selbstreferenz und Fremdreferenz. Für sie sind Grenzen daher keine materiellen Artefakte, sondern Formen mit zwei Seiten.

Abstrakt gesehen handelt es sich dabei um ein "re-entry" einer Unterscheidung in das durch sie selbst Unterschiedene. Die Differenz System/Umwelt kommt zweimal vor: als durch das System produzierter Unterschied und als im System beobachteter Unterschied. Das System wird für sich selbst unkalkulierbar. Es erreicht einen Zustand von Unbestimmtheit, der nicht auf die Unvorhersehbarkeit von Ausseneinwirkungen zurückzuführen ist, sondern auf das System selbst. Es braucht deshalb ein Gedächtnis, eine"memory function", die eben die Resultate vergangener Selektionen als gegenwärtigen Zustand verfügbar machen. Es versetzt sich selbst in den Zustand des Oszillierens zwischen positiver negativ gewerteten Operationen und zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz. Es konfrontiert sich selbst mit einer für es unbestimmbaren Zukunft, für die gleichsam Anpassungsreserven für unvorhersehbare Lagen gespeichert sind. Für das System selbst sichtbare Resultat dieser Konsequenzen des re-entry soll im folgenden mit dem Begriff "Sinn" bezeichnet werden.

Akzeptiert man diese Theoriedisposition, kann man nicht mehr von einer vorhandenen Welt ausgehen, die aus Dingen, Substanzen, Ideen besteht, und auch nicht mit dem Weltbegriff ihrer Gesamtheit (universitas rerum) bezeichnen. Für Sinnsysteme ist die Welt kein Riesenmechanismus, der Zustände aus Zuständen produziert und dadurch die Systeme selbst determiniert. Sondern die Welt ist ein unermessliches Potenzial für Überraschungen, ist virtuelle Information, die aber Systeme benötigt, um Informationen zu erzeugen, oder genauer: um ausgewählten Irritationen den Sinn von Information zu geben.

Folglich muss jegliche Identität als Resultat von Informationsverarbeitung oder, wenn zukunftsbezogen, als Problem begriffen werden. Identitäten " bestehen" nicht, sie haben nur die Funktion, Rekursionen zu ordnen, sodass man bei allem Prozessieren von Sinn auf etwas wiederholt Verwendbares zurück- und vorgreifen kann. Das erfordert selektives Kondensieren und zugleich konfirmierendes Generalisieren von etwas, was im Unterschied zu anderem als Dasselbe bezeichnet werden kann.

Das sinnhafte Identitäten (empirische Objekte, Symbole, Zeichen, Zahlen, Sätze usw.) nur rekursiv erzeugt werden können, hat weitreichende epistemologische Konsequenzen. Einerseits wird dadurch klar, dass der Sinn solcher Entitäten weit über das hinaus reicht was im Moment einer Beobachtungsoperation erfasst werden kann.

Andererseits heißt dies gerade nicht, dass es solche Gegenstände immer schon und auch dann "gibt", wenn sie nicht beobachtet werden. Unterhalb der Prämissen der traditionellen logisch-ontologischen Realitätsauffassung wird eine weitere Ebene, ein weiteres operatives Geschehen sichtbar, dass Gegenstände und Möglichkeiten, sie zu bezeichnen überhaupt erst konstituiert. Soweit Rekursionen auf Vergangenes verweisen(aufbewährten, bekannten Sinn), verweisen sie nur auf kontingente Operationen, deren Resultate gegenwärtig verfügbar sind, aber nicht auf fundierende Ursprünge. Soweit Rekursionen auf Künftiges verweisen, verweisen sie auf endlos viele Beobachtungsmöglichkeiten, also auf die Welt als virtuelle Realität, von der man noch gar nicht wissen kann, ob sie jemals über Beobachtungsoperationen in Systeme eingespeist werden wird.

Sinn ist demnach eine durch und durch historische Operationsform, und nur ihr Gebrauch bündelt kontingente Entstehung und Unbestimmtheit künftiger Verwendungen. Alle Festlegungen müssen dieses Medium benutzen, und alle Einschreibungen in dieses Medium haben keinen andern Grund als ihrer durch Rekursionen abgesicherte Faktizität.

