Niklas Luhmann
Die neuzeitlichen Wissenschaften und die Phänomenologie
Wiener Vorlesungen Picus 1996



Seite 40


Wenn wir die Unterscheidung Bewußtsein/Phänomen in die Unterscheidung Selbstreferenz/Fremdreferenz übersetzen, scheint das ohne Sinnverlust möglich zu sein. Es eröffnet aber zugleich den Zugang zu neueren Bemühungen um eine empirische Epistemologie, um eine an empirischen Systemen orientierte cognitive science.

Wenn es überhaupt kognitionsfähige Systeme gibt, stößt man auf das Problem, daß diese Systeme mit der Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz operieren und nur über Fremdreferenz (also nur »phänomenologisch«) eine Vorstellung von Umwelt errechnen können. Operativ bleibt die Umwelt unzugänglich, da das System nicht in seiner Umwelt operieren kann. Andererseits können die Systeme selbst nicht unterscheiden zwischen der Umwelt, wie sie wirklich ist, und der Umwelt, wie sie sie bezeichnen. »We can never be quite clear whether we are referring to the world as it is or to the world as we see it«.

Diese Schwierigkeit wird durch einen ambivalenten Gebrauch der Vorstellung von »Realität« verdeckt. Irgendwie, meint man nicht ohne Grund, müsse die »Realität« doch kognitiv zugänglich sein. Denn anderenfalls würde die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz selbst kollabieren. Fremdreferenz (Phänomenbewußtsein) wäre letztlich auch nur Selbstreferenz, eben Bewußtsein. Diese Uberlegung dürfte Konsequenzen haben für das, was man unter Rationalität verstehen kann.

Will man die Realitätsillusion aufheben, endet man bei der Erkenntnistheorie des Radikalen Konstruktivismus. Die Umwelt ist operativ und damit auch für Erkenntnis schlechterdings unzugänglich; und gerade darauf beruht die Fähigkeit der Kognition, sie mit Hilfe selbstgewählter Unterscheidungen (für die es keinerlei Umweltkorrelat gibt) zu beobachten und sich, wie man sagt, ein Bild von ihr zu machen.

Da jedoch der Radikale Konstruktivismus als sich selbst markierende Theorie die Unterscheidung von Fremdreferenz- und Selbstreferenz in Selbstreferenz auflöst, gibt das allein keinen Hinweis auf erreichbare Systemrationalität. Dennoch mag es sinnvoll sein, mit dieser Grenzvorstellung einer Paradoxie und mit ihrem Korrelat einer Realitätsillusion zu arbeiten, und zwar gerade dann, wenn es um die Frage eines für heutige Verhältnisse adäquaten Begriffs von Rationalität geht.

In der Tradition der logisch-ontologischen Metaphysik, die Husserl durch eine Epoché genannte Operation ausschalten will, hatte man bereits Selbstkorrekturen der Erkenntnis vorgesehen. Die Logik kannte zwei Werte, sie konnte also wahre und unwahre Aussagen markieren. Alle Erkenntnis war damit einer Überprüfung auf Irrtum hin unterworfen (soweit die Religion das erlaubte). Im 19. Jahrhundert war dies durch eine neue Art von Sophistik erweitert worden, durch eine Theorie der latenten, unbewußten Projektion, die Interessen, verdrängte Bedürfnisse oder einfach Inkonsistenzen im Aufbau des Erkenntnisapparates nach außen projektiert. Im 20. Jahrhundert kamen Analysen der sprachabhängigen Realitätssicht hinzu. Marx, Freud, Whorf, Sapir wären die Namen, an die man hier zu denken hätte. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nahm dann die Tendenz zu, von solchen Theorien Reflexivität, das heißt Anwendung auf sich selbst zu verlangen. In schwer abzugrenzendem Umfang wurden damit Selbstberichtigungsinstrumente durch Selbstbezichtigungsinstrumente ergänzt; und dies nicht nur mit Bezug auf die psychische, sondern auch und erst recht mit Bezug auf die soziale Strukturierung von Kognition. Damit wird der Projektionsverdacht universalisiert - so zum Beispiel im »strong programme« der Wissenschaftsforscher in Edinburgh - und macht sich schließlich in der Firma »Radikaler Konstruktivismus« selbständig. Andererseits kann man sich nicht darauf verständigen, daß die Realität als Welt, wie sie ist, damit jede Bedeutung verliert, denn das würde dem Radikalen Konstruktivismus dasjenige Ende bereiten, daß schon der antiken Skepsis vorhergesagt war: in einen Widerspruch zu sich selbst zu geraten und nur noch als folgenloses Paradox auftreten zu können.

