Bernhard Poerksen
Die Gewissheit der Ungewissheit
Gespräche zum Konstruktivismus
Carl Auer 2002

Seite 178
Siegfried Schmidt
WILLKÜR UND KONSTRUKTION
PÖRKSEN Bei Woody Allen heißt es: “Cloquet hasste die Wirklichkeit, aber er sah ein, dass es nach wie vor die einzige Gegend war, wo man ein richtiges Steak kriegen konnte."
SCHMIDT: So ist es. Steaks gibt es nun mal nur in der Wirklichkeit. Und die Frage, ob Steaks konstruiert sind, ist mir unwahrscheinlich gleichgültig. Wer einen Beobachter erster Ordnung mit der These konfrontiert, sein Steak sei nicht wirklich und nur eine Konstruktion, der muss sich zu Recht fragen lassen, ob er noch ganz gesund ist. Das ist nicht die Ebene, auf der der Konstruktivismus abgehandelt wird, den ich konsequent als eine Beobachtertheorie der zweiten Ordnung, als eine Beobachtung von Beobachtern, verstehe.
PÖRKSEN Wie willkürlich und beliebig sind ‑ Ihrer Auffassung nach ‑die Vorstellungen, die wir uns von der Wirklichkeit machen? Auch der Begriff der Konstruktion scheint nahe zu legen, der Einzelne könne sich planvoll und gezielt seine Weltbilder zusammenbauen. Synonym haben manche Konstruktivisten auch davon gesprochen, dass die Wirklichkeit von uns, den Beobachtern, erfunden werde.
SCHMIDT Das ist eine äußerst fahrlässige Rhetorik, die manche der konstruktivistischen Altmeister mit Genuss pflegen; in den Kreisen kleinteilig und seriös argumentierender Wissenschaftler ruft man mit solchen überzogenen Formulierungen bestenfalls Kopfschütteln hervor. Man fragt hier völlig zu Recht: Wenn das Individuum alles alleine macht und konstruiert, wozu brauchen wir dann die Gesellschaft und die Umwelt? Natürlich muss man auch als Konstruktivist darauf hinweisen, dass man die Umwelt nicht einfach wegkürzen kann; sonst wird, wie Niklas Luhmann einmal sehr schön gesagt hat, die Qualle platt; ihr fehlt das Wasser. Und selbstverständlich ist es äußerst peinlich und lächerlich, wenn manche Konstruktivisten ihre eigenen Postulate und Annahmen nicht ernst nehmen und sich die berechtigte Fragen stellen lassen müssen: Woher wisst ihr das alles eigentlich so genau? Das ist das Selbstanwendungs‑ oder Selbstenthauptungsproblem: Wenn es die unbedingt gültigen Belege für die eigenen Thesen gäbe, dann wären dies genau die absoluten Wahrheiten, nach denen der Realist gesucht hat. Was soll es also bedeuten, wenn man mit unbedingter Emphase behauptet, alles sei erfunden? ‑ Mich ärgert ein solches Gerede inzwischen enorm.
PÖRKSEN Sie müssen nun jedem erklären, dass sich ein Verdurstender in der Wüste nicht einfach ein Bier konstruieren kann.
SCHMIDT Genau ‑ das sind die Folgelasten einer extrem komplexitäts­reduzierten Popularisierung, mit denen sich die Konstruktivisten der zweiten Generation nun herumzuschlagen haben. Und wenn man auf eine Konferenz geht, kommt garantiert irgendwer herein und sagt: “Sind Sie es wirklich, oder konstruiere ich Sie gerade?"
PÖRKSEN Was schlagen Sie vor? Wie sollte sich die Diskussion verändern?
SCHMIDT Ich bin dagegen, die populäre Aufregungs‑ und Irritationsrhetorik ungerührt weiter fortzusetzen. Sie hat ihre Funktion längst erfüllt, sie hat den Beobachter ins Zentrum gerückt. Wer immer noch von einer erfundenen Wirklichkeit spricht, der legt nahe, es handele sich um etwas Willkürliches oder Intentionales. Meine Überzeugung ist dagegen: Es gibt kaum Willkürchancen; wir beginnen nie am Anfang und kommen immer schon zu spät. Alles, was bewusst wird, setzt neuronale Aktivitäten voraus, die vom Bewusstsein unabhän­gig sind; alles, was gesagt wird, setzt voraus, dass man eine Spra­che beherrscht. Wirklichkeitskonstruktion ist zahlreichen biologischen, kognitiven, sozialen und kulturellen Bedingungen unterworfen, über die man überhaupt nicht frei verfügen kann; sie widerfährt uns mehr, als dass wir sie bewusst vollziehen. Wir sind ständig in einem atemlosen Prozess der Konstruktion begriffen, der empirisch hochgradig konditioniert ist. Was ist ‑ beispielsweise ‑an unserem Gespräch willkürlich? Ich kann nur das äußern, was ich in meiner gegenwärtigen intellektuellen Situation auf der Pfanne habe. Sie verstehen davon nur das, was Sie eben aufgrund ihrer eigenen Geschichte und Biografie verstehen können. ‑ Wo ist da Willkür?