In der kommunikativen Erzeugung von Sinn wird diese Rekursivität vor allem durch die Worte der Sprache geleistet, die in einer Vielzahl von Situationen als dieselben verwendet werden können. (So versteht man auch den „linguisic turn“der Philosophie als Korrelat einer gesellschaftlichen Entwicklung, die der Substanzontologie und ihrem transzendentalen Refugium die Plausibilität entzieht. Das impliziert zugleich einen Übergang von Was-Fragen zu Wie-Fragen, die Problematisierung der Übersetzung von Sprachen und allgemeinen die seit Saussure gesehene Notwendigkeit, Identitäten durch Differenzen zu ersetzen.) Im selbstkonstituierten Medium Sinn ist es unerlässlich, Operationen an Unterscheidungen zu orientieren. Nur so lässt sich die für Rekursionen erforderliche Selektivität erzeugen. Sinn besagt, dass an allem was an Aktuellem bezeichnet wird, Verweisungen auf andere Möglichkeiten mitgemeint und miterfasst sind. Jeder bestimmter Sinn meint also sich selbst und anderes.
Sinn ist in allem, was aktualisiert wird, als Weltverweisungen co-präsent, und zwar aktuell apräsentiert. Das ist auch die Verweisung auf die Bedingungen eigenen Könnens, eigenen Erreichen-Könnens und deren Grenzen in der Welt ein.

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Darüber, wie Sinn funktioniert, lassen sich Aussagen machen mit Hilfe spezifischer, genau darauf bezogener, sinndefinierender Unterscheidungen. Man kann Sinn phänomenologisch beschreiben als Verweisungsüberschuss, der von aktuell gegebenem Sinn aus zugänglich ist. Sinn ist danach - und wir legen Wert auf diese paradoxe Formulierung - ein endloser also unbestimmbarer Verweisungszusammenhang, der aber in bestimmter Weise zugänglich gemacht und reproduziert werden kann. Man kann die Form von Sinn bezeichnen als Differenz von Aktualität und Möglichkeit.

Man hat demnach, wenn man über Sinn spricht, etwas Greifbares (Bezeichenbares, Unterscheidbares) im Sinn; und das heißt auch, dass mit der Sinnthese eingeschränkt wird, was dann noch über Gesellschaft ausgemacht werden kann. Gesellschaft ist ein sinnkonstituierendes System.

Die Modalisierung der Aktualität durch die Unterscheidung aktuell/möglich bezieht sich auf den Sinn, der jeweils in den Systemoperationen aktualisiert wird. Sie ist doppelt asymmetrisch gebaut; denn auch der aktualisierte Sinn ist und bleibt möglich und der mögliche Sinn aktualisierbar. In der Unterscheidung ist demnach ein „re-entry“der Unterscheidung in das durch sie Unterschiedene mitvorgesehen. Sinn ist also eine Form, die auf beiden Seiten eine Cope ihrer selbst in sich selbst enthält. Das führt zur Symmetrisierung des zunächst asymmetrisch gegebenen Unterschiedes von aktuell und möglich, und folglich erscheint Sinn als weltweit überall dasselbe. Re-asymmetrisierungen sind möglich, ja fürs Beobachten erforderlich, aber sie müssen durch weitere Unterscheidungen eingeführt werden, z. B. durch die Unterscheidung System/Umwelt oder durch die Unterscheidung Bezeichnendes/Bezeichnetes.

Sinnverwendende Systeme sind schon durch ihr Medium Systeme, die sich selbst und ihre Umwelt nur in der Form von Sinn, und das heißt: mit re-entry der Form in die Form beobachten und beschreiben können. Es gibt keine psychischen und sozialen Systeme, die im Medium Sinn nicht zwischen sich selbst unter anderem unterscheiden können... Systeme, die im Medium Sinn operieren, können, ja müssen Selbstreferenz und Fremdereferenz unterscheiden; und dies in einer Weise, bei der mit der Aktualisierung von Selbstreferenz immer auch Fremdereferenz und mit der Aktualisierung von Fremdereferenz immer auch Selbstreferenz als die jeweils andere Seite der Unterscheidung mitgegeben ist.