Jetzt scheinen die beiden Komponenten der Husserl-Projektion, die Epoché und die selbstkritische Vernunft, in eine neuartige empirische Problemlage überzugehen. Wie kann man, wäre zu fragen, die Realitätsillusion retten, wenn man doch weiß, daß alles, was als Kognition errechnet wird, intern produziert wird und damit abhängig ist von den Strukturen, die die Identifikation und Unterscheidungen des Systems und ihren rekursiven Gebrauch sichern?

Wenn man den Erfahrungen der Therapeuten trauen darf, liegt die Funktion der Realitätsillusion darin, den Übergang von einer Konstruktion in eine andere zu ermöglichen. Soweit noch mit dem Therapieschema pathologisch/normal gearbeitet wird, heißt dies, daß »Normalität« nicht als bessere Anpassung an eine externe Realität definiert werden kann, wohl aber als eine weniger schmerzhafte, besser erträgliche Konstruktion. Aber auch wenn es nicht um Therapie geht, bietet die Realitätsillusion die Möglichkeit, von einer Konstruktion in eine andere überzugehen.

Die moderne Gesellschaft ist ein polyzentrisches, polykontexturales System. Sie verwendet ganz verschiedene Codes, ganz verschiedene »frames«, ganz verschiedene Leitunterscheidungen je nach dem, ob sie die Welt und sich selbst vom Standpunkt einer Religion oder vom Standpunkt der Wissenschaft, vom Standpunkt des Rechts oder vom Standpunkt der Politik, vom Standpunkt der Erziehung oder vom Standpunkt der Wirtschaft aus beschreibt.

Es muß also, mit Begriffen von Gotthard Günther formuliert, transjunktionale Operationen geben, die es ermöglichen, von einer Kontextur (einer positiv/negativ Unterscheidung) in eine andere überzuwechseln und jeweils zu markieren, welche Unterscheidung man für bestimmte Operationen akzeptiert bzw. rejiziert. Würde man dabei an einer zweiwertigen Logik und an einer Methodologie der Irrtumsprüfung festhalten, würde das die Unterscheidung einer kognitionsfesten Realität ruinieren. Man würde mit Heisenberg nur feststellen können, daß die Realität an sich als ein von Erkenntnis völlig isolierter Gegenstand keine beschreibbaren Eigenschaften hat. Man braucht Realitätsunterstellungen aber nur, um eine Mehrheit von inkommensurablen Konstruktionen akzeptieren und bei Bedarf von einer zu einer anderen übergehen zu können.

Genau das kann der Radikale Konstruktivismus akzeptieren. Denn Realität ist dann nichts weiter als das Korrelat der Paradoxie der selbstreferentiellen Einheit von Selbstreferenz und Fremdreferenz (oder: von Subjekt und Objekt, oder: von Bewußtsein und Phänomen). Und damit ist zugleich gesagt, daß man bei Realität an sich nicht verweilen kann. Sie ist wie ein Paradox auf »Entfaltung« angewiesen. Sie ist nur ein Hilfsmittel, um von einer Konstruktion zu einer anderen zu kommen. Die als Paradox gegebene Realität ist demnach das einzige Wissen, das unbedingt gegeben ist, das im System nicht konditioniert werden kann - und deshalb unfruchtbar bleibt.

Man kann jetzt besser einsehen, welche Perspektiven Husserl eröffnet und zugleich verstellt hatte. Selbstkritisch ist die Vernunft nicht auf Grund ihres europäischen Erbes, sondern nur wenn und nur insofern, als sie ihren eigenen Realitätsglauben auswechseln kann, also nicht an sich selber zu glauben beginnt.

Niklas Luhmann

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Paradox

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