PÖRKSEN Vermutlich ist es aber gerade die Erlösungshoffnung, sich willkürlich und ohne jede Beschränkung die beste aller möglichen Welten konstruieren zu können, die den Konstruktivismus gegenwärtig so populär macht. Alles hängt nun davon ab, wie der Schlüsselbegriff der Konstruktion gefüllt wird. Was würden Sie sagen?
SCHMIDT Vielleicht sollte man, so denke ich manchmal, weitgehend auf den Konstruktionsbegriff verzichten und eher davon sprechen, dass Wirklichkeit etwas ist, was emergiert, sich allmählich und auf der Basis von Geschichten und Traditionen herausbildet. Natürlich ist der Emergenzbegriff ähnlich vage, aber ihm fehlt ‑ das ist entscheidend ‑ das intentionalistische und voluntaristische Moment.

KONTUREN EINER KONSTRUKTIVISTISCHEN MEDIENTHEORIE
PÖRKSEN Sie haben ‑ um auf ein anderes Thema zu kommen ‑ in einer sehr bekannt gewordenen Einführung mit spürbarer Euphorie den Konstruktivismus als ein “neues Paradigma" gefeiert, das die Grundannahmen verschiedener Disziplinen verändere, zu neuen Betrachtungsweisen führe. Sie selbst arbeiten seit einigen Jahren vor allem als Medien‑ und Kommunikationswissenschaftler. Können Sie die These vom innovativen Effekt konstruktivistischen Denkens am Beispiel dieser Disziplinen illustrieren?
SCHMIDT Besonders deutlich lässt sich diese Veränderung sicher zeigen, wenn es um die Medienwirkungsforschung geht. Zentral ist hier, dass der Rezipient an Bedeutung gewinnt. Er spielt aus konstruktivistischer Sicht eine wichtige Rolle in der Verarbeitung des Medienangebotes. Und für einen derartigen nutzerorientierten Ansatz, der natürlich schon seit längerem diskutiert wird, könnte der Konstruktivismus wirklich hilfreich sein, denn er bringt uns immer wieder dazu, folgende Frage zu stellen: Was sind die Haltepunkte in der Materialität des Medienangebotes, die in einer bestimmten Situation tatsächlich auch aufgegriffen und tatsächlich auch genutzt werden?
PÖRKSEN Diese radikale Orientierung am Rezipienten bedeutet auch, dass der Kommunikationsbegriff demgemäß zu definieren ist.
SCHMIDT Sicher. Alle Vorstellungen, die Kommunikation als einen schlichten Transfer von Informationen begreifen, sind aus dieser Perspektive auszuschließen. Kommunikation wird als Prozess sozialer Sinnkonstruktion im Individuum verstanden. Das Kommunikat wird zum Angebot für Nutzungsoperationen.
PÖRKSEN Worin besteht aus Ihrer Sicht die zentrale Aussage einer konstruktivistischen Medientheorie?
SCHMIDT Fundamental ist, dass das Verhältnis der Begriffe Medienwirklichkeit und Wirklichkeit neu bestimmt wird. Aus konstruktivistischer Perspektive lässt sich nur sagen: Die Wirklichkeit, die die Medien konstruieren, ist die Wirklichkeit, die die Medien konstruieren - und das ist alles! Die Frage, wie sich diese Medienwirklichkeit zur tatsächlichen Wirklichkeit oder eben der Realität verhält, ist nun nur noch ein Thema für philosophisch dilettierende Publizisten, die von der Annahme ausgehen, sie könnten einen Vergleich dieser Wirklichkeiten zustande bringen und dann aufgeregt feststellen: Der Journalismus bildet ja gar nicht die Wirklichkeit ab!
PÖRKSEN Eine bestimmte Medienkritik, die auf einer realistischen Position basiert, verliert demgemäß ihren ontologischen Halt. Wie sieht dann eine Medienkritik aus konstruktivistischer Sicht aus? Worauf bezieht man sich, wenn nicht auf den Vergleich von Medien­wirklichkeit und wahrgenommener “eigentlicher" Wirklichkeit?