Alle Formenbildungen im Medium Sinn muss deshalb systemrelativ erfolgen, gleichgültig ob der Akzent im Moment auf Selbstreferenz oder auf Fremdereferenz liegt. Erst diese Unterscheidung ermöglicht Prozesse, die man üblicherweise als Lernen, als Systementwicklung, als evolutionären Aufbau von Komplexität bezeichnet.

Die Eigenart des Medium Sinn ist ein notwendiges Korrelat der operativen Schließung von erkennenden Systemen. Sinn gibt es ausschließlich als Sinn und der ihn benutzenden Operationen, also auch nur in dem Moment, in dem er durch Operationen bestimmt wird, und weder vorher noch nachher. Sinn ist demnach ein Produkt der Operationen, die Sinn benutzen, und nicht eine Weltqualität, die sich einer Schöpfung, einer Stiftung, einem Ursprung verdankt. Es gibt demnach keine von der Realität des faktischen Erlebens und Kommunizierens abgehobene Idealität. - Das System wird für sich selbst unkalkulierbar. Es erreicht einen Zustand von Unbestimmtheit, der nicht auf die Unvorhersehbarkeit von Ausseneinwirkungen zurückzuführen ist, sondern auf das System selbst. Es braucht deshalb ein Gedächtnis, eine"memory function", die eben die Resultate vergangener Selektionen als gegenwärtigen Zustand verfügbar machen. Es versetzt sich selbst in den Zustand des Oszillierens zwischen positiver negativ gewerteten Operationen und zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz. Es konfrontiert sich selbst mit einer für es unbestimmbaren Zukunft, für die gleichsam Anpassungsreserven für unvorhersehbare Lagen gespeichert sind. Für das System selbst sichtbare Resultat dieser Konsequenzen des re-entry soll im folgenden mit dem Begriff "Sinn" bezeichnet werden.
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Die Co-evolution hat zu einer gemeinsamen Errungenschaft geführt, die sowohl von psychischen als auch von sozialen Systemen benutzt wird. Beide Systemarten sind auf sie angewiesen, und für beide ist sie bindend als unerläßliche, unabweisbare Form ihrer Komplexität und ihrer Selbstreferenz. Wir nennen diese evolutionäre Errungenschaft „Sinn“. - Sinnbegriff als "differenzlosen" Begriff, der sich selbst mitmeint, einzuführen - Das Phänomen Sinn erscheint in der Form eines Überschusses von Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns. Etwas steht im Blickpunkt, im Zentrum der Intention, und anderes wird marginal angedeutet als Horizont für ein Und-so-weiter des Erlebens und Handelns - Sinn stattet das je aktuell vollzogene Erleben oder Handeln mit redundanten Möglichkeiten aus - Mit jedem Sinn, mit beliebigem Sinn wird unfassbar hohe Komplexität (Weltkomplexität) appräsentiert und für die Operationen psychischer bzw. sozialer Systeme verfügbar gehalten. Sinn bewirkt dabei einerseits: daß diese Operationen Komplexität nicht vernichten können, sondern sie mit der Verwendung von Sinn fortlaufend regenerieren. - Jede Sinnintention ist selbstreferentiell insofern, als sie ihre eigene Wiederaktualisierbarkeit mitvorsieht, in ihrer Verweisungsstruktur also sich selbst als eine unter vielen Möglichkeiten weiteren Erlebens und Handelns wieder aufnimmt. Sinn kann überhaupt nur durch Verweisung auf jeweils anderen Sinn aktuale Realität gewinnen; es gibt insofern keine punktuelle Selbstgenügsamkeit und auch kein »per se notum«. luhmann_sozsystem92

einen Sinnbegriff ohne eine bestimmte Systemreferenz, ohne eine bestimmte ontologische Referenz zu formulieren, liegt in der Benutzung der Unterscheidung von Medium und Form. Dazu muss ich erst einmal einiges sagen, weil die Beziehung dieser Unterscheidung zur Systemtheorie nicht unproblematisch ist und weil ich gerade das ausnutzen möchte, um über Sinn im Sinne eines Verhältnisses von Medium und Form zu sprechen, und dabei noch nicht voraussetzen möchte, welches System operiert, um Sinn zu konstituieren, Sinn zu erleben, Sinn zu erfahren, Sinn zu reproduzieren usw. Der Vorteil dieser Unterscheidung von Medium und Form ist, dass man nicht ohne weiteres auf ein Subjekt, einen Sinnträger verwiesen wird, sondern sich Sinn zunächst einmal ganz abstrakt vorstellen und an der Begrifflichkeit selbst arbeiten kann, die uns darüber Klarheit verschafft, wie das Verhältnis von Medium und Form zu denken ist. luhmann_system223

Nachdem ich mithilfe dieser Begrifflichkeit eine Auswertungs- oder Anwendungs-möglichkeit charakterisiert habe, komme ich jetzt auf den Begriff des Sinns mit der Frage zurück, ob man sich vorstellen kann, dass Sinn nicht etwas Substanzielles oder Phänomenales, irgendeine qualitative Einheit, sondern eine bestimmte Art der Differenz von Medium und Form ist. Ich bin nicht vollständig sicher, ob dieses Passen der Begriffe aufeinander wirklich gelingt, aber im Moment stelle ich mir vor, dass Sinn tatsächlich so etwas wie eine ständige Aufforderung zur Bildung spezifischer Formen ist, die sich immer noch dadurch auszeichnen, dass sie im Medium von Sinn gebildet sind, die aber nicht Sinn als Kategorie überhaupt repräsentieren, es sei denn wieder mit dem Wort „Sinn", das man hören kann, wenn es gesagt wird, oder lesen kann, wenn es geschrieben ist, aber das Wort Sinn ist nicht das Einzige, was Sinn hat, sondern kommt in irgendwelchen Sätzen hin und wieder vor.

Dann müsste man überlegen und sagen können, was die medienhafte Seite, das Medium des Sinns ist, wenn man dieses von Formen des Sinns unterscheiden will. Vielleicht ist es gut, sich dafür den Ausdruck „mediales Substrat" anzugewöhnen, denn wenn das Medium immer die Möglichkeit der Formbildung in einem Medium ist, brauchen wir eigentlich eine dreifache Terminologie: erstens das Substrat, die Elemente, die lose gekoppelt sind und fest gekoppelt werden können, wobei man immer selektiv vorgehen muss, zweitens die Formen und drittens das Zusammenspiel, in dem der ganze Apparat von Medium und Form nur Sinn hat, wenn er gebraucht wird.

Wenn man mit dieser Terminologiekrücke „mediales Substrat" arbeiten will, könnte man sagen, dass jedes Sinnerleben immer zweiteilig oder unterscheidungsförmig abläuft. Wenn man es in der Terminologie von Spencer Brown ausdrücken will, würde man sagen, dass man immer auf der Innenseite eine Art von Form hat, mit der man arbeiten kann.

...welche Unterscheidung über Sinn aktualisiert wird - die Unterscheidung von Aktualität und Potenzialität -, und zur Frage der Systemreferenz, nach der es Sinn konstituierende Systeme gibt, zu deren Operationsweise es unvermeidlich gehört, dass sie Sinn benutzen. luhmann_system223




Sinnverarbeitende Systeme:
Systeme, die im Medium Sinn operieren. Diese Systeme sind überhaupt nicht im Raum begrenzt, sondern haben eine völlig andere, nämlich rein interne Form von Grenze. Das gilt schon für das Bewusstsein, dass sich eben dadurch vom Gehirn unterscheidet und nur so den neurophysiologische Selbstbeobachtung des Organismus "externalisiren" kann. Es gilt erst recht für das Kommunikationssystem Gesellschaft, wie seit der Erfindung der Schrift evident ist. Die Grenze dieses Systems wird in jeder einzelnen Kommunikation produziert und reproduziert, in dem die Kommunikation sich als Kommunikation im Netzwerk Systemen eigener Operationen bestimmt und dabei keinerlei physische, chemische, neurophysiologische Komponenten aufnimmt. Jede Operation trägt, anders gesagt, zur laufenden Ausdifferenzierung des Systems bei und kann anders die eigene Einheit nicht gewinnen. Die Grenze des Systems ist nichts anderes als die Art seiner Operationen, die das System individualisieren. Sie ist die Form des Systems, deren andere Seite damit zu Umwelt wird. luhmann_ges45