SCHMIDT Ein konstruktivistischer Medienkritiker würde die Machart eines Beitrags untersuchen. Seine Themen sind: Selektion, Inszenierung, Formen der Präsentation. Man konnte etwa ‑ um ein Beispiel zu nennen ‑ den Beginn der Intifada im Ersten und Zweiten Deut­schen Fernsehprogramm verfolgen. Die ARD zeigte Polizisten, die Steine zurückwarfen, die Kinder nach ihnen geschmissen hatten. In der Nachrichtensendung des ZDF sah man nur Steine werfende Kin­der. ‑ Die verschiedenen Varianten der Ereignisselektion, der Insze­nierung und Präsentation lassen sich somit vergleichen; man kann Motiwerdacht äußern: Wieso konstruieren zwei verschiedene Sen­der zu ein und demselben Ereignis diese verschiedenen Wirklichkeiten? Warum wird ein Ereignis so und nicht anders gezeigt?
PÖRKSEN Klaus Bresser, Chefredakteur des ZDF, hat einmal gesagt: “Journalisten haben den Beruf, Wahrheit zu vermitteln." Diese Auffassung, die erkenntnistheoretisch der Position des naiven Realismus entspricht, teilt ‑ dies zeigen Untersuchungen ‑ die Mehrheit der Journalisten. Wie lässt sich ein solches berufliches Selbstverständnis kommentieren?
SCHMIDT Man muss, denke ich, dieses, hier zum Ausdruck kommende Berufsethos von dem, was tatsächlich erreicht werden kann, unterscheiden. Dass es zum Berufsethos gehört, nicht bewusst zu täuschen, nicht schlampig zu recherchieren, den Versuch zu machen, “Wahrheit" zu vermitteln, Ereignis und Nachricht möglichst zur Deckung zu bringen ‑ das ist völlig in Ordnung; das sind ethische Standards und Normen mit historisch beglaubigter Nützlichkeit, die sich aus der bewährten Praxis journalistischen Handelns ergeben. Aber natürlich muss jeder Nachrichtenredakteur, der nur halbwegs ehrlich ist, zugeben, dass es knallharte Auswahlregeln gibt. Und wenn ein Journalist dies weiß, dann kann er nicht mehr guten Ge­wissens behaupten, er erzähle den Leuten die Wahrheit.
PÖRKSEN Aber eine solche erkenntnistheoretische Position, die den fortwährenden Zweifel impliziert, ist doch im journalistischen Alltag überhaupt nicht durchhaltbar. Journalisten brauchen Klarheit, sie brauchen die ontologische Fiktion.
SCHMIDT Es wäre schon sehr viel gewonnen, wenn Journalisten überhaupt klar wäre, dass sie diese ontologische Fiktion brauchen. Sie müssten dann vom hohen Ross der wahren Weltbeschreibung herunterkommen.

DIE PRODUKTION VON FAKTEN
PÖRKSEN Um diese Zentralthese zu belegen, dass eine wahre Weltbeschreibung unmöglich ist, greifen Konstruktivisten immer wieder auf empirische Forschungsergebnisse zurück. Man hat ihnen daher vorgeworfen, sie seien auf eine naive Weise empiriehörig und würden zwar nicht an die Wahrheit, aber mit unbedingter Emphase an die Ergebnisse der Hirnforschung glauben. Was ist für einen Konstruktivisten, so stellt sich die Frage, Empirie?
SCHMIDT In meinen Buch Die Zähmung des Blicks versuche ich, eine Antwort zu geben und einen Empiriebegriff aus konstruktivistischer Sicht zu entwickeln. Empirische Forschung besteht für mich in der kontrollierten Herstellung von Fakten; sie hat nichts mit Wirklichkeit oder Wahrheit zu tun, sondern es geht wesentlich darum, bestimmte Verfahrensschritte einzuhalten. Das heißt, dass auch empirisches Wissen nur Wissen von der Welt ist, so wie wir sie erfahren und so wie wir dieses Wissen dann formulieren. Die Fakten, die man herausarbeitet, lassen sich keineswegs im Sinne eines emphatischen Wahrheitsbegriffs interpretieren. Aus diesem Grund spreche ich nun bewusst nicht mehr von einer Datenerhebung, sondern von Faktenproduktion, nicht mehr von Daten, sondern von Fakten: Diese sind gemäß einer wissenssoziologischen Perspektive etwas Gemachtes und Hergestelltes.

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