Niklas Luhmann Die Religion der Gesellschaft Suhrkamp 2002
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Bruchstücke:

...kybernetische Theorien: zirkuläre, auf der operativen Selbsteinschränkung des Zirkels beruhende Erklärungen. Umgang mit zirkulären, selbstreferentiellen Verhältnissen

Generieren von Formen (= Unterscheidungen), an die sich weitere Beobachtungen anschließen lassen. Selbstthematisierung ist nur mit Einschließen des Ausschließens, nur mit Hilfe eines negativen Korrelats möglich. Das System ist autonom nur, wenn es mitkontrolliert, was es nicht ist. Angesichts eines solchen Sachverhalts kann Religion extern nur im Modus der Beobachtung zweiter Ordnung, nur als Beobachtung ihrer Selbstbeobachtung definiert werden - und nicht durch ein Wesensdiktat von aussen.

Das Medium Sinn

Das allgemeinste, nicht transzendierbare Medium für jede Formbildung, das psychische und soziale Systeme verwenden können, nennen wir "Sinn".

Unterscheidung von Medium und Form.

Diese Unterscheidung soll die unzureichend formulierte Frage nach dem »Sinn von Sinn« ablösen.

Mit dem Begriff des Mediums ist festgelegt, daß Sinn nicht beobachtet werden kann - ebensowenig wie das Licht. Beobachtungen setzen ja unterscheidbare Formen voraus, und diese Formen können nur im Medium und nur in der Weise gebildet werden, daß andere Möglichkeiten der Formbildung im Moment außer acht bleiben.

Alle psychischen und sozialen Systeme bestimmen und reproduzieren ihre Operationen ausschließlich in diesem Medium Sinn.Diese Universalität des systemeigenen Mediums ist die Kehrseite der systemtheoretischen Einsicht, daß ein System nur mit eigenen Operationen (und nicht: in seiner Umwelt) operieren kann; oder anders gesagt: daß es ein operativ geschlossenes System ist. Man kann von innen an Grenzen dieses Mediums stoßen; aber diese Grenzen haben dann nicht die Form einer überschreitbaren Linie, sondern, mit der schönen Metapher Husserls, die Form eines Horizontes.

Sinn als Medium kann deshalb nicht negiert werden. Jede Negation setzt ja, anders ist sie als Operation nicht möglich, eine Bestimmung des Negierten, also Sinn voraus. Die Einheit von Sinn und Nichtsinn hat wiederum Sinn. Sinn ist nur als sowohl positiv als auch negativ formulierbar gegeben. Würde man eine Seite dieser Unterscheidung streichen, verlöre auch die andere ihren Sinn. Das führt uns zu dem Schluß, daß jeder Sinn (und also auch: jeder Letztsinn) seine eigene Einheit nur als Paradoxie behaupten kann: als Selbigkeit von Bejahung und Verneinung, von wahr und unwahr, von gut und schlecht - von welchen positiven und negativen Fixierungen auch immer. Es gibt deshalb keine Einheit, auf die sich alles andere gründen ließe.

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Was immer bestimmt wird, muß die Form der Entfaltung einer Paradoxie annehmen - der Ersetzung der Einheit der Paradoxie durch eine (irgendwie plausible, damit aber auch historisch relative) Unterscheidung bestimmbarer Identitäten. Noch für Hölderlin, dem die Antwort nicht mehr durch einen vorgeschriebenen Gott gegeben sein kann, wiederholt sich diese Erfahrung. Wenn man die »Trennungen, in denen wir denken und existieren« in Richtung auf eine letzte Einheit überwinden und dies als Poesie kommunizieren will, bleiben nur paradoxe Formulierungen.

...davon auszugehen, daß sinnhafte Operationen als Selektionen erscheinen. Man kann sagen, daß die Welt (für einen Beobachter) komplex ist und sich daher jede Verknüpfung von Elementen (= 0perationen) nur selektiv unter Außerachtlassen bzw. Ablehnen anderer Möglichkeiten vollziehen lässt - anderer Möglichkeiten, die aber an der Operation noch sichtbar sind und ihre Selektion als kontingent erscheinen lassen. Die Welt kann sich selbst nur über Einschränkungen und nur über Inanspruchnahme von Zeit realisieren.

...daß man Beobachter beobachten muß mit Hilfe der Frage (Unterscheidung!), welche Unterscheidungen sie verwenden.

Nehmen wir uns daraufhin noch einmal den Begriff des Sinns vor. Subjekte und Objekte und Systemreferenzen beiseitelassend könnte man ihn mit einer rein modaltheoretischen Unterscheidung von Wirklichkeit (Aktualität) und Möglichkeit (Potentialität) bestimmen, und zwar als Begriff für die Einheit genau dieser Unterscheidung.

Denn Sinn hat etwas (was auch immer) dann, wenn im aktualen Erleben oder Kommunizieren (in dem, was vorkommt) auf andere Möglichkeiten verwiesen wird; und zwar so, daß ohne diese Verweisung auch die Aktualität als sinnhafte Aktualität gar nicht möglich wäre. Sinn ist danach (und wieder: für einen Beobachter, der so unterscheidet) die Einheit der Differenz von Wirklichkeit und Möglichkeit.

Die modallogische Form des Möglichen eignet sich dazu, genauer zu bestimmen, was mit »Medium« gemeint sein könnte. Möglichkeiten hängen untereinander nur lose zusammen. Wenn eine von ihnen aktualisiert ist, folgt daraus nicht ohne weiteres, daß auch bestimmte andere realisiert werden. Es mag Konditionierungen geben, die Anschlüsse mehr oder weniger wahrscheinlich werden lassen bis hin zum Ausschluß jeder anderen Möglichkeit, was einem Beobachter dann als Notwendigkeit erscheint. Ohne uns in die hier anschließbaren modallogischen Probleme zu verlieren, halten wir nur fest, daß auf dieser Grundlage mit der Unterscheidung von loser und fester Kopplung operiert werden kann. Eine (zunächst nur für den Fall von Wahrnehmungsmedien ausgearbeitete) Anregung von Fritz Heider aufgreifend, können wir ein Medium als die Einheit der Differenz von loser und fester Kopplung beschreiben.

Massenhaft vorhandene, lose gekoppelte Sinnsplitter (zum Beispiel Worte) dienen als mediales Substrat. Im Prozeß der Sinnselektion, der sie voraussetzt, werden sie zu festen Formen (wahrnehmbaren Dingen, verstehbaren Aussagen) gekoppelt. Nur auf dieser Seite der Unterscheidung lose/feste Kopplung ist die Unterscheidung anschlußfähig (in unseren Beispielen: nur Dinge kann man sehen, nur verstehbare Mitteilungen kann man befolgen oder beantworten). Da aber jeder Anschluß eine Form wählen, eine Unterscheidung treffen muß, regeneriert sich in allem sinnhaften Operieren zugleich das Medium der anderen Möglichkeiten und letztlich der unmarkierbare Weltzustand, der nichts mehr ausschließt.

Immer bleibt etwas Ungesagtes vorbehalten, so daß alles, was bestimmt wird, auch dekonstruierbar bleibt. Jede Unterscheidung schafft sich eine Umgebung, in die weitere Unterscheidungen eingeführt werden können.

Sinn ist Verschiebung, ist "différance" (Derrida), ist »unlimited semiosis« (Peirce), und doch muß man bei jeder Aktualisierung glauben können, daß es irgendwo einen festen Halt gibt, weil man schließlich sicher ist, daß es weitergeht.

Dem entspricht die Auflösung aller ontischen Bestimmtheiten in Zeitverhältnisse. Anschlußfähigkeit heißt auch: daß jede Aktualisierung die Form eines Ereignisses annehmen muß, das mit der Aktualisierung bereits wieder erlischt. Formen müssen daher aber das rettet sie nicht für immer, die Form einer (wiedererkennbaren) Struktur annehmen.

Somit gilt für das Medium Sinn und für alle derivativen Medien (Sprache zum Beispiel) ein eisernes Gesetz: Unverwendetes ist stabil, Verwendetes dagegen instabil. Der große Vorteil dieser Lösung ist: daß sie es den Systemen, die darüber verfügen, ermöglicht, sich vorübergehend vorübergehenden Lagen anzupassen. Sie können sich damit auf eine komplexere, zeitlich instabile Umwelt einlassen. Sie bleiben nicht, einmal auf Umwelt eingestellt, an der Umwelt kleben. Und das ist nur eine andere Formulierung für Ausdifferenzierung und operative Autonomie.

Die Einheit des Mediums (als Einheit von loser und fester Kopplung) zeigt sich deshalb in der Zeit. Die Aktualisierung (einschließlich Reaktualisierung) von Formen dient zugleich der Reproduktion des medialen Substrats.

Sybille Krämer
Sprache, Sprechakt, Kommunikation

Sprachtheoretische Positionen des 20.Jahrhunderts
Suhrkamp 2001
kraemer-sprache154

Konzeption von Sinn

"Sinn" ist zuerst einmal eine hermeneutische Kategorie, ein Interpretations-produkt, das entsteht im Spannungsfeld von "Geist" und "Buchstabe". In der hermeneutischen Einstellung wird der Sinn sichtbar, sobald einText zum transparenten Fenster mutiert, durch das hindurch unser geistiges Auge den Sinn aufzufassen vermag. Angesiedelt in der Tiefe des Textes, wird der Sinn zu einer objektivierbaren Entität. Und haben wir erst den Sinn, dann ist das Medium obsolet.

Auf diesen substantialistischen Sinnbegriff reagierte die Mediendebatte nun mit einer Substantialisierung des Mediums. Die Rolle, die ein zum identifizierbaren Gegenstand verdichteter Sinn spielt, geht dabei über auf das Medium; verbunden ist damit die Verabschiedung von Begriffen wie "Sinn" und "Bedeutung". Und so, wie die Hermeneutik einer Ontologisierung des Sinns Vorschub leistete, konfrontiert uns der hermeneutik-kritische Mediendiskurs nun mit einer Ontologisierung des Mediums.

Solchen den Sinn oder das Medium hypostasierenden Ansätzen ist Luhmanns beobachterrelativer Zugang abhold. Was bedeutet das nun für den Begriff des Sinns?

Dieser Sinnbegriff ist nichts anderes als die Medium/Form-Unterscheidung selbst, thematisiert jedoch in einer ganz bestimmten Hinsicht. Diese Hinsicht wird eröffnet durch das Nachdenken darüber, wie »Welt« überhaupt zu einem Gegebenen werden kann. Und es ist der Sinnbegriff, durch den sich Luhmanns Medientheorie erweitert zu so etwas wie einer »Phänomenologie der Welt«. Deuten wir die Stationen dieser »Weiterung« zumindest an:
(a) Es gibt keine Differenzen an sich, sondern Unterschiede werden im Zuge von Unterscheidungen gemacht. Eine Unterscheidung zu treffen ist eine Operation, die - wie alle Operationen bei Luhmann - kontingent und geschichtlich ist, also immer auch anders ausfallen könnte. Diese »historische Operationsform« nennt Luhmann »Sinn«. Wo immer wir durch Unterscheidungen etwas feststellen, ereignet sich Sinn. Doch anders als es das »Feststellen« suggeriert, ist Sinn keine zeitüberdauernde Entität, sondern ein beobachterrelativer und zugleich instantaner Prozeß: Sinn entsteht und vergeht im Augenblick einer Operation.
(b) Im Kern allen Unterscheidens findet sich das Verhältnis von Aktualität und Potentialität. Aktuelles verweist immer auf Potentielles: »Diese und keine andere Unterscheidung konstituiert Sinn.« Der Augenblick - hier folgt Luhmann Husserl - ist das, was er ist, nur durch Retention und Protention, also durch Bezugnahme auf Vergangenes und Zukünftiges. Das Gegenwärtige ist präsent nur, indem es das Nichtgegenwärtige apräsentiert. Das Wirkliche ist real nur im Horizont der ausgeschlossenen Möglichkeiten, auf die es zugleich als Potentialitäten verweist. Kurzum: Jede Manifestation ist eine Figur, deren Physiognomie sich dem Hintergrund eines Latenten verdankt. Sinn entsteht also durch die Anwesenheit dessen, was im jeweils Aktuellen abwesend und ausgeschlossen ist - bemerkt Luhmann im Rekurs auf Gilles Deleuze.
(c) Doch genau diese Konzeption einer Aktualität, die ihre Signatur nur im Horizont nicht-aktualisierter Potentialitäten erhält, ist das, was auch das Zentrum der Medium/Form-Unterscheidung markiert. Und doch gibt es einen Unterschied zwischen "Sinn" und "Medium/Form". Er besteht darin, daß "Sinn" gewöhnlich in der Einzahl, "Medien" im Horizont der Medium/Form-Unterscheidung jedoch in der Mehrzahl auftreten. Daß psychische und soziale Systeme in einem Medium operieren müssen, artikuliert der Sinnbegriff; wie sie das tun, von welchen Medien sie dabei Gebrauch machen können, ob z.B. von der Lautsprache oder der Schrift, ob vom Medium der Liebe oder der Wahrheit etc., das bleibt variabel.
Der Terminus "Sinn" zielt auf die Unhintergehbarkeit von Medien; er zeugt davon, daß Medialität konstitutiv ist für alle psychischen und sozialen Vorgänge. Ohne Sinn kein Bewußtsein und keine Kommunikation. Die Form des Sinns wird so das »absolute Medium ihrer selbst«; Sinn wird zu einem »Universalmedium«.
(d) Dieses Auftauchen des Absoluten, Universellen und Unhintergehbaren ausgerechnet bei Luhmann irritiert. Wie haben wir das zu verstehen? Vielleicht finden wir eine Antwort, wenn wir uns fragen, warum denn der Sinn unhintergehbar ist. Für die Medium/ Form-Unterscheidung galt, daß, was in der einen Hinsicht ein Medium ist, in einer anderen Hinsicht als Form betrachtet werden kann, und dies ad infinitum, ohne daß wir auf »letzte Elemente«, aus denen alle anderen Medien und mögliche Formen gebildet werden, stoßen könnten. In bezug auf den Sinn verhält es sich jedoch anders. Die Kategorie des Sinns hat eine andere Seite, auf die wir gerade durch keinen Perspektivenwechsel je gelangen können - diese andere Seite aber ist die "Welt".
(e) "Sinn" bezieht sich also auf die Verfassung unseres Weltverhältnisses und drückt aus, daß wir keinen unmittelbaren Zugang zur Welt haben. Denn das Einnehmen jedweder Perspektive hieße ja immer schon als Beobachter, somit auf der Seite des Sinns, zu operieren. Wo immer uns "Welt" begegnet, indem wir etwas als etwas wahrnehmen, denken oder kommunizieren, da machen wir Gebrauch vom Medium des Sinns. Die Welt selbst aber wird - wenn diese unpassende territoriale Metapher einmal erlaubt ist - zur beobachterfreien Zone; sie wird zum Inbegriff dessen, was nicht aufgeht in all unserem Unterscheiden und Feststellen: »Die Welt selbst bleibt als stets mitgeführte Seite aller Sinnformen unbeobachtbar.«

Sinn ist Welt-in-einem-Medium. Und die Unabdingbarkeit der Sinnkategorie dokumentiert, daß Welt-ohne-Medium sich uns nicht zeigt. Die Vergewisserung dieses fast schon befremdlichen Letzthorizontes, der mit Luhmanns Weltbegriff konnotiert ist, wird damit zur Konstitutionsakte der grundlegenden Einsicht in eine Medialität, die für psychische oder soziale Systeme nicht außer Kraft zu setzen ist. Wir haben nicht die Welt, sondern immer nur eine historisch kontingente Version von der Welt. Diese Version aber trägt unentrinnbar die Spur der Medien, in und durch deren Gebrauch sie entsteht. Luhmann buchstabiert das Verhältnis zur Welt zwar beobachtungstheoretisch. Doch im Gewande der Beobachtungstheorie ist angelegt, daß wir "die" Welt gar nicht zu "sehen" bekommen. Die Verwendung des Terminus »Sinn« bei Niklas Luhmann führt uns vor, daß die beobachterrelative Medientheorie - wenn sie denn als Phänomenologie der Welt interpretiert wird - die Züge einer Phänomenologie des Unbeobachtbaren annimmt.



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